Wissenschaft : Aggression im Paradiesgarten

Der Botanische Garten eröffnet am Wochenende eine Ausstellung zur „Biologischen Invasion“

Vor dem Straßencafe sonnt sich eine Palme im Kübel, am Thai-Imbiss sprießt der Bambus, im Schlosspark dann ein Meer von Löwenzahn, der Flieder blüht, sein schwerer, süßlicher Geruch hängt in der Luft. Üppiges Grünen und Wuchern wohin man sieht, es umschließt den Botanischen Garten der Universität Potsdam zwischen Orangerie und Neuem Palais. Vor dem Eingang schießt der „Unterwuchs des mitteleuropäischen Laubwaldes“ ins Kraut. Zum Palmenhaus hin dann das „Ostasienquartier“ mit Stauden und Gehölzen aus Fernost. Hinter den Gewächshäusern wird es südlicher, vorbei an Heil- und Gewürzpflanzen und mediterranen Gewächsen landet man schließlich bei den Sukkulenten, den Kakteen. Nach dem harten Winter hängen sie noch etwas verbeult im Sand, aber die Maisonne päppelt sie schon wieder auf.

Palmen, Bambus, fernöstliche Stauden und Kakteen – eigentlich sind sie bei uns nicht zu Hause, doch im Sommer fühlen sie sich auch hier durchaus wohl. Und manch einer dieser „importierten“ Neubürger bleibt gleich hier und breitet sich aus. Immer öfter sind alarmierende Berichte darüber in der Presse zu finden. Dr. Michael Burkart steht neben einem ostasiatischen Riesenknöterich, mit gut zwei Metern überragen die Stauden schon zu Anfang des Sommers locker den Kustos des Botanischen Gartens. „Biologische Invasion“ lautet sein Fazit. Pflanzen die durch den Menschen an Orte gebracht werden, an denen sie eigentlich gar nicht heimisch sind, und sich hier in Ermangelung natürlicher Feinde explosionsartig ausbreiten.

Vor allem auf Inseln ist die „Biologische Invasion“ ein Problem, etwa auf Hawaii, wo sich bereits 132 einheimische Arten der Konkurrenz der eingeschleppten Pflanzen beugen mussten. Nun sind sie ausgestorben. Dass das Phänomen auch bei uns existiert, braucht der Biologe Dr. Burkart gar nicht weiter groß zu erklären. Hinter ihm schießen frech die Ableger des Riesenknöterichs aus dem Weg heraus. „Hier im Potsdamer Raum ist diese Pflanze schon zum Problem geworden, da sie beispielsweise am Havelufer den anderen Pflanzen das Licht wegnimmt“, erklärt der Biologe. Durch ihre pure Anwesenheit verdränge sie andere Arten.

Einst hatte der Knöterich bei den Engländern im 19. Jahrhundert viele Botanik-Preise bekommen. Heute hat er sich in ganz Europa breit gemacht, und die Biologen rätseln, was die Gründe dafür sind. Einerseits nimmt man wie gesagt an, dass das Fehlen natürlicher Feinde eine Rolle spielt, andererseits geht man auch davon aus, dass genetische Veränderungen eine Ursache für die zunehmende Aggressivität der Gewächse sein könnten. Die Forschung zu diesen Frage ist gerade in Potsdam sehr rege, verrät Dr. Burkart. Eine umfassende Ausstellung zu diesem Phänomen, basierend auf den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen wird nun am kommenden Wochenende gemeinsam im Botanischen Garten und im Potsdamer Naturkundemuseum eröffnet. Im Garten wird sie bis 2011 zu sehen sein. Erst gestern erhielt der Botanische Garten neben anderen grünen Projekten für die Ausstellung eine Spende der Mittelbrandenburgischen Sparkasse.

Im Palmenhaus wird zu der Ausstellung eine kleine Installation demonstrieren, wie sich Pflanzen eigentlich auf der Erde ausbreiten. In einem Wasserbecken schaukelt eine Kokosnuss: Sie kann im Salzwasser die Meere ohne Schaden überqueren und dann an neuen Ufern keimen und zur Palme heran wachsen. Die natürliche Ausbreitung der Pflanzen ist aber meist recht beschränkt. Dr. Burkart zeigt auf das Beet mit dem Springkraut, dessen Samen sich durch das Aufspringen der Kapseln fortbewegen – maximal sieben Meter können sie so vorankommen. Der Biologe rechnet vor: In 200 Jahren sind das nur ein paar Kilometer, dennoch hat sich das 1839 in England eingeführte Kraut bis heute in ganz Europa verteilt. Dank des Menschen, der beispielsweise beim Transport von Erde oder auch mit Fahrzeugen, Flugzeugen, Eisenbahnen und Schiffen fremdes Saatgut ungewollt in alle Himmelsrichtungen verteilt. Man denke nur an Heimgärtner, die ihre Gartenabfälle in den Wald kippen. „Das ist ein großer Fehler, dadurch kann ein Konkurrenzausschluss stärkerer, nicht heimischer Pflanzen bei uns ausgelöst werden“, warnt der Biologe Burkart.

Auf diesem Gebiet sind die Fachleute sehr vorsichtig. Im Paradiesgarten auf der anderen Seite der Maulbeerallee wird im Rahmen der Ausstellung auch die nordamerikanische Variante des „Gemeinen Blutweiderichs“ zu sehen sein – allerdings nur im Käfig. Zu groß sei die Gefahr, dass sich der nordamerikanische Blutweiderich ohne Schutzhülle bei uns ausbreitet. Was fatale Folgen haben könnte, denn in Nordamerika hat sich die Pflanze massenhaft in Feuchtgebieten verbreitet und dort viele heimische Arten verdrängt.

Der europäische Blutweiderich hingegen wird in Potsdam ohne Sicherheitsvorkehrungen gezeigt: Er ist nicht so aggressiv wie seine Verwandtschaft aus den USA. Wieso das so ist, weiß die Forschung noch nicht genau. Eine Forschungskooperation der Uni Potsdam mit der Iowa State University hat sich dieser Frage nun angenommen. Die Erkenntnisse daraus sind unverzichtbare Grundlage jeder erfolgreichen Bekämpfung der grünen Invasion, betonen die Biologen. Denn oft genug schon ist der Versuch, biologische Invasionen durch den gezielten Einsatz natürlicher Feinde – etwa Pilze, Mikroben oder Insekten – aufzuhalten, nach hinten losgegangen. „Bevor wir den Teufel mit dem Beelzebub austreiben, müssen wir dem Beelzebub genau auf die Finger schauen“, lautet Burkarts Schluss.

„In der Spur des Menschen – Biologische Invasion“, 22. Mai 2006 bis 25. September 2011 im Botanischen Garten und bis 31. August 2008 im Naturkundemuseum. Die Ausstellung gibt Einblicke über Neubürger im Tier- und Pflanzenreich.

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