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„Menschen werden um ein knappes Gut konkurrieren“ : Aufhebung der Impf-Priorisierung sorgt für Kritik

Dass nun jeder einen Impftermin erhalten kann, sehen Experten kritisch. Drängler könnten bevorteilt und falsche Hoffnungen geschürt werden.

In einigen Ländern ist die Impfpriorisierung beim Hausarzt bereits aufgehoben worden.
In einigen Ländern ist die Impfpriorisierung beim Hausarzt bereits aufgehoben worden.Foto: dpa/Christoph Schmidt

Bayern, Baden-Württemberg haben die Impfpriorisierung in den Arztpraxen bereits aufgehoben, andere Länder kündigten es für die kommende Woche an. Am Montag teilte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn in Berlin nach einem entsprechenden Beschluss der Ressortchefs von Bund und Ländern mit, dass bei den Corona-Impfungen in Deutschland ab dem 7. Juni keine festgelegte Reihenfolge mehr gelten soll. Die Priorisierung soll dann entfallen.

Gegen die Aufhebung der Priorisierung erheben sich jedoch auch kritische Stimmen. Zahlreiche Mediziner sind nicht glücklich mit der Entscheidung, die Impfpriorisierung fallen zu lassen. So warnte unter anderem die Chefin des Ärzteverbandes Marburger Bund, Susanne Johna, bereits vor Spahns Mitteilung davor. Dadurch gebe es nicht mehr Impfstoff, „sondern einfach noch mehr Menschen, die um ein knappes Gut konkurrieren“, sagte sie am Montag im Deutschlandfunk.

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Wer besonders drängele komme dadurch möglicherweise früher zum Zug, als Menschen, die besonders geschützt werden müssen. Schon jetzt fühlten sich viele niedergelassene Ärzte „wie die letzte Mauer“ bei der Impfstoffvergabe.

Ähnliches zeichnet sich gerade in Tschechien ab: Dort können sich seit Montag alle Menschen ab 40 Jahren für einen Corona-Impftermin registrieren. Zu Beginn in der Nacht führte der große Andrang für knapp eine Stunde zum Kollaps des Online-Anmeldesystems. Inzwischen laufe wieder alles normal, teilten die Betreiber mit. Ministerpräsident Andrej Babis hatte die Nachfrage mit einem Tweet selbst angeheizt: „Ihr seid eine starke Altersgruppe und ich hoffe, dass ihr die Registrierung im Sturm nehmt“, schrieb er kurz vor Mitternacht bei Twitter.

Zugleich warten mehr als 100.000 Senioren immer noch auf einen Impftermin bei ihrem Hausarzt. Die Impfzentren befinden sich fast ausschließlich in großen Städten.

Die Impfpriorisierung habe nicht nur die Menschen vorgezogen, die ein Risiko hatten schwer zu erkranken – sondern habe auch Menschen mit einem geringeren Risiko eine Vorstellung davon gegeben, wann sie drankommen, sagte Johna.

Freigabe der Impfstoffe schüre falsche Hoffnungen

„Wenn ich jetzt gleichzeitig allen Menschen die Vorstellung gebe, sie könnten drankommen, gleichzeitig aber das Gut so knapp ist, dass das gar nicht möglich ist, führt das doch zu Frustration.“ Mit Blick auf möglicherweise verkürzte Impfabstände, um etwa früher in den Urlaub zu kommen, sagte Johna: „Das ist einfach medizinisch nicht sinnvoll und so dürfen wir mit dem knappen Gut nicht umgehen.“

Ethikratsmitglied Andreas Lob-Hüdepohl vertritt eine ähnliche Auffassung: Es verstoße gegen das Prinzip der Gerechtigkeit, „die noch nicht durchgeimpften Personen mit höherer Dringlichkeit dem Windhund- und Ellenbogenprinzip auszusetzen“, sagte der Berliner Theologe im Interview mit „Welt“.

Auch der Berliner Allgemeinmediziner Wolfgang Kreische äußerte sich am Montag kritisch im Deutschlandfunk. Seit etwa vier Wochen klingele das Telefon in seiner Praxis so häufig, dass er die Terminvergabe für Impfungen an einen externen Dienstleister ausgelagert habe. Anders gehe es nicht mehr.

Die Impftermine für die kommenden sechs Wochen seien ausgebucht, betonte er. In dieser Situation die Priorisierung aufzuheben, hält er für falsch.

„Man hat zu uns keinerlei Kontakt aufgenommen und es gab keinerlei Absprachen – insofern sind wir von der Politik mehr als enttäuscht im Moment. Ich habe manchmal den Gedanken, es geht hier schon um Wahlkämpfe, sodass wir als Hausärzte jetzt den Schwarzen Peter haben und das ganze Problem managen müssen “

Aufhebung der Priorisierung sei „klassische Verantwortungsverlagerung“

Der Ehrenpräsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, zeigt sich skeptisch, ob eine Verteilung durch die Hausärzte zu einer besseren Verteilung führen werde. Die Aufhebung der Priorisierung sei „die klassische Verantwortungsverlagerung“ der Politik, sagte Montgomery bei RTL/ntv. „Sie macht den schlanken Fuß und schiebt den Hausärzten das Problem zu.“ Das Kernproblem sei der Mangel an Impfstoff, so der Experte.

Den Vorstoß Spahns, die Impfpriorisierung am 7. Juni aufzuheben, kritisierte unterdessen die Deutsche Stiftung Patientenschutz. „Nicht ein Datum darf das Ende der ethischen Reihenfolge bei der Impfung bestimmen. Allein der Impffortschritt in den drei Prioritätsgruppen muss der Maßstab für das Ende der Priorisierung sein“, sagte Vorstand Eugen Brysch der „Rheinischen Post“.

Er warf Spahn vor, dieser kapituliere vor den Alleingängen der Ministerpräsidenten: „Es war ein Fehler, dass nicht der Bundestag die Regeln festgesetzt hat. Kommt im Herbst die notwendige Auffrischungsimpfung für wenigstens 60 Millionen Menschen, sind alle ethischen Leitplanken demoliert. Dann werden nicht mehr die Schwachen und relevanten Berufsgruppen geschützt, sondern es regieren die Starken und Schnellen.“

Brandenburgs Kassenärzte warnen davor, die Corona-Impfreihenfolge aufzuheben

Brandenburgs Kassenärzte haben davor gewarnt, die vorgeschriebene Corona-Impfreihenfolge vorschnell aufzuheben. Hintergrund ist die geringe verfügbare Impfstoffmenge. „Hier werden in der breiten Bevölkerung Hoffnungen auf sehr schnelle Impftermine geweckt, die nicht erfüllt werden können, und es wird viele enttäuschte Impfwillige geben“, warnte der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg (KVBB), Peter Noack, am Montag. Die aktuelle Diskussion sei wenig zielführend, wenn nicht sogar populistisch.

Laut Spahn seien nach aktuellem Stand seien in Deutschland mehr als 40 Millionen Corona-Impfungen verabreicht worden. Bis Ende Mai seien rund 40 Prozent der Bundesbürger mindestens einmal geimpft. Es sei bisher epidemiologisch und moralisch geboten gewesen, an der Priorisierung festzuhalten, unterstrich er. Das sei keine Bürokratie gewesen, sondern habe Menschenleben gerettet. (tsp mit Agenturen)

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