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Vermisst in Berlin : Suche nach Rebecca im Wald wieder ohne Erfolg

Berlins Polizei hat die vermisste Rebecca zwei Tage lang in einem Wald bei Storkow gesucht. Aber auch am Freitag hieß es: Es wurde nichts gefunden.

Alexander Fröhlich
Auf der Suche nach Rebecca Reusch hat die Polizei eine großangelegte Suchaktion in Brandenburg eingeleitet.
Auf der Suche nach Rebecca Reusch hat die Polizei eine großangelegte Suchaktion in Brandenburg eingeleitet.Foto: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa

Auch am zweiten Tag blieb die Suche nach der vermissten Rebecca Reusch in einem Wald in Brandenburg 50 Kilometer südöstlich von Berlin ohne Erfolg. Dabei hatte nach ersten erfolglosen Einsatz am Donnerstag noch mehr Druck gemacht. Am Freitagabend wurde die Suche vorerst beendet, gefunden wurde nichts. Erneut hatte eine Hundertschaft der Berliner Polizei das Waldgebiet bei dem Dorf Kummersdorf mit Stöcken und Spaten durchkämmt - 19 Tage nachdem Rebecca als vermisst gemeldet worden war. Die Polizei setzte am Freitag mehr Suchhunde als am Vortag ein: Neben den Hunden aus Berlin sind auch jeweils zwei Suchhunde aus Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern angefordert worden.

Diesmal kamen neben Leichenspürhunden auch sogenannte Mantrailer-Hunde zum Einsatz. Diese besonders ausgebildeten Tier können menschliche Spuren auch nach Tagen und über lange Strecken noch wittern. Sie wurden nun an den Autobahnabfahrten Friedersdorf und Storkow und entlang einiger Landstraßen eingesetzt - offenbar um mögliche Fahrtstrecken des in Untersuchungshaft sitzenden Schwagers von Rebecca zu prüfen. Die Polizei wolle die Suche auch am Samstag fortsetzen, hieß es am Abend. Ob erneut dieses Waldstück oder andere Stellen abgesucht werden, blieb aber zunächst unklar.

Am Tag zuvor hatte die Berliner Polizei die Suche nach der vermissten Rebecca Reusch in einem Waldstück bei Storkow (Oder-Spree) in Brandenburg am Donnerstagabend gegen 18 Uhr vorläufig abgebrochen. Die seit 17 Tagen vermisste 15-Jährige wurde bis Einbruch der Dunkelheit nicht gefunden. Offenbar konnte die Polizei auch nicht das gesamte Waldstück 50 Kilometer südöstlich von Berlin absuchen, es sei einfach zu groß, wie eine Sprecherin sagte. Ob die Suche in dem Gebiet zwischen den Dörfern Kummersdorf und Wolzig am Freitag fortgesetzt wird, wollte die Polizei nicht sagen und verwies auf ermittlungstaktische Gründe.

Am Donnerstagsvormittag war eine Hundertschaft der Berliner Polizei nach Brandenburg ausgerückt, um bei Storkow das Waldstück nach der vermissten Rebecca Reusch abzusuchen. "Wir gehen einem von vielen Hinweisen nach", hatte ein Sprecher der Berliner Polizei erklärt. Auch ein Hubschrauber der Polizei war im Einsatz.

Etwa 90 Beamte suchten laut Polizei seit 11 Uhr den Kiefern- und Laubwald zwischen Kummersdorf und Wolzig ab. Sie waren mit langen Stöcken und zum Teil mit Schaufeln ausgerüstet. Auch drei Leichensuchhunde und ein Personensuchhund der Polizei waren im Einsatz, ebenso Ermittler der 3. Mordkommission. Vorsorglich waren auch Kriminaltechniker des Landeskriminalamtes angerückt - falls Rebecca oder Spuren von ihr gefunden werden.

Einstufung als Mordfall

Das Waldstück befindet sich an der Straße kurz hinter dem Ortsausgang des Storkower Ortsteils Kummersdorf in Richtung Westen. Auf der Straße reihen sich zahlreiche Einsatzfahrzeuge der Polizei aneinander. Am früheren Nachmittag hat die Polizei bereits Anwohner in Kummersdorf befragt. In dem besagten Waldstück, dass nun abgesucht wird, sollen sich mehrere Lauben befinden.

Der Fall der vermissten Rebecca Reusch wird polizeiintern inzwischen als Mordfall eingestuft. Bislang war nur von einem dringenden Tatverdacht auf Totschlag gegen den Schwager der 15-Jährigen die Rede. Nach Tagesspiegel-Informationen aus Justizkreisen wird der Fall aber bereits unter dem Merkmal der Tatbegehung als Mord geführt.

Die Mordkommission geht inzwischen auch davon aus, dass Rebecca am Tag ihres Verschwindens am 18. Februar das Haus des Schwagers und der ältesten Schwester nicht mehr lebend verlassen hat.

Sie hatte das Wochenende bei ihrer ältesten Schwester und deren Mann in Britz verbracht, am Montagmorgen wollte sie das Haus verlassen und zur Schule gehen – dort kam sie aber nie an. Bisher hatte es geheißen, sie sei auf dem Weg zur Schule verschwunden. Am späten Mittwochabend sagte der Chef der ermittelnden 3. Mordkommission jedoch in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY ungelöst", die Polizei gehe inzwischen davon aus, dass Rebecca das Haus ihrer Schwester nicht selbstständig verlassen habe. Das ergebe sich aus ihrem Telefonverhalten.

Zahlreiche Hinweise nach "Aktenzeichen XY ungelöst"

Nach der Sendung gingen 300 neue Hinweise zu dem Fall ein. Damit erhöht sich die Zahl der Hinweise aus der Bevölkerung im Fall Rebecca auf 700. "Die Mordkommission ist mit der Abarbeitung beschäftigt", sagte eine Polizeisprecherin am Donnerstagvormittag.

Wörtlich sagte der Chef der Mordkommission am Mittwochabend in der ZDF-Sendung: "Wenn wir die allgemeinen Ermittlungen übereinanderlegen, hierbei auch das Telefonverhalten von Rebecca beachten und die Auswertung der Routerdaten aus dem Haus des Schwagers, kommen wir zu dem Schluss, das Rebecca das Haus des Schwagers nicht verlassen haben dürfte. Wenn wir dies voraussetzen, dann war der Schwager mit ihr allein zu fraglichen Tatzeit in diesem Haus."

Der Schwager schweigt in Untersuchungshaft

Rebeccas Schwager war am Montag erneut festgenommen worden. Nachdem ein Richter am Freitag zunächst einen Haftbefehl abgelehnt hatte, war die Staatsanwaltschaft bei einem zweiten Anlauf am Montag erfolgreich. Der 27-jährige Koch sitzt wegen dringenden Tatverdachts in Untersuchungshaft, er schweigt laut Staatsanwaltschaft aber zu den Vorwürfen. In der vergangenen Woche war auch das Haus des Mannes in Britz von Kriminaltechniker des Landeskriminalamtes durchsucht worden.

Zuletzt war das Auto des Schwagers stärker ins Visier der Ermittler gerückt. Am Dienstag veröffentlichten Staatsanwaltschaft und Polizei mit einem Fahndungsaufruf Fotos vom pinkfarbenen Renault Twingo, vom Beschuldigten und von Rebeccas rosa Kuscheldecke. Die Ermittler suchen Zeugen, die den himbeerroten Renault Twingo oder den Schwager an diesen Tagen in Berlin oder in Brandenburg gesehen haben. Am Freitag gab die Polizei bekannt, dass der vorübergehend sichergestellte Wagen wieder freigegeben wurde.

Ausgerechnet am 18. Februar, an jenem Montag, als Rebecca aus dem Haus des Schwagers und ihrer älteren Schwester verschwand, ist der Wagen, der vom Schwager und der Schwester gemeinsam genutzt wird, auf der Autobahn erfasst worden. Der Chef der 3. Mordkommission sagte, es seien "zwei seltsame und klärungsbedürftige Fahrten mit dem Auto des Schwagers." Zu beiden Fahrten kann er keine Angaben machen“, sagte Hoffmann. „Die Fahrten passen aber überhaupt nicht zu der Version, die er erzählt hat.“ Die Polizei habe Widersprüche bei den Aussagen des Mannes festgestellt..

Kennzeichenerfassung der Polizei Brandenburg

Auf der A12 zwischen Berlin Frankfurt (Oder) hat das automatische Kennzeichenerfassungssystem (Kesy) der Brandenburger Polizei den Wagen um 10.47 Uhr registriert. Am Dienstag dann wurde der Wagen um 22.39 Uhr erneut erfasst. „Nach bisherigem Ermittlungsstand hatte zu diesen Zeiten ausschließlich Rebeccas Schwager Zugriff auf diesen Pkw“, erklärte die Staatsanwaltschaft. In dem Wagen hat die Polizei bereits Haare von Rebecca und Fasern der aus dem Haus des Schwagers verschwundenen Fleecedecke gefunden.

Die Eltern und Schwestern von Rebecca halten den Schwager weiterhin für unschuldig. Rebeccas Vater sagte dem Sender RTL am Mittwoch: „Die ganze Nummer hängt mit einer anderen Sache zusammen, die ich aber nicht sagen darf.“ Er bat seinen Schwiegersohn: „Florian, rede einfach! Klär das, damit die ganze Suche in die andere Richtung geht, und zwar in die richtige. Wir müssen Becky finden.“ Der Vater nimmt an, seine Tochter sei entführt worden und befinde sich jetzt in einem Keller oder leerstehenden Haus, wie er der Zeitung „B.Z.“ sagte.

Kritik von Strafverteidigern an Ermittlern und Medien

Die Vereinigung Berliner Strafverteidiger kritisierte das Vorgehen von Polizei und Medien. Die Darstellungen würden die Unvoreingenommenheit und Fairness gegenüber dem Verdächtigen „in der frühesten Phase des Verfahrens“ untergraben. Es sei auch an der Staatsanwaltschaft, „dem rechtswidrigen Treiben von mindestens Teilen der Ermittler entgegenzutreten“. Diese korrumpierten mit der Weitergabe von Informationen an Medien „die Verfahrensfairness möglicherweise irreparabel“. Die Vereinigung der Berliner Strafverteidiger fordert von der Presse, die Vorverurteilung einzustellen.
Die Richtlinien für das Straf- und Bußgeldverfahren regelten klar, "dass die Unterrichtung von Medien durch die Ermittler weder den Untersuchungszweck gefährden noch dem Ergebnis der Hauptverhandlung vorgreifen dürfe und der Anspruch des Beschuldigten auf ein faires Verfahren nicht beeinträchtigt werden darf." Diese "zivilisatorische Errungenschaft" werde von manchen Medien sowie Teilen der Ermittler "gegenwärtig auf dem Altar sich aufschaukelnder Sensationslust geopfert".

- Hinweise nimmt die 3. Mordkommission beim Landeskriminalamt, Keithstraße 30 in 10787 Berlin unter folgender Rufnummer (030) 4664-911333 oder per E-Mail ([email protected]) oder jede andere Polizeidienststelle entgegen.

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