• Deutschland-Premiere gegen Funklöcher : Handy-Empfang auf allen Straßen Brandenburgs exakt ausgemessen

Deutschland-Premiere gegen Funklöcher : Handy-Empfang auf allen Straßen Brandenburgs exakt ausgemessen

Das gab es bisher in keinem Bundesland: Brandenburgs Digitalagentur hat den Empfang auf 38.000 Kilometern gemessen. Was passiert nun mit dem Funkloch-Atlas?  

Thorsten Metzner
Brandenburg, ein weites Feld: Nun mit einem Funkmast mehr.
Brandenburg, ein weites Feld: Nun mit einem Funkmast mehr.Arne Immanuel Bänsch/dpa

Brandenburg macht Ernst im Kampf gegen die berüchtigten Funklöcher, die regelmäßig Handytelefonate oder den Internet-Empfang auf dem Smartphone zusammenbrechen lassen. Die Digitalagentur des Landes (DABB) hat die reale Mobilfunkqualität auf allen Straßen im Land komplett, systematisch und detailliert messen lassen – eine Premiere in Deutschland.

„Es sind über 24 Millionen Datensätze erhoben worden. Brandenburg ist das erste Bundesland mit einer Messung dieser Art“, sagte DABB-Geschäftsführer André Göbel, der im Wirtschaftsausschuss des Landtages jetzt erste Ergebnisse vorstellte. Die Daten sollen nun genutzt werden, um „weiße Flecken“ im Mobilfunknetz endlich zu schließen.

Die Daten werden aktuell ausgewertet. Göbel konnte aber bereits sagen, dass die Ausbaugeschwindigkeit „positiv“ sei, dass 97 Prozent der Straßen mit „technischem LTE“ versorgt seien. Dahinter verbirgt sich der Minimalstandard, dass man zumindest telefonieren kann und das LTE-Netz eines Betreibers zur Verfügung steht.

In höherer Leistungsstärke, nötig für Internetanwendungen, sieht es schwieriger aus. Da schwankt die Abdeckung wischen 56 Prozent auf Kreisstraßen (2810 km), 74 Prozent auf Bundesstraßen (2773 km), 88,7 Prozent auf Autobahnen (1132 km) und 61,13 Prozent auf den Kommunalstraßen der Städte und Dörfer (21207 km). 

Um die Mobilfunkqualität detailliert zu scannen, waren zehn Fahrzeuge der beauftragten Agentur „atene KOM“ seit November 2020 in Brandenburg unterwegs. Mit hochsensibler Messtechnik sind 38.363 Kilometer erfasst worden, das gesamte Straßennetz, also fast Äquatorlänge.

Gemessen aus „Nutzerperspektive“

Die Besonderheit sei, so Göbel, dass man aus „Nutzerperspektive“ gemessen habe. Das heißt, dass nicht allein der Mobilfunkempfang in drei Metern Höhe gemessen wurde, also nach dem offiziellen Messverfahren der Bundesnetzagentur. Zusätzlich wurde auch in 1,5 Meter Höhe gemessen, was das „typische Nutzungsverhalten normaler Anwender“ widerspiegle, hieß es.

Funklochjäger im Einsatz - aus der Präsentation für den Landtag
Funklochjäger im Einsatz - aus der Präsentation für den LandtagFoto: Metzner

Laut Digitalagentur waren alle Fahrzeuge mit identischen Messaufbauten versehen, mit kalibrierten Mobilfunkscannern und Smartphones, „welche je Telekommunikationsanbieter in 1,50 Meter und drei Metern Höhe den Empfang gemessen haben.“ Wie Göbel sagte, wurde je nach Straßentyp alle 80, 50 oder sogar 25 Meter gemessen, engmaschig wie nie.

Zusätzlich sei die Leistungsfähigkeit des LTE-Netzes (auch der Downloadraten) an eintausend „besonderen Orten“ im Land gemessen worden – in Ortskernen, Industrie- und Gewerbegebieten, in touristisch bedeutsamen Arealen und nahe von  Schulen. Wenn Schulen nicht am Glasfasernetz sind oder nur schlechte DSL-Anschlüsse haben, könnte dort LTE übergangsweise oder zusätzlich helfen.

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Und was passiert mit dem digitalen Funkloch-Atlas Brandenburgs? Die Daten sollen Kommunen, Landes- und Bundesbehörden zu Verfügung gestellt werden, um Breitbandausbauprojekte präziser planen zu können, sagte Göbel. Und mit dieser validen Datengrundlage könne man in „einen konstruktiven Dialog“ mit den Mobilfunkanbieter gehen, um gezielt Funklöcher zu schließen.

Im Ausschuss sprach sich der Grünen-Abgeordnete Heiner Klemp zudem dafür aus, nach den Straßen auch die Mobilfunkabdeckung auf den Schienentrassen und auf für den Tourismus wichtigen Flüssen und Seen zu messen. Göbel schloss das nicht aus: „Geben sie uns noch einige Wochen, einige Monate Zeit, bis wir Herr über die 24 Millionen Datensätze geworden sind.“ Dann werde man sehen.

Tausend besondere Orte der Mark: An den blauen Punkten gibt es einen Provider, an den gelben zwei, an den roten drei. 
Tausend besondere Orte der Mark: An den blauen Punkten gibt es einen Provider, an den gelben zwei, an den roten drei. Foto: DABB

Woidke und Kenia-Koalition versprechen bis 2024 flächendeckendes LTE-Netz 

Es ist ein Dauerbrenner. In der letzten Legislaturperiode hatte die die damlige CDU-Opposition die Bevölkerung aufgerufen, über einen "Funklochmelder" konkrete Lücken zu melden, worauf 23 000 Meldungen eingingen. Es gab immer wieder Vorfälle, wo Notrufe wegen fehlenden Netzes nicht abgesandt werden konnten. Wegen der Rückstände bei der Digitalisierung war noch in der rot-roten Regierung 2018 die neue Digitalagentur als Tochter der Investitionsbank (ILB) gegründet worden. Die Mobilfunkerfassung ist derzeit eins der wichtigsten Projekte der DABB. 

Die Zeit drängt. Das von Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) geführte Regierungsbündnis aus SPD, CDU und Grünen, das Brandenburg seit November 2019 regiert, hat im Koalitionsvertrag für diese Wahlperiode bis 2024 versprochen: „Die Koalition wird daher sicherstellen, dass ein leistungsfähiges Mobilfunknetz auf 4G/LTE-Niveau zügig und flächendeckend in allen Teilen Brandenburgs bereitgestellt wird“.

Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD) hatte nach Amtsantritt in einem Interview mit dieser Zeitung angekündigt: "Zuerst müssen die aktuellen Lücken bei der Mobilfunkversorgung geschlossen werden. Eine Grundausstattung, dass man überall mit dem Handy telefonieren kann, muss erste Priorität sein. Ich erlebe das ja selber in meiner praktischen Arbeit." 

Und Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) sagte Ende 2019 in einer seiner ersten Regierungserklärungen nach seiner Wiederwahl: „Die Menschen erwarten zurecht, dass wir die Funklöcher schließen.“