• Zocken bei Nulldrei: Wie sich der SV Babelsberg im e-Sports engagiert

Zocken bei Nulldrei : Wie sich der SV Babelsberg im e-Sports engagiert

Der Potsdamer Kiezklub ist vor allem für seine Fußballer bekannt. Seit fast zwei Jahren machen aber auch virtuelle Kicker den SVB überregional bekannt. E-Sports ist eine aufstrebende Branche - und in Coronazeiten eine Alternative. 

Der Fußballbetrieb ruht derzeit - doch online kann virtuell gekickt werden.
Der Fußballbetrieb ruht derzeit - doch online kann virtuell gekickt werden.Foto: Britta Pedersen/dpa

Potsdam - Beim SV Babelsberg 03 herrscht Fußball-Hochbetrieb. Es wird trainiert, zahlreiche Spiele finden statt. „Es läuft alles normal weiter“, sagt Marco Stockenreiter. „Corona stoppt uns nicht.“ Der SVB verstößt dabei gegen keine Verbote während der Virus-Pandemie. Die Aktivitäten auf dem Rasen, von denen Stockenreiter spricht, sind schließlich nur virtuell. Der 26-Jährige ist Leiter der Abteilung e-Sports beim Kiezklub. Gespielt wird daheim auf der Playstation die Fußball-Simulation „Fifa“.

Im Sommer 2018 wurde die SVB-Sektion gegründet. Zuvor hatten sich Interessierte an die Nulldreier gewandt und angeboten, den Bereich aufzubauen. „Wir wollen eine Breite im Verein mit vielen Facetten. Und wir sind ein moderner, weltoffener Klub, der weiß, dass es im e-Sports viel Bewegung gibt“, sagt Vorstandsmitglied Thoralf Höntze. „Daher haben wir das Angebot gerne angenommen.“

SVB-Truppe verteilt sich über ganz Deutschland

Stockenreiter war früher aktiver Fußballer in einem Verein, ehe er wegen der Arbeit nicht mehr die Zeit dafür fand. Aber e-Sports ließ sich noch gut organisieren. Seit Anfang dieses Jahres leitet er offiziell die Nulldrei-Abteilung. Ende 2018 war er als Spieler dazugestoßen. Auf etwa 30 bis 35 Mitglieder wächst die Truppe momentan an. Potsdam ist zwar die Heimat des SVB, aber zur Mannschaft gehören nur eine Handvoll Zocker aus Brandenburgs Landeshauptstadt und deren direkter Umgebung. Ansonsten speist sich das Team aus dem gesamten Bundesgebiet. Nord, Ost, Süd und West sind vertreten. Stockenreiter selbst, ein Metallbauer für Konstruktionstechnik, lebt in der Nähe von München. „Das ist das Besondere am e-Sport. Durch die digitale Vernetzung gibt es einfach keine räumlichen Hindernisse“, sagt er. „Wir sitzen irgendwo verstreut, aber es herrscht trotzdem ein Wir-Gefühl. Wir verstehen uns als Einheit.“

Marco Stockenreiter ist der Leiter der Abteilung e-Sports beim SV Babelsberg 03.
Marco Stockenreiter ist der Leiter der Abteilung e-Sports beim SV Babelsberg 03.Foto: privat

Das ist ein wichtiger Faktor, um erfolgreich zu sein. Die Babelsberger e-Kicker haben als Gründungsmitglied der NGL Premiership bisher einmal die Vizemeisterschaft und einmal den dritten Platz in diesem Wettbewerb erkämpft. Es ist eine Liga für Teams, die einem eingetragenen Fußballverein aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz angehören. Mit dabei sind unter anderem Austria Wien, Wacker Innsbruck, Rot-Weiß Essen, Alemannia Aachen und der FC St. Pauli, zu dem der SVB im virtuellen wie auch realen Fußball eine Freundschaft pflegt.

Eines der besten deutschen Teams im Elf-gegen-Elf-Spiel

Der Spielmodus ist hierbei „Pro Club“. Heißt, in jeder Mannschaft werden die elf Akteure auch von elf e-Sportlern gesteuert. Jeder übernimmt einen. Abstimmung ist entscheidend. Daher wird drei- bis viermal pro Woche als Mannschaft zusammen trainiert, abends von 20 bis 22 Uhr. Das Trainingsprogramm wird durch Online-Testspiele gegen andere Pro-Club-Teams gebildet. „Wir setzen uns dann immer Schwerpunkte – auf bestimmte Spielzüge, Taktiken oder Standardsituationen“, erklärt Stockenreiter. Kommuniziert wird stets über Headsets, um sich Kommandos zu geben. Am Ende der Einheit folgt eine Auswertung, auch mit Videoanalyse. „Es läuft alles sehr ähnlich wie im echten Fußball ab“, betont Stockenreiter. Er und seine Mitstreiter trainieren zudem auch individuell, bestreiten weitere Turnierformate.

Mit Offline-Turnieren werden große Hallen gefüllt - momentan jedoch wegen der Coronakrise nicht.
Mit Offline-Turnieren werden große Hallen gefüllt - momentan jedoch wegen der Coronakrise nicht.Foto: imago/Camera 4

Neben den Team-Wettbewerben startet der SVB auch im Einzelspielermodus. Der gebürtige Potsdamer William Ostermann und Pascal Hempel aus Filderstadt vertreten die blau-weiße Equipe bei den Turnieren. Mit ihren selbst zusammengestellten „Fifa Ultimate Teams“ nehmen sie unter Nulldrei-Flagge an Online-Turnieren teil, über die sich für Offline-Wettkämpfe in Europa qualifiziert werden kann. Der weitere Weg führt zur offiziellen Weltmeisterschaft. Bisher habe es noch nicht ganz für das SVB-Duo mit der Offline-Runde geklappt. „Aber das ist in Arbeit“, sagt Stockenreiter. „Die Jungs haben Potenzial.“

DOSB-Analyse: e-Sports ist kein Sport

Was auch für die e-Sports-Szene generell gilt. Der weltweit jährliche Umsatz liegt im Bereich um rund eine Milliarde US-Dollar. Tendenz steigend. Der Großteil der Summe generiert sich durch Übertragungsrechte für die Turniere sowie Sponsoring. Immer mehr Menschen geben sich dem wettkampfmäßigen Daddeln hin, weshalb sogar über eine olympische Perspektive diskutiert wird. Die Bundesregierung hielt die Förderung von e-Sport in ihrem Koalitionsvertrag von 2018 fest. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hat sich seitdem damit beschäftigt, ob er das Konsolenspielen unter seinem Dach aufnimmt. Das ist vorerst abgelehnt, nachdem ein vom DOSB in Auftrag gegebenes Gutachten attestierte, es könne nicht von Sport die Rede sein. Der Begriff Sport sei „durch die langjährige Rechtssprechung im traditionellen Sinne der Anforderungen an die Körperlichkeit konkretisiert“, heißt es in dem Dokument. Jegliches Spiel an der Konsole falle nicht unter diesen und sei „kein Sport im Sinne des geltenden Rechts“. Kritiker hadern mit der Definitionsauslegung. Sie betonen, dass ja auch Schießen, Darts, Billard und Schach vom DOSB anerkannt seien, obwohl dabei wenig Körperlichkeit vorliege.

Ist das echter Sport? Diese Frage wird heiß diskutiert.
Ist das echter Sport? Diese Frage wird heiß diskutiert.Foto: imago/Bildbyran

Marco Stockenreiter hat Verständnis für die Frontenbildung. „Es ist ein zwiespältiges Thema“, sagt er. „Die körperliche Ertüchtigung ist im e-Sports natürlich nicht so groß, denn nur die Finger flitzen über den Controller.“ Aber es brauche trotzdem eine gute allgemeine Fitness, um auf hohem Level zu bestehen. „Und vor allem ist es wie im Schach viel mentale Arbeit. Konzentrations- und Reaktionsfähigkeit sind gefragt.“

SVB zieht klare Grenze bei den Spielinhalten

Der DOSB hatte bei seiner Analyse des Themas auch eine Differenzierung hinsichtlich der Spielinhalte vorgenommen. Es wurde unterschieden zwischen Sportsimulationen und zum Beispiel den in der e-Sports-Gemeinschaft noch weitaus populäreren Ego-Shootern. „Für uns ist da auch eindeutig eine Grenze gezogen“, sagt SVB-Vorstandsmitglied Höntze. „Wir sind ein Sportverein mit klaren Werten. Es ist ausgeschlossen, dass unter unserem Dach Spiele mit Waffengewalt betrieben werden. Das würde sich mit unserer Philosophie beißen.“

No-Go: Der SVB erlaubt bei sich keine Egoshooter-Spiele.
No-Go: Der SVB erlaubt bei sich keine Egoshooter-Spiele.Foto: imago/Christian Grube

Ansonsten versuche der SVB, seine e-Sportler möglichst gut zu unterstützen, sagt Höntze. Bei Fragen der Organisation stehe die Vereinsführung immer mit Rat und Tat zur Seite, auch bei der Sponsorensuche werde geholfen. „Der Austausch ist eng und gut“, bestätigt Stockenreiter, dessen Abteilung sich aus Sponsorengeldern und den Mitgliedsbeiträgen finanziert. Bezahlt werden davon Startgebühren und die Teamausrüstung. Aktuell laufen die Vorbereitungen für die neue NGL-Premiership-Saison, die demnächst beginnt. „Irgendwann den Titel zu holen, wäre klasse“, sagt der Sektionsleiter, der für die Zukunft auch noch mehr regionale Spieler für das Team gewinnen wolle. Neue Akteure werden per Scouting gefunden oder bieten sich an. Auch ein Transferfenster, in dem Spielerwechsel erlaubt sind, gibt es.

Steigende Streaming-Werte in der Coronakrise

Trainiert und gespielt werden kann auch in der Coronakrise. Solange das Leitmotto „stay home“ befolgt wird. Große Offline-Turnier, die mehrere tausend Zuschauer in Arenen locken und im Fernsehen übertragen werden, wurden hingegen auch abgesagt. Wirtschaftliche Einbußen drohen. Aber weil gerade der allgemeine komplett Sportbetrieb ruht, rücken e-Varianten grundsätzlich stärker in den Fokus. Zahlreiche deutsche Profivereine beteiligen sich an der „Bundesliga Home Challenge“, bei der pro Team ein Spieler aus der virtuellen Bundesliga mit einem Profikicker zusammenagiert. Formel-1-Simulationen werden als Ersatz für verschobene Grand-Prix-Rennen genutzt. Und viele Menschen schauen via Internet-Livestreams zu.

Das Portal Twitch ist führend am Streaming-Markt für e-Sports. Auch der SV Babelsberg ist dort mit seinem Kanal „03esportsTV“ vertreten und überträgt dort Partien. Die vielen Einschränkungen aufgrund der Coronavirus-Pandemie sorgen dafür, dass die Leute vermehrt zu Hause sind. E-Sports-Angebote bieten Unterhaltung, wenn die Langeweile plagt. So verzeichnet Twitch seit der Kalenderwoche 10 Anfang März deutlich steigende Werte bei den Statistiken. Von durchschnittlich 1,4 Millionen Zuschauern täglich und 53.000 Live-Kanälen wurden inzwischen fast 2,1 Millionen Tageszuschauer bei 83.500 Kanälen erreicht. Es herrscht Hochbetrieb.

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