• Wechsel-Spiel unterm Hallendach

Sport : Wechsel-Spiel unterm Hallendach

Die Fußball-Oberen der Nation wollen Futsal salonfähig machen. Im Land des Weltmeisters ist das nicht so einfach

Wissenschaftlich erwiesen. Studien zeigen, dass Futsal die technischen Fähigkeiten vor allem junger Spieler stärker fördert als der traditionelle Hallenfußball.
Wissenschaftlich erwiesen. Studien zeigen, dass Futsal die technischen Fähigkeiten vor allem junger Spieler stärker fördert als...Foto: Antonio Bat/dpa

Deutschland ist ein Entwicklungsland. Wer das behauptet, wird mit großer Sicherheit verwunderte Blicke ernten. Wenn man dann auch noch sagt, dass man dies auf den Fußball beziehe, dürfte das Unverständnis auf ein Höchstmaß steigen. Aber Deutschland ist tatsächlich ein Fußball-Entwicklungsland. Oder besser gesagt: ein Futsal-Entwicklungsland.

Der Begriff Futsal kommt aus dem portugiesischen Sprachgebrauch, setzt sich aus den Wörtern futebol und salão zusammen und heißt übersetzt Hallenfußball. Futsal ist seit vielen Jahren die offizielle Hallenfußball-Variante des Weltverbandes Fifa. Weltweit hat sich diese Form beim Kick in der Halle etabliert. Nur nicht in Deutschland. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) als oberster Fachverband des amtierenden Fußball-Weltmeisters will diesen Zustand aber ändern. Daher hat die DFB-Spitze – auch auf Druck der Fifa – beschlossen, seit dem 1. Januar 2015 offizielle Jugendturniere, also zum Beispiel Kreis- und Landesmeisterschaften, nach Futsal-Regeln durchzuführen. Ab 2016 wird der Erwachsenenbereich dazu verpflichtet, sodass dann bei Hallen-Meisterschaften ausschließlich König Futsal regieren wird.

Aufgrund dieser Direktive wird der DFB-Hallenpokal der Frauen ab dem kommenden Jahr aus dem Kalender des 1. FFC Turbine Potsdam verschwinden, denn die Bundesliga-Vereine haben sich gegen eine Durchführung in Form eines Futsal-Turnieres ausgesprochen.

Nicht nur die Frauen-Bundesligisten stellten sich quer. Die Verantwortlichen der Verbände sahen sich nach der Bekanntgabe dieser Umstellung mit reichlich Vorbehalten an der Fußball-Basis konfrontiert. Denn Futsal wird nach anderen Regeln gespielt im Vergleich zum klassischen Hallenfußball. Anderer Ball, andere Tore, keine Banden: viel Neues unter dem Hallendach.

Die Vereine wurden auf diese Umstellung durch kostenfreie Schulungen vorbereitet – angeboten wurden diese in den acht Fußballkreisen des Fußball-Landesverbands Brandenburg (FLB). Eine Teilnahme war nicht verpflichtend. „Aber die Resonanz war sehr gut“, urteilt der verantwortliche FLB-Geschäftsstellenmitarbeiter Martin Hagemeister.

Aber nicht nur die Spieler und Trainer müssen durch den erneuerten Spielbetrieb umdenken, auch die Schiedsrichter haben auf veränderte Regeln zu achten und wurden entsprechend durch den Landesverband geschult. Durch das Futsal-Reglement werde „eine faire Spielweise gefördert“, findet FLB-Präsident Siegfried Kirschen und spielt damit vor allem auf das generelle Grätschen-Verbot an, das er als wohltuend bezeichnet. Dennoch verweist Kirschen ausdrücklich darauf, dass Futsal nur bei offiziellen Meisterschaften gespielt werden müsse: „Bei privat ausgerichteten Turnieren kann nach wie vor Hallenfußball nach traditioneller Art gespielt werden.“ Vom Aussterben bedroht ist diese Form also nicht.

Die ersten Futsal-Turniere sind in der Region inzwischen absolviert und „die Akzeptanz durch die Trainer und Klubs ist spürbar gestiegen“, schildert Martin Hagemeister. „Ich habe auch überwiegend äußerst positive Rückmeldungen vonseiten der Vereine erhalten“, pflichtet ihm Oliver Knerr, Vorsitzender des Jugendausschusses im Fußballkreis Havelland, bei: „Lediglich hinsichtlich der Regelungen für die Torhüter wurde Kritik geäußert.“ Diese seien kompliziert, denn das Anspielen des Keepers durch einen eigenen Mitspieler ist beim Futsal nicht erlaubt. „Aber auch daran werden sich die Spieler gewöhnen.“ Knerr ist der festen Überzeugung, dass die Umstellung zielführend ist. „Der Ball ist besser zu kontrollieren und macht es damit den Kindern leichter. Das spielerische Niveau steigt daher.“

Die noch junge Futsal-Brandenburgliga hat derweil vor wenigen Wochen mit dem Futsal-Team Neuenhagen ihren Meister gefunden. Fünf Teams spielten im Turniermodus jeweils viermal gegeneinander. Allein der Umstand, dass sich die Teams während der Turniere gegenseitig mit Spielern aushalfen und die Liga auch in der kommenden Saison nur fünf Teams zählt, zeigt: Noch findet Futsal nicht den großen Zuspruch der Aktiven.

Brandenburgs Vize-Meister wurde der Universität-Futsalklub Potsdam (UFK). Dort spielt Willi Reinke nicht nur, er gibt auch Kurse an der Uni Potsdam im Rahmen des Sportstudiums. Der aktuelle Kurs ist ausgebucht, was nicht zwingend mit der hohen Nachfrage, sondern eher mit den knapp bemessenen Kapazitäten in einer Schulsporthalle in Potsdam-West zu tun hat. Am Beginn des Uni-Kurses steht ein Theorieteil mit Regelkunde, „ansonsten wird nur gespielt“, sagt Reinke.

Der 26-jährige Student der Sportwissenschaften hat sich in seiner Bachelorarbeit mit der Frage auseinandergesetzt, ob beim Futsal weniger technische Fehler gemacht werden als beim Fußball auf der grünen Wiese. Das Ergebnis seiner Studie: „Es gibt keinen Unterschied.“

Auch Sportwissenschaftler der Universität Frankfurt am Main haben Futsal zum Gegenstand einer Studie mit 410 Jugendlichen im Alter von zehn bis zwölf Jahren gemacht, die der DFB veröffentlicht hat. Sie untersuchten per Videoanalyse, wie sich das Verhalten im Spiel bei Verwendung eines gewöhnlichen Fußballs, eines Filzballs und eines Futsal-Balls ändert. Ihre Erkenntnisse: Die technischen Fertigkeiten werden beim Futsal besonders stark gefördert, die Handlungsschnelligkeit wird gesteigert. Deshalb sei diese Spielform vor allem im Nachwuchsbereich „von großer Bedeutung“, findet FLB-Präsident Kirschen.

Zwei Große der Fußballzunft würden das unterschreiben. „In Argentinien habe ich als kleiner Junge sehr viel Futsal gespielt. Dieses Spiel hat wirklich viel Spaß gemacht und mir in meiner Entwicklung sehr geholfen.“ Und: „Wir sind in Portugal mit Futsal aufgewachsen. Ohne dieses Spiel wäre ich nicht der geworden, der ich heute bin.“ So denken die Weltfußballer Lionel Messi und Cristiano Ronaldo.