• Potsdamer Schwimmsport: In der Strömung

Potsdamer Schwimmsport : In der Strömung

Wie geht es weiter im Brandenburger Schwimmsport und mit dem Stützpunkt in Potsdam? Jörg Hoffmann soll nun doch den Cheftrainerposten bekommen, die Lehrertrainer hadern, im Landesverband steht ein radikaler Umbruch bevor und drei vielversprechende Talente sind weg.

Viel aufgewirbeltes Wasser. Die Diskussion um Potsdams Schwimm-Bundesstützpunkt, der über eine Gegenstromanlage verfügt, zieht sich seit Monaten.Alle Bilder anzeigen
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01.03.2018 20:20Viel aufgewirbeltes Wasser. Die Diskussion um Potsdams Schwimm-Bundesstützpunkt, der über eine Gegenstromanlage verfügt, zieht...

Es hat etwas vom Training im Strömungskanal. Bei der Debatte um den Schwimm-Bundesstützpunkt Potsdam wurde wegen der Personalie des Bundesstützpunkttrainers viel Wasser aufgewirbelt, energisch mit den Beinen gestrampelt und Armen gepaddelt – um letztlich scheinbar doch auf der Stelle zu bleiben. Der vakante Posten soll nach PNN-Informationen nun durch den Deutschen Schwimm-Verband (DSV) mit Jörg Hoffmann besetzt werden. Vor knapp einem Jahr war das bereits genau so angedacht. Damals kam es allerdings nicht dazu, weil der Landesschwimmverband Brandenburg (LSVBB) diese Entscheidung nicht unterstützte und daher auch die entsprechende Kooperationsvereinbarung nicht unterschrieb.

Jetzt also doch Jörg Hoffmann, der einstige Weltrekordhalter über 1500 Meter Freistil, der seit 2005 als Coach am Luftschiffhafen tätig ist und bislang zwei EM-Medaillen, eine Olympiafinalteilnahme und zwei paralympische WM-Titel als größte Erfolge seiner Trainerkarriere aufweist. Gerade bei Chefbundestrainer Henning Lambertz steht Hoffmann schon seit Langem hoch im Kurs. Lambertz lobte mehrfach unter anderem seine „innovative Trainingsmethodik“. Eine offizielle Bestätigung, dass Jörg Hoffmann fortan den Posten als Potsdamer Bundesstützpunktcoach übernimmt, gibt Ruben Goebel bislang nicht. Der DSV-Leistungssportdirektor teilte nach zahlreichen Anfragen mit, das Einstellungsprozedere sei noch nicht gänzlich abgeschlossen, es stehe noch ein Okay durch den Deutschen Olympischen Sportbund aus. Solange würde die Personalie nicht kommentiert. Auch Jörg Hoffmann hatte den PNN bereits deutlich gemacht, sich nicht während des schwebenden Verfahrens zu äußern.

Differenzen zwischen Lehrertrainern und Hoffmann

Kommt es zur Inthronisierung des 48-Jährigen, wäre ein richtungsweisender Meilenstein für den Schwimmstandort Potsdam gesetzt. Doch wie es mit dem Leistungszentrum weitergeht, bliebe trotzdem offen. Schließlich hat sich die kritische Lage nicht aufgelöst. Denn weiterhin herrschen Differenzen zwischen einigen der für das Schwimmen verantwortlichen Sportschul-Lehrertrainern und Jörg Hoffmann, was das LSVBB-Präsidium einst veranlasst hatte, sein Kooperationsveto einzulegen – verbunden mit dem Wunsch, eine externe, unbefangene Person auf der Leitungsposition zu installieren.

Die Schwimmtrainer aus dem Potsdamer Schule-Leistungssport-Verbund gehören hierzulande rein faktisch zu den erfolgreichsten ihrer Zunft. Ihre nationale Medaillenbilanz füllt mehrere A4-Seiten, zudem formten sie etliche Junioren-Europa- und -Weltmeister. Von den elf deutschen Nachwuchsathleten, die sich 2017 über eine Einzelstrecke für die JWM qualifiziert hatten, kamen fünf aus Brandenburgs Landeshauptstadt. „Kein anderer Stützpunkt Deutschlands war in den vergangenen Jahren so stark wie wir bei der Jugendarbeit“, hat Lehrertrainer Marko Letz ausgewertet.

Lehrertrainer fühlen sich nicht gewertschätzt

Und trotzdem genießen Potsdams schulbedienstete Schwimmcoaches laut Letz nicht die angemessene Wertschätzung von Jörg Hoffmann, der vor allem für den Erwachsenenbereich zuständig ist. „Wir werden von Jörg diskreditiert“, sagt Marko Letz stellvertretend. Er rede ihre Arbeit etwa vor Chefbundestrainer Henning Lambertz schlecht. Versuche, die verhärteten Fronten mittels Mediationen aufzuweichen, blieben bisher ohne positiven Ausgang. Letz, der sich selbst um den obersten Posten am Standort beworben hatte und wegen seiner kritischen Art beim DSV in Ungnade gefallen ist, hadert mit der Herangehensweise des Spitzenfachverbandes, insbesondere von Henning Lambertz: „Es wird mit aller Macht versucht, hier alles um Jörg herum aufzubauen.“

Als Beispiel könne die zweimalige Ausschreibung für die Bundesstützpunkttrainerstelle angeführt werden. Beim ersten Mal wurde ein abgeschlossenes Sportwissenschaft-Hochschulstudium unter Voraussetzungen genannt. Hoffmann hat das nicht. In der zweiten Runde, für die der LSVBB bereits vorab verbindlich die Kooperationsvereinbarung mit dem DSV eingehen musste, wurde der Passus geändert, sodass auch eine „adäquate Erfahrung als Trainer in der Sportart Schwimmen“ ausreicht. „Kein Studium, die A-Trainer-Lizenz im Schnelldurchlauf erworben – wir können es nicht nachvollziehen, warum unbedingt er die Führungskompetenz über uns, die eine umfangreiche fachliche Ausbildung haben, bekommen soll“, meint Marko Letz.

Die vier Sportschul-Lehrertrainer erwägen Weggang

Zu seinen aktiven Leistungssportzeiten galt Jörg Hoffmann – der Mann für die langen Strecken, der sich wie kaum ein anderer quälen konnte – als grummeliger, introvertierter Einzelgänger. Auch in der Trainerrolle war er zunächst eher einsilbig, wenig kommunikativ. Doch attestieren ihm Athleten ebenso wie Funktionäre, eine gute persönliche Entwicklung genommen zu haben, offener geworden zu sein. Als vor etwa einem Jahr der nationale Verband ihn im ersten Versuch die Leitungsfunktion am Luftschiffhafen übertragen wollte, hatte er sich im Gespräch mit der Märkischen Allgemeinen Zeitung auch kollegial und kooperativ gezeigt. Er freue sich auf die Aufgabe und wolle mit den anderen Trainern in Potsdam etwas aufbauen, sagte Hoffmann damals.

Eine Hoffnung, um der bestehenden Problematik entgegenzusteuern, gibt es aber noch. Der Olympiastützpunkt Brandenburg (OSP) und der DSV haben eine durch Bund sowie Land mischfinanzierte Schwimmtrainerstelle in Potsdam zum 1. April 2018 ausgeschrieben. Genau diese hatte bislang Jörg Hoffmann inne. Gelingt es, mit der neuen Personalie frischen Wind in die dicke Schwimmhallenluft zu bringen und auch eine gewisse Vermittlerkompetenz zu etablieren, könnte der Disput eingedämmt werden. „Wir sind optimistisch, dass sich die Dinge gut auflösen“, sagt Harry Kappell.

Potsdamer JWM-Trio ist nach Heidelberg gewechselt

Er ist seit April 2017 der OSP-Bereichsleiter Potsdam. Viel beschäftigte ihn seitdem die Situation im hiesigen Schwimmsport und zwischen den Trainern. „Das ist eine komplexe Geschichte, die sich über viele Jahre hinweg entwickelt hat. Aus verschiedenen Gründen sind dabei die Strukturen für einen geordneten, langfristigen Leistungsaufbau aus den Fugen geraten. Wir wollen diese Strukturen wiederherstellen, um perspektivisch optimal arbeiten zu können“, erklärt Kappell. „Fachlich sind sehr gute Leute am Werk. Ich hoffe, dass sie künftig an einem Strang ziehen und den weiteren Weg mitgehen.“ Das ist jedoch fraglich. Nach PNN-Informationen erwägen die vier Lehrertrainer Marko Letz, Thomas Luckau, Katrin Seitz und der Hoffmann wohlgesonnene Matthias Pönisch einen Weggang – allerdings, das gilt es zu betonen, nicht allein nur wegen der Dissonanzen mit Hoffmann. Drei von ihnen sollen sogar einen Versetzungsantrag beim Landesschulamt gestellt haben.

Bereits weg sind drei hoffnungsvolle Talente. Die viele Jahre durch Lehrertrainer geförderten JWM-Teilnehmer Johannes Hintze, Josha Salchow und Wassili Kuhn sind an den Heidelberger Bundesstützpunkt gewechselt. Sie sehen ihre Zukunft nicht bei Jörg Hoffmann, sondern bei Michael Spikermann, mit dem sie schon etliche Erfahrungen in Höhentrainingslagern machten. „Für unseren Stützpunkt ist das hart und ärgerlich. Ein großer Verlust. Wir müssen Sorge dafür tragen, dass so etwas nicht nochmal passiert“, sagt OSP-Leiter Kappell. Den Vorwurf, ihre bisherigen Athleten bestärkt zu haben, Potsdam zu verlassen, damit sie nicht unter Hoffmanns Fittiche kommen, streiten die Lehrertrainer vehement ab. „Das ist Schwachsinn. Wir haben hier viel Arbeit und Energie in diese Sportler gesteckt. Da wäre es doch dumm, das einfach so wegzuschenken“, sagt Marko Letz. „Wir finden die Abgänge aus Sicht unseres Stützpunkts auch nicht schön. Letztlich ist es aber das gute Recht eines Bundeskaderathleten, dorthin zu gehen, wo man die bestmöglichen Entwicklungsmöglichkeiten für sich erkennt.“ Der Schritt entspreche nicht zuletzt dem Zentralisierungsgedanken von Chefbundestrainer Henning Lambertz: Hintze, Salchow und Kuhn haben nun in Heidelberg für sie passende Trainingspartner auf Topniveau wie Lagen-Ass Philip Heintz und Freistilspezialist Clemens Rapp.

Fast komplettes LSVBB-Präsidium macht nicht weiter

Immerhin – und das erscheint bei all den Unruhen schon fast sensationell – hat der DSV in seinem Bundesstützpunktkonzept an Potsdam festgehalten. „Wir kriegen den nationalen Stützpunktstatus. Das wollten wir von Anfang an, also ist unser Ziel erreicht“, sagt Sylvia Madeja, die als Präsidentin des Landesschwimmverbandes Brandenburg für ihr Vorgehen viel Kritik einstecken musste. Dies sei aber nicht der ausschlaggebende Punkt, dass sie beim bevorstehenden Verbandstag am 10. März nicht mehr zur Wahl antreten werde. „Ich bin seit zehn Jahren ehrenamtlich in unserem Präsidium tätig. Nach so einer langen Zeit ist einfach der Moment gekommen, Platz zu machen und sich selbst neuen Aufgaben zu widmen“, so Madeja, die nicht als Einzige aufhört. Der LSVBB steht vor einem radikalen Umbruch. Bis auf Wasserball-Fachwart Detlef Willberg wird aus diversen Gründen keiner der bisherigen Vorstandsmitglieder wieder kandidieren.

Michael Prenz begrüßt das sehr. „Wir brauchen einen Neuanfang“, sagt der Vorsitzende vom Potsdamer SV, Brandenburgs größtem Schwimmverein. Vor allem jener Prenz hatte Sylvia Madeja und LSVBB-Vize Norbert Warnatzsch, dessen Trainertätigkeit in Potsdam seit Ende 2017 ad acta gelegt ist, heftig wegen ihrer Politik rund um die Bundesstützpunkttrainerstelle angegriffen. Zweimal sollten die beiden, die eine enge Verbindung zu den Lehrertrainern haben, vorzeitig abgewählt werden. Dies scheiterte aber. „Sie haben für ein Dilemma gesorgt, hätten bereits beim ersten Mal die Vereinbarung mit dem DSV unterschreiben sollen. So wurde ein Jahr verschenkt und ein großer Imageschaden ist entstanden“, urteilt er. Madeja entgegnet, immer nur zum Wohle der Athleten und des gesamten märkischen Schwimmsports gehandelt zu haben. „Es wurden Unwahrheiten über uns und die Lehrertrainer verbreitet. Viel Porzellan wurde in aller Öffentlichkeit zerschlagen – da machen wir nicht mit“, sagt sie.

Hoffnung auf Neustart: "Wir können jetzt etwas kreieren"

Es sei ihr wichtig gewesen, frühzeitig den LSVBB-Mitgliedsvereinen mitzuteilen, dass nun fast das komplette Präsidium nicht für eine weitere Amtszeit zur Verfügung stehe. „Ich hoffe, dass dadurch genügend Zeit ist, um sich neu aufzustellen.“ Vorigen Freitag hatte der Potsdamer SV diesbezüglich zu einem Treffen geladen. Laut PSV-Chef Prenz, der den Lehrertrainern vorwirft, aus persönlichen Befindlichkeiten gegen Hoffmann aufzuhetzen, sei ein „sehr konstruktives Gespräch“ um die Zukunft des Brandenburger Schwimmsports entstanden. „Bis zum 10. März soll das noch vertieft werden. Dann hoffen wir auf eine Wahl, die uns alle in die richtige Richtung führt.“ Änderungen im Landesverbandspräsidium, die Bundesstützpunkttrainerstelle mit Jörg Hoffmann besetzt, ein weiterer Coach kommt noch dazu – Harry Kappell vom Olympiastützpunkt hält all das für eine Chance. „Die Zeichen stehen auf neu – das ist gut in der Situation. Wir können jetzt etwas kreieren.“ Es gilt voranzukommen, statt auf der Stelle zu bleiben.