• Potsdam Fitnesscoach im Strafvollzug: Training hinter Gittern

Potsdam Fitnesscoach im Strafvollzug : Training hinter Gittern

Der Potsdamer Fitnesstrainer Nico Gumlich ging ins Gefängnis, um mit Häftlingen Sport zu machen. Sein Studium der Fitnessökonomie sei ohnehin eher ein Studium der Menschen und des Lebens gewesen, sagt der 26-Jährige. Im Knast kamen viele neue Erfahrungen hinzu.

Starke Muskeln vor dicken Wänden. Vier Monate gab der Potsdamer Nils Gumlich Trainingseinheiten für Häftlinge in Großbeeren.
Starke Muskeln vor dicken Wänden. Vier Monate gab der Potsdamer Nils Gumlich Trainingseinheiten für Häftlinge in Großbeeren.Foto: privat

Potsdam - Die ersten Bilder entstehen im Kopf. Dicke Mauern, Stahltüren, harte Typen, schwere Jungs. Da waren Männer, die ihn angeschaut, gemustert und taxiert haben: Was kann der? Was hat der drauf? Was will der hier? Das Kopfkino spulte die Rolle an Klischees ab vom Leben im Knast, wo der Ton und der Umgang rau sind, wo das Prinzip der Stärke die Rangordnung regelt. Da also wollte er hin, der smarte Typ aus Potsdam, aufgewachsen im feinen Zehlendorf? Freiwillig? „Ja, das wollte ich“, sagt Nico Gumlich. Als er die Stellenanzeige gelesen hat, dass für die Justizvollzugsanstalt Heidering bei Großbeeren ein Fitnesstrainer gesucht wird, war ihm sofort klar: „Das ist was für dich!“

"Ich wollte mich von Vorurteilen und Stigmata befreien"

Er schickte seine Bewerbung an die Berliner Senatsverwaltung und fuhr seit dem vergangenen Sommer vier Monate lang jeden Donnerstagnachmittag zur Arbeit in den Knast. „Ich wollte selbst ein Bild von den Menschen bekommen und mich von Vorurteilen und Stigmata befreien“, sagt Gumlich.

Eigentlich steht einem jungen Menschen mit 26 Jahren die Welt offen. Studium geschafft, die ersten Erfahrungen im Job hinter sich – Zeit, Neues zu entdecken, Fremdes kennenzulernen. Das hat auch Nico Gumlich gemacht, nur hat er sich in eine Welt begeben, die hinter verschlossenen Türen und hohen Mauern liegt. Motiviert und angetrieben hat ihn dafür der Sport. Als er 14 war, begann er mit Krafttraining. Zunächst war es das Hantelset seines älteren Bruders, das sein Interesse weckte, dann ging er regelmäßig ins Fitnessstudio und merkte: „Da passiert was.“ Nicht nur, dass der Körper kräftiger wurde und der Bizeps wuchs. Gumlich spürte auch, was das Training mental mit ihm macht. Zu lernen, sich zu überwinden, an die Grenzen und darüber hinaus zu gehen und zu erfahren, dass die wahre Stärke nicht in den Muskeln, sondern im Kopf steckt, wurden zu wertvollen Erkenntnissen. „Ich habe keinen anderen Sport gefunden, bei dem ich so viel Arbeit an und mit mir selbst machen muss, wie beim Kraftsport“, sagt Gumlich. „Die Selbstüberwindung empfinde ich beim Kraftsport besonders hoch.“ Sein Sport wurde zu seinem Anker in schwierigen Lebensphasen, die auch er kennt. „Er ist immer da, immer loyal und gibt mir die Chance, mich zu erden“, sagt Gumlich.

Müdigkeit und Stolz waren die Trainingsziele - das wurde erreicht

Diese Erfahrung will er weitergeben und vermitteln. Er kombinierte Beruf und Leidenschaft, machte als Fitnessökonom seinen Bachelor, erwarb mehrere Trainerlizenzen und arbeitete in Fitnessstudios sowie als Personal Trainer. Vor allem der Trainer-Job habe ihn mit unterschiedlichsten Menschen Erfahrungen sammeln lassen. „Jeder hat etwas zu erzählen“, sagt er. Von der reichen Kundenklientel bekam er Unternehmerratschläge, von der weniger gut situierten Überlebenstipps. „Eigentlich habe ich mehr Menschen und das Leben studiert als Fitnessökonomie“, sagt er.

Und dann die Lektion hinter Gittern. Der erste Eindruck hat gepasst, zumindest für die JVA-Mitarbeiterin, die ihn empfing. Die Statur stimme schon mal, habe sie über den breitschultrigen jungen Mann mit den kräftigen Oberarmen geurteilt. Und dann kam der Moment, wo die Vorstellungen im Kopf gegen die Realität getauscht wurden. Da standen nun 15 Männer, zwischen 30 und 40 Jahre alt, verurteilte Straftäter, die keinen freundlichen Willkommensgruß auf den Lippen hatten. Da ist skeptische Zurückhaltung, kühle Distanz, ein inneres Abwägen und Kräftemessen. Die einen wirken sportlich, andere eher nicht. Gumlichs Plan: Zirkeltraining mit zwölf bis 16 Übungen, mit eigenem Körpergewicht und mit Hanteln. Müdigkeit und Stolz waren die Trainingsziele, die Gumlich nach den anderthalbstündigen Kursen für seine neue Kundschaft erreicht haben wollte.

Verständnis für die Schwierigkeiten nach der Entlassung

Das Konzept ging auf. Seine Autorität als Trainer sah er nie in Frage gestellt, gleichwohl es Häftlinge gab, die sich schwer damit getan hätten, dass einer die Ansagen macht. „Mit einigen hätte ich keine verbale Konfrontation haben wollen, da war die Zündschnur ziemlich kurz“, sagt er. Mitunter sei es nicht einfach gewesen, Tipps und Hinweise zu geben, ohne dass dies gleich als Schmähung und Provokation empfunden worden wäre. Andererseits sei während der vier Monate ein „unglaublicher Gemeinschaftssinn entstanden“, sagt Gumlich. „Wie sehr die sich gegenseitig motiviert haben, wenn jemand nicht mehr konnte, war schon auffallend“, erzählt er. „Ich glaube, viele von ihnen hat das in eine Situation gebracht, die sie noch nicht kannten – an ihre Grenzen zu gehen.“ Wenn seine Schicht beendet war, sich hinter Gumlich das Gefängnistor schloss und er auf der L40 auf dem Heimweg nach Potsdam war, habe er eine tiefe Dankbarkeit und Wertschätzung empfunden, „für das, was ich habe“, wie er sagt.

Vier Stunden im Knast haben ihm gereicht, den Wert der Freiheit zu schätzen. Was ein Leben hinter Gitter auch anrichten kann, hat Gumlich erahnen können und ihn nachdenklich gemacht. In einem Gespräch mit einem der Häftlinge, der kurz vor seiner Entlassung stand, hat Gumlich auch von dessen Angst vor der Freiheit gehört. Draußen, so habe ihm der Häftling erklärt, habe er wieder allein Entscheidungen zu treffen, müsse er sich anpassen, während im Gefängnis die Abläufe geregelt sind. „Ich verstehe inzwischen besser, dass die Rückkehr in den Alltag mitunter nicht einfach ist. Ich denke, dass es unserer Gesellschaft an Offenheit und Bereitschaft fehlt, Menschen, die ihre Strafe abgesessen haben, frei von Vorurteilen wieder zu integrieren“, meint Nico Gumlich.

Nächstes Projekt: Trainingskurse für Geflüchtete

Der 26-Jährige hat zumindest Konturen eines eigenen Bildes skizzieren können, wie er verurteilte Straftäter sieht. Er habe bei seinen Trainingskursen niemanden gefragt, was er verbrochen hat, wie hoch die Haftstrafen sind, wer wann rauskommt. „Ich wollte nichts wissen, weil ich niemanden in eine Schublade stecken wollte“, begründet er. Auf Augenhöhe, wie er es gern gewollt hätte, sei er den Häftlingen trotzdem nicht begegnet. Natürlich war er jemand, der kommen und gehen kann, wie er will. Und das Selbstwertgefühl ist ein anderes. „Ein Häftling hat mich gefragt, ob ich draußen auch Leute trainiere und war erstaunt, dass sie es überhaupt wert sind, dass jemand in den Knast kommt und mit ihnen trainiert“, sagt Gumlich. Es habe ihn jedes Mal berührt, wenn einige am Ende eines Trainings gesagt haben: „Danke für deine Zeit.“

„Allein in den vier Stunden jeden Donnerstag habe ich mich eingeengt gefühlt“, sagt Nico Gumlich. Seinen Erfahrungsschatz indes hat er erweitert. „Ich bin zwar erst 26, habe aber das Gefühl, dass ich bereits etwas zurückgeben kann.“ Sein nächstes Projekt hat er schon im Blick. Demnächst will er in Potsdam Trainingskurse für Flüchtlinge geben. Ein Leben in Freiheit und ohne auf der Flucht zu sein, ist für ihn das größte Privileg. Allein in der Vorstellung, dass es anders sein könnte, „wäre Sport der erste Gedanke, um damit klar zu kommen“, sagt Nico Gumlich.

+++ Sport im Gefängnis: Ausleben von Emotionen und Aggressionen +++

Sport im Strafvollzug wurde als Maßnahme der Resozialisierung zuerst 1951 durch die Gründung der SG Marienschloss als Sportverein für Strafgefangene eingeführt. Der hessische Verein stellt bis heute Gefangenen-Mannschaftenbei Fußball-Turnieren. Seit 1966 wurde eine Charta des Deutschen Sports verabschiedet, in der die sozialen Funktionen des Sports auch für Menschen betont werden, die gesellschaftlich und sozial am Rande stehen und zu integrieren sind. Ab 1972 wurde unter dem Motto des „Sports für alle“, die gesellschaftspolitische Mitverantwortung für soziale Randgruppen, zu denen auch der Strafvollzug gehört, begründet.

Mit Sport im Strafvollzug und Jugendgefängnissen beschäftigt sich der Sportpädagoge Klaus Jürgen Tolksdorf seit vielen Jahren. Der Hesse war unter anderem Leiter der AG der Deutschen Sportjugend „Sport im Jugendstrafvollzug“. Auf dem Deutschen Präventionstag referierte er, dass verschiedene Sportarten als Kompetenzbereich erfahren und als Freizeitaktivität auch nach der Haft angewandt werden sollen. Vor allem solle das Medium Sport als Erziehungs- und Bildungsmittel im Vollzug entfaltet werden. In einer Forschungsarbeit des gemeinnützigen Camino-Instituts aus Berlin wird Sport in Jugendstrafanstalten als ein Feld beschrieben, „in dem Emotionen und Aggressionen sozialverträglich ausgelebt werden können – in einer weitgehend durchrationalisierten Welt“.

In der JVA Brandenburg führte Sportentzug vor etwa zwei Jahren zu einer kleinen Revolte: Untersuchungshäftlinge verweigerten nach dem Hofgang die Rückkehr in ihre Zellen, weil die JVA-Leitung wegen Personalmangels und hohen Krankenstandes für einige Tage sämtliche Sport- und Freizeitangebote gestrichen hatte.