Sport : Olympiasiegerin am Scheideweg

Kanutin Katrin Wagner-Augustin möchte in diesem Jahr ihr Sportstudium abschließen. Ob sie dann das Kanu gegen die Trainerbank eintauschen wird, weiß sie noch nicht. Denn es locken die Olympischen Spiele in Rio

Zuhören und lernen. Von Kathrin Wagner-Augustin lernen, heißt Siegen lernen. Die vierfache Kanu-Olympiasiegern will Trainerin werden. Einen Teil ihrer praktischen Ausbildung absolviert sie an ihrer eigenen Wirkungsstätte als Leistungssportlerin – beim KC Potsdam.
Zuhören und lernen. Von Kathrin Wagner-Augustin lernen, heißt Siegen lernen. Die vierfache Kanu-Olympiasiegern will Trainerin...Foto: Manfred Thomas

In der Turnhalle der Sportschule Potsdam herrscht Hochbetrieb. Gleich drei Gruppen mit jungen Kanuten trainieren gerade ihre Athletik. Durch zwei riesige grüne Netze ist die nur spärlich beheizte Halle auf dem Gelände des Luftschiffhafens in drei Felder unterteilt. Im rechten Drittel wird die Trainingsgruppe von Tino Hoffmann in Sachen Schnelligkeit, Koordination und Reaktionsgeschwindigkeit gefordert. Allerdings ist es nicht er, der die sieben Sportler coacht, sondern Katrin Wagner-Augustin. „Kommt schon, schneller“, feuert die vierfache Kanu-Olympiasiegerin die Nachwuchsathleten bei ihren Sprints an, während Hoffmann als interessierter und stiller Beobachter auf einem Hocker am Rand des Feldes sitzt.

Im Rahmen ihres Studiums an der Trainerakademie des Deutschen Olympischen Sportbundes in Köln hat Katrin Wagner-Augustin viel theoretischen Stoff vermittelt bekommen, praktische Erfahrungen sammelt die 37-Jährige nun am Kanu-Olympiastützpunkt in Potsdam. Sowohl die Siebtklässler von Tino Hoffmann als auch eine Trainingsgruppe mit Schülern der vierten und fünften Klasse sind in diesen Wochen ihre Probanden. „Für meine Studienarbeit trainiere ich mit den Nachwuchskanuten sechs Wochen lang intensiv die Schnelligkeit, um zu untersuchen, inwiefern man in einem solchen Zeitraum bereits Erfolge verbuchen kann, wenn man das ganz konzentriert schult“, erläutert die Potsdamerin ihren wissenschaftlichen Ansatz. Zwischen sieben und 15 Jahren, sagt sie, sei man in einer sensiblen Phase für das Training der Schnelligkeit. „In diesem Alter kann man die am besten entwickeln.“ Ausgangstests wurden zu Beginn des neuen Jahres bei den Sportlern gemacht, nach sechs Wochen werden diese zum Abschluss wiederholt.

Die Erkenntnisse soll die zehnmalige Weltmeisterin dann auf 25 Seiten auswerten und zusammenfassen. „Ich habe aber so viel Material, ich werde wohl 40 brauchen“, gesteht sie. Diese Arbeit ist die Zulassungsvoraussetzung für ihre im Sommer anstehenden Prüfungen, nach denen sie dann den Abschluss als Diplomtrainerin in den Händen halten möchte.

Dann wird sich auch entscheiden, wie es mit ihrer Laufbahn als Aktive weitergeht. Seit der Weltmeisterschaft 2013 hat sie diese ruhen lassen, um ihre berufliche Zukunft – die Trainerausbildung – voranzutreiben. Auch in dieser Saison wird die Kajakfahrerin sportlich nicht in Erscheinung treten. Aber dann? Es folgt das Olympiajahr mit den Sommerspielen in Rio de Janeiro. 13 Athleten fördert der KC Potsdam in seinem Team Rio 2016, der Name Katrin Wagner-Augustin taucht innerhalb dieser Auflistung nicht auf. „Die Tür ist aber noch nicht zu. Ich habe meine Karriere noch nicht an den Nagel gehängt.“ Dementsprechend hält sie sich auch weiterhin fit, „um nicht fett zu werden“, wie sie ganz salopp erklärt. Derzeit trainiert die Kanutin aber hauptsächlich im Kraftraum. Kälte, Schnee, Regen und Wind seien nicht besonders einladend für eine Paddeltour. „Bei dem Wetter lockt mich nichts auf das Wasser.“

Wohler fühlt sich derweil in der Turnhalle der Potsdamer Sportschule. Es ist ihr anzumerken, dass ihr das Trainer-Dasein Spaß macht. Die Freude, die sie über die vielen Jahre hinweg am Sport hatte, vermittelt sie auch den Jugendlichen. Als Coach redet sie viel mit den Sportlern. Sie lobt, wenn etwas gut läuft. Sie korrigiert, wenn es noch hakt. Stets in einem Tonfall zwischen Nachdruck und Lockerheit. Es ist ein gesundes Mittelmaß, das bei den Schülern gut ankommt, denn alle ziehen mit.

„Es ist toll, wenn man sieht, welche Fortschritte die Jungs und Mädels machen. Aber manchmal ist es gar nicht einfach, sie zu bändigen. Ich war damals jedoch ganz genau so – voller Energie“, sagt Katrin Wagner-Augustin, die auch bereits die Potsdamer Top-Kanuten trainiert hat. Wenn Cheftrainer Ralph Welke nämlich zuletzt nicht in der brandenburgischen Landeshauptstadt weilte, leitete sie die Übungseinheiten.

Trainerin oder Sportlerin? Diese entscheidende Frage wird sich Katrin Wagner-Augustin dieses Jahr noch stellen müssen. Sie steht an einem Scheideweg: die ersten richtigen Schritte in der Berufswelt oder doch der Angriff auf Rio? „Momentan glaube ich, dass es mir leichterfallen würde, wieder als Athletin einzusteigen.“ Denn da sei sie flexibler, könne ihren Alltag besser auf das Privatleben und die Bedürfnisse ihres dreieinhalb Jahre alten Sohns Emil abstimmen. Als Trainerin bliebe nur wenig Spielraum. Gänzlich unwahrscheinlich ist es also nicht, dass sie 2016 zum fünften Mal unter den Olympischen Ringen paddeln wird.