• Gewichtheben beim AC Potsdam: Von Wildschweingrunzen und Reformen

Gewichtheben beim AC Potsdam : Von Wildschweingrunzen und Reformen

Angeführt durch den starken Martin Bouratn gewinnen die Gewichtheber des AC Potsdam zum Saisonstart. Wegen einer Strukturänderung droht aber Potsdams Kapitel der Erstklassigkeit nach drei Jahren vorerst zu enden.

Im Fokus. Von den aktuell 17 Erstligisten – wie Potsdam – sollen nächste Saison nur noch neun Mannschaften übrig bleiben.
Im Fokus. Von den aktuell 17 Erstligisten – wie Potsdam – sollen nächste Saison nur noch neun Mannschaften übrig bleiben.Foto: Tobias Gutsche

Potsdam - Es ist ein beeindruckendes Schauspiel, wenn Martin Bouratn auf der Bühne steht. Für den Gewichtheber des AC Potsdam liegen gewaltige Lasten auf der Hantelstange. Gut und gern um die 180 Kilogramm – etwa so viel wiegt ein ausgewachsenes Wildschwein. Passend dazu macht Bouratn eine Art Grunzgeräusch, bevor er sich dem Kampf mit dem Eisen stellt. „Das ist irgendwie mein Ritual“, sagte der 23-Jährige am Samstag lächelnd beim Bundesliga-Saisonstart. „Ich versuche so, die nötige Aggressivität aufzubauen, mich in Spannung zu versetzen. Und dann heißt es: Jetzt einfach hoch das Ding.“ 

Erste Liga soll bei der Starterzahl halbiert werden

Natürlich, einfach mal hoch so ein Wildschwein. Seine kraftvolle Qualität stellte Martin Bouratn vorgestern einmal mehr unter Beweis. 136 Kilo in der Teildisziplin Reißen und 177 Kilo im Stoßen bewältigte er und war mit 118 Punkten Tagesbester im Duell des ACP gegen das Athletenteam Vogtland. Potsdam gewann letztlich mit 565,1:515,5 Zählern. „Wir waren nicht top-besetzt und wissen, dass wir mehr können“, urteilte der ACP-Vorsitzende Andreas Anker. „Aber ein Sieg im ersten Saisonkampf ist super.“

Lasten- und Leistungsträger. Martin Bouratn ist der beste Akteur im ACP-Team.
Lasten- und Leistungsträger. Martin Bouratn ist der beste Akteur im ACP-Team.Foto: Tobias Gutsche

Doch welchen Wert wird dieser am Ende überhaupt haben? Erfolg oder Niederlage in den direkten Duellen sind im Bundesligajahr 2018/19 schließlich nicht mehr die entscheidenden Faktoren, die über den Verbleib in der höchsten deutschen Heber-Klasse bestimmen. Zur kommenden Saison wird die Struktur reformiert. Aktuell gibt es in der ersten Liga zwei Staffeln (West und Ost) mit neun beziehungsweise acht Teams – künftig soll eingleisig mit neun Mannschaften gefahren werden. Dafür qualifizieren sich die Clubs, die dieses Jahr die besten Punktdurchschnittswerte aus ihren fünf stärksten Wettkämpfen vorweisen können. „Realistisch ist es nicht, dass wir dazugehören“, gestand Andreas Anker. In der Vorsaison hätte Blau-Weiß Schwedt als Letzter sein Ticket gelöst – die Oderstädter lagen bei durchschnittlich 659,8 Punkten. Potsdams Vereinsrekord – aufgestellt im vergangenen April – beträgt gerade einmal 597,6 Zähler.

ACP kritisiert Reform und möchte Gegenvorschlag machen

Daher wird für den ACP das Kapitel Erstklassigkeit wohl nach drei Jahren erst einmal wieder enden. Aber nicht nur weil man selbst durch das Raster zu fallen droht, steht der Verein aus Brandenburgs Landeshauptstadt der Reform skeptisch gegenüber. Erst zur vergangenen Saison waren die Teilnehmerzahlen der obersten Kampfklasse noch aufgestockt worden, nun wird wieder drastisch abgebaut. „Wir können nachvollziehen, dass der Verband gerne eine attraktive Eliteliga mit hoher Leistungsdichte möchte. Aber die angestrebte Lösung ist nicht bis zum Schluss gedacht“, bemängelte Anker. „Es ist zu einseitig.“ Dass unterhalb der neun Erstligateams bis zu fünf Staffeln der zweiten Liga existieren sollen, sei schlichtweg nicht verhältnismäßig. „Das ist wie ein umgekehrtes ,T‘. Damit entwickelt man die Basis nicht angemessen.“ Der langjährige Trainer befürchtet zudem, dass in der ersten Liga ein finanzielles Wettrüsten stattfindet, bei dem vor allem Ost-Vereine auf der Strecke bleiben. „Mit den Zukäufen, die in der West-Staffel schon jetzt für das Qualifikationsjahr getätigt wurden, kann hier kaum einer mithalten. Da entsteht ein Ungleichgewicht“, mahnte Anker. Der AC Potsdam habe deshalb einen eigenen Vorschlag für eine Reform erarbeitet und stellt diesen den anderen Clubs vor. Inhalte wolle man nicht öffentlich machen. Nur so viel: „Das Modell stärkt die Spitze und Basis zugleich.“

Unabhängig von den nationalen Entwicklungen möchte der ACP seinen eingeschlagenen Weg weiter beschreiten. Nach dem Umzug vor einem Jahr aus dem Keller des Brauhausberg-Bades in ein ehemaliges Sozialkaufhaus in der Haeckelstraße blüht der Verein auf. Die Mitgliederzahl ist von rund 140 auf über 160 gewachsen, Kooperationen mit Schulen wurden angeschoben. „Wir sind jetzt nicht mehr unten im Bunker, sondern werden oben endlich wahrgenommen“, meinte Anker. Der gute Zulauf von etwa 100 Besuchern am Samstag beim Bundesligaduell gegen das AT Vogtland war ein Beleg dafür.

"Hier gibt es keinen Rückschritt und kein Auf-der-Stelle-Getrete"

Zu sehen bekamen sie eine Heimmannschaft, die im Vergleich zur Vorsaison personell unverändert antritt und fast ausschließlich durch vereinseigene Talente gebildet wird. „Wir sind hier nicht bereit, irgendwelches Geld für Verpflichtungen zu verpulvern, sondern wollen ganz selbst etwas schaffen“, erklärte der ACP-Vorsitzende, der eine Team-Leistung von „weit über 600 Punkten“ als Ziel der Zukunft formuliert.

Dazu beitragen soll Martin Bouratn. Der ist zwar kein Potsdamer Eigengewächs, aber jemand der sich mit dem ACP vollends identifiziert. 2017 belegte der frühere Deutsche Nachwuchsmeister aus Frankfurt (Oder) mit dem Berliner TSC den zweiten Platz in der Bundesliga. „Da war mir klar: Besser wird es für mich nicht. Also habe ich mir was Neues überlegt“, sagte der 99-Kilo-Koloss. Den ACP habe er stets als „coolen Verein“ empfunden. Klein, aber professionell und leidenschaftlich. „Hier gibt es keinen Rückschritt und kein Auf-der-Stelle-Getrete. Es wird nur nach vorne gedacht. Da wollte ich gerne dazugehören.“ Deshalb fragte Martin Bouratn bei Andreas Anker an, ob er denn nicht für Potsdam heben dürfe. „Das war ein Glücksfall für uns“, findet der Trainer. Bouratn sticht nun hervor. Er kommt auf Bestleistungen von 147 (Reißen) und 183 Kilogramm (Stoßen). Stark wie ein Wildschwein.