• Gehen in Potsdam: „Das geht nicht!“

Gehen in Potsdam : „Das geht nicht!“

Das internationale Gehen soll reformiert werden. Heimlich und ohne Mitwirkung der Athleten. In der Geher-Gilde regt sich weltweit Widerstand gegen die Pläne. Im PNN-Interview bezieht Potsdams Rio-Olympiastarter Hagen Pohle eine klare Stellung.

Widerstand. Hagen Pohle wehrt sich gegen die Reformpläne.
Widerstand. Hagen Pohle wehrt sich gegen die Reformpläne.Foto: Philipp Pohle

Herr Pohle, Sie sind am vergangen Samstag beim internationalen Meeting in Podebrady die 20 Kilometer gegangen, haben dabei die Norm für die Weltmeisterschaften im August in London geknackt. Möglicherweise wird es die 20-Kilometer-Distanz bald nicht mehr geben: Das IOC und der internationale Leichtathletikverband IAAF wollen sie in die Laufdistanz des Halbmarathons von 21,1 Kilometer umwandeln. Und das 50-Kilometer-Gehen soll ganz abgeschafft werden. Was halten Sie davon?

Finde ich nicht so toll. Halbmarathon fürs Gehen verstehe ich nicht. Das hat keinerlei Historie und macht für mich keinen Sinn. Und die Streichung der 50 Kilometer sehe ich noch kritischer. Es ist die längste Leichtathletik-Disziplin mit einer langen olympischen Geschichte seit 1932. Und sie hat durch die zugenommene Leistungsdichte ihren Reiz, wie man zuletzt bei den Spielen in Rio gesehen hat, wo der Olympiasieger erst auf den letzten zwei Kilometern an der Spitze aufgetaucht ist, bis dahin hatte sich die Führung immer abgewechselt. Es waren 80 Geher am Start. Ich sehe nicht wirklich einen Grund, weshalb man das streichen sollte.

Nun lebt Sport vom Fernsehen und dieses fand die olympischen Geher-Wettbewerbe nicht sonderlich attraktiv. Sie und andere Athleten sowie Trainer selbst haben beklagt, dass aus Rio wenig vom Gehen übertragen wurde. Wie ist denn Ihr Eindruck: Bekommen Sie ausreichend Feedback von Zuschauern, die Gehen interessant finden?

Es gibt viele, die es interessant finden. Gerade die 50 Kilometer haben ihren eigenen Reiz, weil sie unheimlich von Taktik und Überraschungen während eines Rennens geprägt sind. Und es ist immer wieder ein Gehen an die Grenze des körperlich Möglichen. Wir haben sehr viel Zuspruch. Ich erinnere nur an die WM 2009 in Berlin oder 2012 in London: Da standen Tausende Leute an der Strecke und das nicht nur in einer Reihe, sondern in drei oder vier. Und es ist eine der ganz wenigen Sportarten, die frei zugänglich ist, zu der jeder hinkommen kann und es nicht auf das Geld in der Tasche für Eintrittskarten ankommt.

Finden Sie keinen Gefallen an dem Gedanken, dass mit den 50 Kilometern das unglaublich hohe Trainingspensum und die Schinderei wegfallen würden?

Kann man so sehen. Aber damit würde sich gleichzeitig die sportliche Karriere deutlich verkürzen. Über die 20 Kilometer ist man vielleicht bis 30 Jahre noch konkurrenzfähig, während man in diesem Alter für die 50 Kilometer erst topfit wird.

Sehen Sie sich eher als 50- oder 20-Kilometer-Geher?

Aktuell wohl eher bei der 20. Ich habe zweimal die 50 gemacht – einmal ziemlich gut und dann in Rio, wo ich ausgestiegen bin. Aber mir wird auch nachgesagt, dass ich der bessere 50-Kilometer-Geher bin, sodass ich dort auch meine sportliche Zukunft sehe.

Was Sie sehen vielleicht dennoch als konstruktive Möglichkeit, das Gehen interessanter und moderner zu machen?

Die Zeiten ändern sich, sodass sich sicherlich auch unsere Sportart beziehungsweise unsere Wettbewerbe ändern müssen. Zunächst aber finde ich das Vorgehen der IAAF inakzeptabel, über Änderungen heimlich abzustimmen, ohne dass es jemand mitbekommt. Das geht nicht. Man müsste doch wenigstens mit den aktiven Sportlern und Trainern reden. Unabhängig davon halte ich die geplante Einführung eines elektronischen Kampfrichters für eine sinnvolle Maßnahme, sodass es eine objektive Bewertungsgrundlage für sauberes Gehen gibt. Dass es kurze, zuschauerfreundliche Kurse gibt, auf denen man die Athleten oft sieht, wird ja bereits praktiziert. Ich finde auch den Vorschlag für eine 4x5-Kilometer-Mixed-Staffel mit Frauen und Männern spannend. Das wäre auch nicht schlecht. Alles, was einen zusätzlichen Reiz bringt, kann unsere Disziplin in ein neues Licht rücken.

Sie haben angesprochen, dass das IOC und der IAAF die Änderungen im stillen Kämmerlein planen. Wie haben die Athleten überhaupt davon erfahren?

Durch Zufall. Es muss im australischen Verband durchgesickert sein. Dann wurde sofort eine Facebook-Gruppe gestartet, in der alle Olympiateilnehmer von Rio drin sind. Dann haben wir Athleten einen gemeinsamen Brief an IOC und IAAF geschrieben, dass mitten im neuen Olympiazyklus das Vorgehen nicht in Ordnung ist, auf einmal eine komplette Strecke streichen zu wollen. Zudem hat der australische Geher Chris Erickson eine Petition gestartet, die inzwischen mehr als 8300 Unterschriften hat.

Gibt es schon offizielle Reaktionen?

Vom IOC und der IAAF nicht wirklich. Und der Deutsche Leichtathletikverband hält sich bislang sehr zurück. Aber der will sich vor der offiziellen IAAF-Sitzung nicht äußern. Andere internationale Verbände wie Irland oder Schweden haben hingegen ihren Unmut bereits in offiziellen Schreiben bekundet. Auch Tokio als Gastgeber der nächsten olympischen Spiele hat sich für einen Erhalt beider Strecken in der bisherigen Form ausgesprochen.

Wie fühlen Sie sich als Athlet, wenn man von den Verbänden so übergangen wird?

Man muss im Gehen ja ein bisschen von Olympia zu Olympia denken, weil wir keine großen Meetings haben, bei denen wir Geld verdienen können. Also überlegt man sich schon sehr genau, ob man für die nächsten vier Jahre alles in den Sport investiert. Und wenn dann zwischendrin überlegt wird, Disziplinen abzuschaffen, wird einem die Grundlage aller Überlegungen und Entscheidungen unter den Füßen weggerissen. Schlimm finde ich, dass es innerhalb des Weltverbandes ein Geh-Komitee gibt, das sich nicht schützend vor unsere Interessen stellt.

Ihr Potsdamer Trainer, zugleich Bundestrainer, war selbst sehr erfolgreich über die 50 Kilometer als Weltmeister und olympischer Medaillengewinner. Wie hat Ronald Weigel denn auf die Pläne reagiert?

Er wollte es zunächst gar nicht glauben, als ich es ihm erzählt habe und hat versucht, beim DLV alle Informationen einzuholen. Er versteht es überhaupt nicht und hat nicht gedacht, dass es während seiner Trainerkarriere so weit kommt.

ZUR PERSON: Hagen Pohle startet für den SC Potsdam und feierte mit der Teilnahme an den Olympischen Spielen 2016 in Rio seinen bisherigen sportlichen Höhepunkt. Der 25-Jährige aus Beeskow war 2009 Jungendwelt – und 2011 Junioren-Europameister. Er gehört zur erweiterten internationalen Spitze und hat sich am vergangenen Samstag für die Leichtathletik-Weltmeisterschaft im August in London qualifiziert.