• Ex-AOK-Chef Frank Michalak im Interview: „Insgesamt wird zu wenig Sport getrieben“

Ex-AOK-Chef Frank Michalak im Interview : „Insgesamt wird zu wenig Sport getrieben“

Frank Michalak war als Vorstand der AOK Nordost ein wichtiger Förderer des Sports. Nun ist er in den Ruhestand gegangen. Im Interview spricht er über Brandenburger Defizite, die Sportförderung in Potsdam sowie die Zukunft seines Herzensverein Turbine Potsdam.

Frank Michalak (l.) mit Turbine-Präsident Rolf Kutzmutz.
Frank Michalak (l.) mit Turbine-Präsident Rolf Kutzmutz.Foto: Turbine Potsdam

Herr Michalak, viele Menschen starten in das neue Jahr mit dem Vorsatz, mehr Sport zu treiben. Heißt das im Umkehrschluss, dass die Menschen übers Jahr zu wenig Sport treiben?
 

Nach meiner Meinung, ja. Man nimmt sich gerade zu Beginn des Jahres vor, mehr Sport zu treiben, doch viele gute Vorsätze lassen relativ schnell nach. Ich denke, insgesamt wird zu wenig Sport getrieben. Probleme sehe ich in Brandenburg vor allem im Kinder- und Jugendbereich. Es gibt punktuell regional weniger Jugendliche in den Vereinen, die wiederum kaum noch eine Mannschaft stellen können. Im Fußball oder auch Handball wird versucht, mit Spielgemeinschaften den Spielbetrieb aufrechtzuerhalten. Aber vor allem in vielen ländlichen Regionen ist bereits ein Abgesang zu verzeichnen. Das ist ein bedauerlicher Zustand.

Ist das nur ein Problem des demografischen Wandels: Es gibt immer mehr ältere Menschen und dadurch Nachwuchssorgen, die ja nicht nur der Sport hat?

Das glaube ich nicht. Die Angebotsvielfalt spielt eine große Rolle. Mit der immer weiter fortschreitenden Technik und der Digitalisierung haben Kinder und Jugendliche vielfältige Möglichkeiten und Angebote, die es vor zehn oder 15 Jahren so nicht gab. Das sorgt dafür, dass neue Themen entdeckt werden, die mit Bewegungssport nichts oder wenig zu tun haben.

Wir sind ja eine Gesellschaft, die gern Prämien und Boni haben möchte – auch für sportliche Aktivitäten. Eigentlich sind es selbstverständliche Eigenleistungen, etwas für seine Gesundheit zu tun. Sind Bonuspunkte von Krankenkassen noch zeitgemäß, um Menschen zu Sport und Bewegung zu motivieren?

Ich glaube ja. Mit einem Boni oder Anreiz, egal ob monetär oder durch Sachprämien, gibt es einen Kick, der zusätzlich motiviert. Nicht für denjenigen, der Sport aus Leidenschaft und innerer Überzeugung heraus macht. Aber natürlich versuchen wir mit relativ kleinen Anreizen, dass Menschen sich bewegen, sich fit und gesund halten.

In den 13 Jahren unter ihrer Regie als Vorstandsvorsitzender haben Sie die AOK Nordost ganz bewusst und konsequent zur Sportkasse entwickelt. Würden Sie das wieder so machen?

Ja, definitiv. Vielleicht noch ausgeprägter und mehr in der Breite. Sport, Bewegung, Ernährung sind Themen, die eine Gesundheitskasse umsetzen muss und man findet immer wieder neue Themen. Was mir aktuell gut gefällt, sind Angebote für Kinderschwimmkurse. Da passiert in den Schulen viel zu wenig und ich denke, dass man da einfach vorbeugen muss. Und völlig klar: Neben der Unterstützung des Vereinssports für die breite Masse unterstützen wir Vereine, die aus unserer Sicht Gallionsfiguren sind und unsere Ideen fördern.

In Potsdam sind das Vereine wie Turbine, der VfL oder der SC, für die die AOK offizieller Gesundheitspartner ist. In Berlin die Füchse oder Hertha BSC. Wie gut gelingt es tatsächlich, über solche Vereine Gesundheitsbotschaften zu vermitteln?

Man geht da einen steinigen Weg, über längere Zeit und in kleineren Teiletappen. Ich nehme mal die Füchse Berlin als Beispiel. Da haben wir das Ziel, dass wir die Ernährung bereits in der Jugendarbeit und im Sportgymnasium in den Fokus rücken, um dann mit diesen Sportlern im Seniorenbereich diesen leistungsfördernden Faktor fortführen zu können. In Potsdam haben wir bei Turbine das Perspektivteam gefördert, aus dem einige Spielerinnen ja ganz gut im Erwachsenenbereich angekommen sind. Und diese Spielerinnen sind dann nachzueifernde Idole der nächsten Generation. Ganz klar, man verändert die Welt nicht, aber man schafft Ansätze dafür, wie man mit richtiger Ernährung sportliche Leistungen verbessern kann. Vereine wie Turbine können meiner Meinung nach nur durch ihre hervorragende Jugendarbeit überleben. Deshalb muss man da ansetzen und mit den Trainern und Betreuern frühzeitig wichtige Themen wie eine sportgerechte Ernährung und Lebensweise fördern.

In Potsdam werden alle großen Vereine durch die AOK Nordost unterstützt und zudem noch Sportveranstaltungen. Haben Sie den Eindruck, dass man sich inzwischen zu sehr darauf verlässt, dass die Gesundheitskasse den Sport fördert und sich andere, die den Sport unterstützen müssten, zu sehr zurücknehmen?

In den letzten Jahren ziehen sich nach meiner Wahrnehmung gerade die kommunalen Unternehmen leider immer stärker zurück. Aber auch bei denen sehe ich entsprechende Verpflichtungen. Iich würde mir wünschen, dass in Potsdam die Kommune und die städtischen Betriebe die Sportstadt stärker unterstützen. Ich denke an den Bereich der dualen Karriere. Die AOK hat da in der Vergangenheit hervorragende Einstellungen vornehmen dürfen, wenn ich an die Turbine-Spielerinnen Inka Wesely oder Jennifer Zietz oder Kanu-Olympiasiegerin Fanny Rauhe denke. Die kommen aus dem Sport und leben nun im Beruf ihre Leidenschaft. Da können auch kommunale Unternehmen viel mehr profitieren. Neben der Sportförderung von Bundeswehr, Feuerwehr und Polizei ließe sich in Potsdam eine viel breitere Basis legen.

Turbine Potsdam war und ist für Sie eine Herzensangelegenheit. Nun nimmt der Frauenfußball in Deutschland eine Entwicklung mit einer zunehmenden Professionalisierung durch die Fusion mit Männer-Bundesligaklubs, bei der Turbine wenig Möglichkeiten hat. Was sollte der Verein aus Ihrer Sicht tun?

Das ist verdammt schwierig. Der Deutsche Fußball-Bund hat die Profi-Mannschaften im Männerfußball ja aufgefordert, Frauenmannschaften ins Leben zu rufen oder stärker einzubinden. Damit kommt eine Welle auf einen reinen Frauenfußballklub wie Turbine zu, die nur ganz schwer zu bewältigen ist. RB Leipzig ist mit Spielerinnen wie Anja Mittag und anderen herausragenden Spielerinnen schon jetzt einsamer Spitzenreiter in der Regionalliga und wird bald in der Bundesliga ankommen. Der 1. FFC Frankfurt fusioniert mit Eintracht Frankfurt. Da wird es für Turbine sehr schwer werden. Sie werden in der Bundesliga nur weiter erfolgreich mitspielen, wenn sie weiter eine gute Jugendarbeit planen und umsetzen. Und dabei ist es, ganz ehrlich, schwierig, junge Spielerinnen langfristig zu binden. Da sind schon frühzeitig Spielervermittler mit aktiv, die einen Jahresvertrag für die Spielerinnen abschließen und sagen: Mal sehen, was kommt. Langfristige perspektivische Verträge sind da die Ausnahme.

ZUR PERSON:

Frank Michalak (65) stand bis Ende 2019 13 Jahre an der Spitze der AOK Nordost und machte diese zur so genannten Sportkasse. Der Stahnsdorfer ist nun in den Ruhestand gegangen.

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