• Anti-Doping-Kampf in der Coronakrise: Selbstkontrolle statt Überprüfung

Anti-Doping-Kampf in der Coronakrise : Selbstkontrolle statt Überprüfung

Aufgrund der Ausbreitung des Coronavirus werden vielerorts derzeit keine Dopingtests durchgeführt. Ein verändertes Verfahren könnte helfen. Wie Potsdams Spitzensportler die Situation bewerten.

Deutschlands Anti-Doping-Agentur Nada lässt sein Testsystem vorübergehend ruhen. 
Deutschlands Anti-Doping-Agentur Nada lässt sein Testsystem vorübergehend ruhen. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Potsdam - Die Überraschungsbesuche blieben in jüngerer Vergangenheit aus. Aufgrund der Coronavirus-Pandemie wurden in Deutschland Dopingtests zunächst weniger durchgeführt und sind mittlerweile sogar vorübergehend komplett eingestellt. Kontrollen, die stets ohne Vorankündigung erfolgen, fanden bei ihnen zuletzt im Januar oder Februar statt, berichten mehrere Potsdamer Spitzensportler den PNN. „In meinem Fall war es Anfang Februar während des Trainingslagers in Portugal“, sagt Ruderer Hans Gruhne. Üblich sei für ihn wenigstens eine Probe pro Monat, erzählt der Olympiasieger von 2016. „Manchmal sind es monatlich zwei.“

Für Hans Gruhne (2.v.l.) ist das geringe Dopingtestpensum ungewohnt. 
Für Hans Gruhne (2.v.l.) ist das geringe Dopingtestpensum ungewohnt. Foto: Gian Ehrenzeller/dpa

Doch die gegenwärtige Krise hebelt auch den Kampf gegen Doping aus. Wegen des Covid-19-Infektionsrisikos hat Deutschlands Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) ihr Testsystem heruntergefahren. „Das kann man verstehen, denn es geht momentan um den allgemeinen Gesundheitsschutz. Der hat absolute Priorität“, sagt Nils Brembach, EM-Fünfter über 20 Kilometer Gehen. Auch in anderen Ländern wurden Kontrollen deutlich reduziert oder werden ganz ausgesetzt – letzteres beispielsweise in Russland und China.

Laura Lindemann ist Deutschlands große Triathlon-Medaillenhoffnung für Tokio. 
Laura Lindemann ist Deutschlands große Triathlon-Medaillenhoffnung für Tokio. Foto: Monika Skolimowska/dpa

"Es bietet die Möglichkeit für kriminelle Energie im Sport"

Zwar wurden die Olympischen Sommerspiele in Tokio um ein Jahr auf 2021 verschoben, doch bereitet die aktuelle Testruhe Sorgen beim Blick aufs nächste Jahr, bestätigt der Moderne Fünfkämpfer Marvin Dogue. „Dass jetzt nicht kontrolliert wird, birgt Gefahren. Es bietet die Möglichkeit für kriminelle Energie im Sport“, sagt der Staffel-Weltmeister. „Leute könnten sich auf dreckige Weise pushen und damit einen Vorteil für Olympia verschaffen.“ Auch Ruderer Gruhne ist bewusst, „dass die aktuelle Situation ausgenutzt werden könnte“. Aber: „Ich möchte immer an das Gute und daher auch an einen sauberen Sport glauben.“ Ähnlich hält es die Weltklasse-Triathletin Laura Lindemann. „Ich versuche, nicht pessimistisch zu sein“, sagt sie. „Wenn man nur daran denkt, wer was genommen haben könnte, zerstört das den Spaß am Sport und Wettkampf. Und der ist für mich das Entscheidende.“

Die aktuelle Situation "birgt Gefahren", findet Fünfkämpfer Marvin Dogue.
Die aktuelle Situation "birgt Gefahren", findet Fünfkämpfer Marvin Dogue.Foto: Krzysztof Kuruc/UIPM

Trotzdem sind Kontrollen nötig, um Verstöße ausfindig zu machen. Während der Coronakrise könnte nun das Testverfahren neu gestaltet werden: Bei der Nada ist der sogenannte Dried-Blood-Spot-Test (DBS) in Planung. Ihn sollen die Athleten selbst vornehmen, dabei werden sie per Video überwacht und übersenden dann das Material zur Untersuchung. Der DBS stelle eine Alternative dar, die derzeit gemeinsam mit dem Anti-Doping-Labor Köln und der Vereinigung „Athleten Deutschland“ eruiert und hinsichtlich der Umsetzung besprochen werde, teilte die Nada der Deutschen Presse-Agentur mit. Die „Bild“-Zeitung hatte zuerst berichtet. 

Der Dried-Blood-Spot-Test ist beim Neugeborenen-Screening etabliert. 
Der Dried-Blood-Spot-Test ist beim Neugeborenen-Screening etabliert. Foto: Stefan Sauer/dpa

DBS ist eine Technik, die schon lange beim Neugeborenen-Screening zur Erkennung von Stoffwechselstörungen eingesetzt wird. „Vorteil hierbei ist der minimal invasive Eingriff und die verhältnismäßig geringen Volumina (Blutstropfen), die für eine Analyse notwendig sind“, erklärt die Nada. Das Analyselabor an der Deutschen Sporthochschule in Köln verfüge über die notwendige technische Ausstattung, um die in einem Blutstropfen enthaltenen Substanzen mit hochempfindlichen chromatographischen, massenspektrometrischen Verfahren zu detektieren.

"Rammen sich im stillen Kämmerlein die Spritzen in die Arme"

Manipulationen wären wohl nicht auszuschließen, da der Test in den Händen der Athleten liegt. Dass in Deutschland aber grundsätzlich nach einer Lösung gesucht wird, findet Geher Brembach gut. „Wir wollen sauberen Sport und daher auch getestet werden, um zu zeigen, dass wir mit fairen Mitteln arbeiten“, sagt er. Jedoch sei das deutsche Anti-Doping-System ohnehin schon ein Vorreiter in der Welt. Woanders werde das Thema nicht so groß geschrieben. „Gerade dort lachen sie dann vielleicht, dass wir hier eine Alternative zum Testen nutzen. Die selbst sitzen stattdessen im stillen Kämmerlein und rammen sich die Spritzen in die Arme.“

Der Geher Nils Brembach findet die Nada-Alternative gut, zweifelt jedoch an Einstellung zur Doping-Bekämpfung in anderen Ländern.
Der Geher Nils Brembach findet die Nada-Alternative gut, zweifelt jedoch an Einstellung zur Doping-Bekämpfung in anderen Ländern.Foto: Michael Kappeler/dpa

Laut aktuellstem Bericht wurden im Jahr 2018 von der Nada beim Training oder bei Wettkämpfen insgesamt 12 617 Kontrollen mit 16 299 Proben durchgeführt. Etwa drei Viertel waren Urintests, ein Viertel machten Blutüberprüfungen aus. Bei Olympiakader-Athleten werden oft beide Varianten in einem Kontrolldurchlauf vorgenommen. Wichtige Aufgabe für die Aktiven ist es, stets mitzuteilen, wo sie sich befinden. „Das können wir am einfachsten per App oder Internetbrowser“, erklärt Dogue. Dadurch wissen die Kontrolleure, wann sie einen Sportler an welchem Ort anfinden können. „Zurzeit wäre es einfach: Stay home, ich bin immer zu Hause.“ Vorwarnungen für einen Besuch der Kontrolleure gebe es nicht. „Gerne klingeln sie gleich um sechs Uhr morgens zu Hause“, sagt der Pentathlet und fügt lachend hinzu: „Ein toller Wecker.“ Wann der wieder schrillt, ist nicht gewiss.   


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