• Wo die Innenstadt blüht: Potsdams Blütenkönigin

Wo die Innenstadt blüht : Potsdams Blütenkönigin

Dass es auf dem Luisenplatz nahe dem Brandenburger Tor das ganze Jahr über blüht und grünt, ist das Verdienst einer Rentnerin aus Costa Rica. Sie pflegt die Blumen in ihrer Freizeit.

Anne-Kathrin Fischer
Enthusiastin. Nur im Winter wird ihr langweilig – dann reist sie nach Indien.
Enthusiastin. Nur im Winter wird ihr langweilig – dann reist sie nach Indien.

Potsdam - Andere machen einen Yogakurs oder einen langen Spaziergang durch die Natur – Eleanora Terrelonge-Griffith de Franke bepflanzt lieber ein Blumenbeet. „Das ist meine Morgenmeditation“ sagt Terrelonge-Griffith de Franke, die direkt am Luisenplatz wohnt. Jeden Tag steht sie um fünf Uhr auf, schnappt sich Schubkarre und ein paar Gartenwerkzeuge und beginnt mit ihrer Mission. Ihr ist es zu verdanken, dass die Beete rund um den Luisenplatz, die Gitter der Tiefgarageneingänge oder das Wurzelbett der Bäume herum mit bunten Blumen bepflanzt sind.

Terrelonge-Griffith de Franke führt zu einem Beet direkt vor einem Restaurant, bleibt stehen und sagt liebevoll: „Mit diesem Beet habe ich angefangen, das war vor fünf Jahren.“ In dem Beet bilden bunte Blumen genau abgestimmt mit grünen Pflanzen ein passendes Bild rund um den Baum. „Ich habe einen kleinen Tick für Kreise“, erklärt die Potsdamerin.

Vor dem Hotel am Luisenplatz hat sie Narzissen und Hortensien in Harmonie miteinander kreisförmig um den Baum gepflanzt. „Hortensien waren die Lieblingsblumen von Königin Luise“, weiß sie. Vor dem Wiener Café wachsen von ihr gekaufter und gepflegter Lavendel und Chinagras, für das Restaurant Assaggi bepflanzt sie unentgeltlich die großen Blumentöpfe mit rosa Rosen. Der gesamte Luisenplatz trägt ihre pflanzliche Handschrift. Rosen, Narzissen, Hortensien, chinesisches Gras, Petunien, Geranien – je nachdem, wonach ihr der Sinn steht und was zur Jahreszeit passt, pflanzt sie in die Beete.

"Ich bin die treueste Mitarbeiterin Potsdams"

Die Rentnerin macht all dies aus Leidenschaft. Geld bekommt die pensionierte Personalberaterin dafür nicht. „Ich bin die treueste Mitarbeiterin Potsdams“, sagt sie und lacht. „Aber ich bekomme viel Unterstützung, zum Beispiels von der Step oder von den Müllmännern.“ Sie helfen ihr mal beim Anheben eines schweren Blumentopfes oder nehmen die Müllsäcke, die sie jeden Morgen füllt, mit: Denn morgens früh beginnt ihr Tag zunächst mit dem Beseitigen von Müll aus den Beeten, den Besucher des Luisenplatzes am Tag zuvor dort gelassen haben: Essensreste, Zigarettenstummel, Verpackungen. Auch etliche Pfandflaschen findet die Anwohnerin vom Luisenplatz und legt sie extra zur Seite. Befreundete Rentner holen sich diese ab und stocken damit ihr Einkommen auf.

Aus der Fassung bringen lässt sich Terrelonge-Griffith de Franke von den Schmierfinken nicht. Natürlich stört es sie, dass Hundebesitzer ihre Tiere in die Beete urinieren lassen – oder noch schlimmer – dass Menschen das Gleiche tun. „Erst gestern stand eine Mutter mit ihrem kleinen Sohn vor der Touristeninformation und er sollte ins Beet pinkeln“, empört sie sich. Von dem Urin gehen viele ihrer Pflanzen ein. Vier der zwölf Töpfe, die sie im vergangenen Jahr am Vatertag um den Luisenbrunnen aufgestellt hat, wurden eines Nachts umgeschmissen, die darin wachsenden Bäumchen in den Brunnen befördert. Sie hat sie wieder aufgestellt, neu bepflanzt. Solche Leute wird es immer geben, das ist ihr klar. „Warum machen die das?“, fragt sie. „Aber es ist auch egal, ich mache weiter.“

Blühende Kulisse für 1,2 Millionen Passanten

Vor fünf Jahren ist Terrelonge-Griffith de Franke von Frankfurt am Main nach Potsdam gezogen. „Es sah unbeschreiblich aus“, erinnert sie sich an die Stein-und-Gitter-Tristesse auf dem Luisenplatz. Kurze Zeit später hat sie mit den Pflanzungen begonnen. In Frankfurt hatte sie einen privaten Garten mit 42 verschiedenen Rosenarten. „Ansonsten hatte ich keine Vorkenntnisse“, sagt sie. „Ich habe mir alles selbst im Internet angelesen und dabei viel Deutsch gelernt.“ Der Luisenplatz – auf ihrem Balkon schaut sie direkt aufs Brandenburger Tor – sei doch das „Herz der Stadt“, findet sie. „Wer nach Sanssouci oder in die andere Richtung zum Museum Barberini will, überquert ihn: Freunde aus aller Welt.“ Gut 1,2 Millionen Menschen passierten jährlich den Luisenplatz.

Der eigentliche Auslöser für ihre Pflanzarbeit war ein Traum, erzählt sie. „Peter Lenné stand an meinem Fenster.“ Der Preußengärtner hätte ihr sodann eine Bank gezeigt, die dem Luisenplatz fehlt: Geschwungen und breit. Sie hat sie aufgezeichnet und ihren Töchtern gezeigt: Wo bekomme ich diese Bank? Auf einer Messe entdeckte eine Tochter so eine „Boomerang-Bank“, von der Terrelonge-Griffith de Franke nun träumt. Die Anschaffungskosten sind jedoch alles andere als traumhaft: 50 000 Euro benötigt sie für die 850 Kilogramm schweren Bänke. Mit exotischen Kränzen, die sie zu Weihnachten am Luisenplatz verkauft, hat sie bereits 6000 Euro eingenommen.

"Ele" lässt sich nicht einschüchtern

Doch selbst wenn sie das Geld bereits zusammen hätte, warten bis zur Aufstellung muss die Blumenkünstlerin ohnehin. Der Vertrag mit den Architekten sieht vor, dass in die Struktur des Luisenplatzes nicht verändernd eingegriffen werden darf. „Ich hab mir gedacht, wenn ich den Platz erstmal nur schöner mache, kann doch keiner was sagen“, sagt sie. Deshalb bleibt es vorerst beim Pflanzen. Erst 2020 erlaubt es der Vertrag, Eingriffe in die Struktur des Platzes vorzunehmen.

Mittlerweile ist die quirlige Frau mit den langen weißblonden Rastazöpfen ein bekanntes Gesicht, die meisten rufen sie nur „Ele“ oder die „Blumenfee vom Luisenplatz“, kommen vorbei, fragen, wie es ihr geht und erzählen von ihrem Tag. „Ele“ quatscht und spaßt mit ihnen in dem ihr eigenen Mix aus Deutsch und Englisch. Das war am Anfang ganz anders. „Was machen Sie da? Bezahlt das der Staat? Sie sind nicht von hier, oder?“, Terrelonge-Griffith de Franke imitiert die neugierig-unfreundlichen Fragen, die sie zu Beginn täglich zu hören bekam und lacht dabei ein ansteckendes Lachen. Auch Rechte hätten sie, die aus der costaricanischen Hauptstadt San José stammt und mittlerweile viele Jahre lang mit einem Sachsen verheiratet ist, komisch beäugt. Da hat sie ihr Beet kurzerhand verlassen, sich vor den Männern aufgebäumt und gefragt: „Was ist euer Problem? Ich pflanze Blumen, die produzieren Sauerstoff. Was ist dagegen einzuwenden?“ Die Nazis haben nicht geantwortet – sind aber wortlos davon gegangen. Seitdem hatte sie nie wieder Probleme.

Terrelonge-Griffith de Franke gehört mittlerweile zum Luisenplatz wie die von ihr gepflanzten Blumen. Nur im Winter wird ihr langweilig. Dann fährt sie oft zum Meditieren nach Indien, wo ihre drei erwachsenen Söhne leben und sich auf den Besuch der Mutter freuen.