• Von Henri Kramer: Mehr als das Klingelschild kennen

Von Henri Kramer : Mehr als das Klingelschild kennen

Alle Generationen in einem Haus: Zwei Wohnprojekte in Potsdam versuchen das Zusammenleben

Ein Kalender mit den Geburtstagen aller Bewohner hängt im Erdgeschoss. Daneben steht eine Tafel mit der Einteilung für den abwechselnden Brötchenholdienst. „Wir versuchen, jeden Tag mindestens einmal zusammen zu essen“, sagt Ike Borg aus der Uhlandstraße 22. 16 Erwachsene und 13 Kinder zwischen zwei und 60 Jahren wohnen seit Juni so zusammen. Sie planen noch eine Bibliothek, eine Gemeinschaftsküche, für Sommernächte eine Feuerstelle im Garten. Die Bewohner des Hauses wollen einen Teil ihrer Freizeit bewusst gemeinsam verbringen. So eine Hausgemeinschaft ist in Potsdam bislang einzigartig. WohnGut heißt das Projekt, die Bewohner haben dafür eine gleichnamige Genossenschaft gegründet.

Und jetzt im Advent backen sie zusammen Plätzchen. Um die junge Potsdamerin Ike Borg herum stechen Kinder ausgerollten Teig aus. Die meisten hier tragen Kleider aus Naturfasern. „Wir versuchen hier generationsübergreifend zusammenzuleben und uns dabei gegenseitig zu helfen“, sagt Ike Borg.

Der Gedanke für diese Art Kommune ist einfach: Alte und Junge sollen sich gegenseitig unterstützen, der Stadtmensch nicht vereinsamen. „Es gibt viele Leute, die ein Interesse an solch einem alternativen Wohnmodell haben“, ist Ike Borg sich sicher. Inzwischen gibt es bereits eine zweite WohnGut-Gruppe, die ein Gebäude sucht. Drei Jahre hat es bei Ike Borg und den anderen Bewohnern gedauert, bis sie ein passendes Haus zum Kauf fand.

Ähnlich lang sucht schon Friederun Schreiber. Mit dem Konvoi e.V. möchte sie wie WohnGut ein alternatives Hausprojekt gründen, in dem mehrere Generationen zusammenwohnen. Der wichtigste Unterschied: Die künftige Unterkunft für die Konvoi-Gemeinschaft soll nicht gekauft, sondern gemietet werden. Momentan spreche ihr Verein mit Potsdamer Wohnungsbauunternehmen, ob und wie sich der Traum verwirklichen lässt. „Die Gratwanderung wird der Mietpreis“, sagt Friederun Schreiber.

Das Hauptmotiv für das Konvoi-Modell klingt ähnlich wie bei WohnGut: Der Glaube daran, dass sich verschiedene Generationen aufeinander einlassen müssen. „Wir denken, dass durch die engeren Kontakte die Älteren länger geistig und körperlich flexibel bleiben, Singles eine Gemeinschaft erhalten und junge Familien von Senioren bei der Kinderbetreuung unterstützt werden“, sagt Friederun Schreiber. Gleichzeitig wünscht sich die 65-Jährige für das Konvoi-Haus eine foyerartige Eingangszone, einen Raum zum Quatschen, zum Zeitungslesen… 25 Punkte finden sich auf ihrer Liste, wie sich Nachbarn helfen können, von gemeinsam genutzten Rabatten bei Großeinkäufen bis zum einfachen Blumengießen. Ganz praktische Interessen sind es, die Friederun Schreiber im Sinn hat. Doch ist ihr Vorhaben Konvoi e.V. auch als alternativer Entwurf für den dritten Lebensabschnitt gedacht. „Ich möchte nicht völlig abhängig von meinen Kindern sein, sondern selbständig bleiben.“

Wie ein Lebensplan klingt es bei Wohngut auch, obwohl hier die Mitglieder im Schnitt jünger sind. Die meisten aus dem Projekt haben schon viele Städte und Wohnungen erlebt, manche kannten nach etlichen Umzügen ihre Nachbarn nur noch auf dem Klingelschild. „Unsere Kinder wissen später, wie es ist, mit Älteren gemeinsam zu leben“, sagt Ike Borg. Und wenn es trotz allem Mut zur Gemeinsamkeit doch einmal Konflikte in der Uhlandstraße gibt, hofft sie darauf, dass die Bewohner miteinander reden, sich im wöchentlich tagenden Plenum auch zuhören. Das trainieren sie. Einmal im Monat kommt dafür ein Spezialist für gewaltfreie Kommunikation aus Berlin. Damit aus dem WohnGut nicht doch noch ein Dauerstreit wird.

Infos unter:

www.wohngut.net

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