Von Henri Kramer : Der Entschleuniger

Dieter Jetschmanegg ist der neue Büroleiter von Oberbürgermeister Jakobs: Wer er ist, was er will

„Lieber langsamer, dafür gewissenhafter“: Ein Leitspruch für die Arbeit von Dieter Jetschmanegg im Rathaus.
„Lieber langsamer, dafür gewissenhafter“: Ein Leitspruch für die Arbeit von Dieter Jetschmanegg im Rathaus.Foto: Andreas Klaer

Das Ziel seiner Arbeit ist für Dieter Jetschmanegg ganz klar: „Ich will dazu beitragen, dass nicht alles Chefsache wird.“ Der Chef des 48-Jährigen ist Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD). Morgen ist Jetschmanegg genau seit drei Monaten der neue Büroleiter des Stadtoberhaupts, dessen rechte Hand und Berater.

Als seine Stärken nennt der gebürtige Badener „Ruhe und Gelassenheit“. Entsprechend seine Agenda für das Oberbürgermeisterbüro: In Potsdam seien „unglaublich viele Bälle zugleich in der Luft“, sagt er und meint das Dauerthema Stadtentwicklung, die immer neuen Streitigkeiten um Bauprojekte, den Zank um die Potsdamer Mitte – die Liste ließe sich fortsetzen. Dies sei für alle im Rathaus „unglaublich“ anstrengend. Seine Konsequenz: „Die Stadtverwaltung wird nicht mehr alle Themen gleichzeitig wuppen können.“ Man müsse Prioritäten setzen, gerade wegen der in Potsdam oft aufgeregten politischen Debatte. So plädiert er, ein Fan der englischen Blues-Legende Eric Clapton, für „Entschleunigung“.

Jetschmanegg kann auf Erfahrungen aus vielen Bürojahren zurückgreifen. 1990, damals war er 27 Jahre alt, zog der Verwaltungswissenschaftler kurz nach Beendigung seines Studiums an der Universität Konstanz nach Dresden, arbeitete dort in einem Buchladen und verschickte viele Bewerbungen. Die Potsdamer SPD wurde auf den jungen Parteifreund aus dem Westen aufmerksam: Jetschmanegg war fortan für das Büro von Norbert Glante (SPD) zuständig, Landrat des früheren Kreises Potsdam. Als Glante vier Jahre später ins EU-Parlament nach Brüssel wechselte, nahm er seinen Büroleiter mit. „Seitdem bin ich dem europäischen Gedanken eng verbunden, in Brüssel wird mehr als hier nach einem Konsens gesucht.“ 1997 kam Jetschmanegg zurück – arbeitete im Gesundheits- und Seniorenbereich, wurde Vorstandschef des Jugendhilfe-Trägers Job e.V. in Teltow. 2005 holte Jakobs ihn als persönlichen Referenten, nun ist Jetschmanegg sein Bürochef: „Ich bin viel herumgekommen, habe viele Netzwerke geknüpft.“

Was ein Büroleiter des Potsdamer Oberbürgermeisters täglich erledigen muss, zählt Jetschmanegg schnell auf. Zunächst wird die Post an den Chef sortiert. Allein im zurückliegenden Januar seien das 600 Briefe gewesen, so Jetschmanegg – „ohne E-Mails“. Alle müsse er „sichten“ und auf ihre Dringlichkeit bewerten. Seine Aufgabe sei es auch, Jakobs „vernünftig“ auf seine Termine vorzubereiten. Teilweise stammen die Grußworte aus seiner Feder, er organisiert auch „symbolische Aktionen jenseits des Tagesgeschäfts“.

Ist Jetschmanegg, der von sich sagt, „kein harter Hund zu sein“, aber auch ein „Feuerlöscher“? Die Fähigkeit, Konflikte zu entschärfen, wurde seinem Vorgänger Wolfgang Hadlich bescheinigt. Jakobs delegierte gern schwierige Gespräche an ihn. Jetschmanegg sagt dazu, er werde die „Aufgabe der politischen Koordination und Beratung beibehalten“. Allerdings sei die Situation nach Jakobs’ deutlichem Wahlerfolg im vergangenen Herbst eine andere: „Die Auseinandersetzungen in der Stadtpolitik sind nicht mehr so hektisch.“ Insofern könne nicht alles Aufgabe des Oberbürgermeisters sein, auch die Dezernten müssten „in die Pflicht“ genommen werden.

Entlastung schaffen, das gilt auch in Jetschmaneggs Privatleben. Der Vater dreier Kinder – der Jüngste ist anderthalb Jahre alt – ist nach zehn Jahren nicht noch einmal als Chef des in Potsdam wichtigen SPD-Ortsvereins Babelsberg angetreten. „Da war ein Generationenwechsel nötig.“ Jetzt kümmert er sich „nur noch“ um die „Gesamtstadt“ – deren Entwicklung eine Herausforderung sei: „Eine wachsende Stadt ist nicht per se etwas Positives.“ Es müsse darauf geachtet werden, dass genügend Freiflächen erhalten blieben, auch das Problem fehlender preisgünstiger Wohnungen spricht er an. Der Potsdamer Bevölkerung attestiert Jetschmanegg „eine größere Toleranz als oft vermittelt wird“. So habe er sich die heutige Internationalität Potsdams vor einigen Jahren nicht vorstellen können. Auch das soziale Gefälle bemerkt er. „Doch all diese Widersprüche eskalieren nicht.“ Insofern ärgern Jetschmanegg Formen der „Über- Ideologisierung“ von Themen, bei denen „ideologische Gräben“ geschaufelt würden: „Jann Jakobs will aus Potsdam natürlich kein Preußen-Disneyland machen.“

Da ist er wieder bei seinem Dienstherr. Noch einmal erklärt Jetschmanegg seine Idee, „lieber langsamer, dafür aber gewissenhafter“ Potsdams Zukunft mitzugestalten. Erst vergangene Woche hat er auf eine Anfrage der Wählergruppe Die Andere nach den geplanten Stadtteilkonferenzen für mehr Bürgerbeteiligung geantwortet: Die Pläne werden im April vorgestellt. Viel mehr schrieb Jetschmanegg nicht. Die Entschleunigung im Oberbürgermeisterbüro hat begonnen.

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