• Von Erhart Hohenstein: „Der Einsiedler“ soll zurückkehren

Von Erhart Hohenstein : „Der Einsiedler“ soll zurückkehren

Hausherr des Hotels war der General und Gastwirt von Einsiedel: Wurde er 1745 heimlich enthauptet?

Erhart Hohenstein
Bei Hochzeitspaaren beliebt. Das Hotel und Restaurant „Zum Einsiedler“. Repro: PNN
Bei Hochzeitspaaren beliebt. Das Hotel und Restaurant „Zum Einsiedler“. Repro: PNN

In einer Oktobernacht des Jahres 1745 sahen Nachbarn eine dunkel gekleidete Gestalt in das Haus Grenadierstraße 8 gehen. Wenige Tage später wurde der Tod des Hausherren General Gottfried Emanuel von Einsiedel bekannt. Ins Potsdamer Kirchenbuch wurde sein Ableben nicht eingetragen, der Leichnam in Wiepersdorf bestattet. Schon bald erzählte man in Potsdam, König Friedrich II. habe den General wegen dessen Versagen in der Schlacht von Prag durch einen Scharfrichter „heimlich enthaupten“ lassen.

Diese Legende rankt sich um das heute nicht mehr vorhandene Haus in der jetzigen Schlossstraße 8, dessen originalgetreuer Wiederaufbau neben neun anderen Baudenkmalen vom Innenstadtverein Mitteschön als unerlässlich für die Gestaltung der Potsdamer Mitte gefordert wird. Dazu hat er vor kurzem eine Visualisierung vorgelegt. Das Grundstück hatte ursprünglich dem preußischen Minister und General-Erb-Post-Meister Graf Kolbe von Wartenberg gehört. Der Graf scheint aber so unverschämt in die eigene Tasche gewirtschaftet zu haben, dass er Potsdam verlassen musste.

1726 übereignete der König jenes Grundstück Gottfried Emanuel von Einsiedel. Der Lange Kerl, der 1716 in das Königsregiment eingetreten war, hatte Friedrich Wilhelm I. bereits in jungen Jahren wertvolle Dienste erwiesen. Dazu zählte ein Duell, das er nach einem Streit im Tabakskollegium stellvertretend für den König ausfocht. Der Monarch ließ sich nicht lumpen: Einsiedel wurde als Major stellvertretender Kommandeur des I. Roten Leib-Bataillons, dessen Chef der König war. Außerdem erhielt der Offizier eine Vertrauensstellung als Prüfer für die in der Gewehrfabrik hergestellten Waffen.

Nachdem Einsiedel das Wartenbergsche Haus übernommen hatte, bewies er geschäftliches Geschick. Er nutzte die mit dem Grundstück verbundene Braugenehmigung, um eine Gaststätte zu eröffnen. General und Gastwirt, eine ungewöhnliche Kombination. Der König erlaubte sogar, dort den ihm sonst verhassten Branntwein auszuschenken – das hatten die aus Lüttich für die Gewehrfabrik angeworbenen Facharbeiter zur Bedingung für ihren Umzug nach Potsdam gemacht.

Von Einsiedel genoss zunächst die Gunst Friedrichs II., der 1740 den Thron bestieg. Der junge König ernannte ihn zum Generalmajor und zum Kommandeur der Grenadiergarde Nr. 6., in der Angehörige der aufgelösten Riesengarde Lange Kerls dienten. Im Zweiten Schlesischen Krieg vermochte Einsiedel 1745 aber Prag nicht zu halten und wurde vor ein Kriegsgericht gestellt. Zwar konnten Offizierskameraden eine Verurteilung verhindern, doch die militärische Karriere Einsiedels war zu Ende. Den 55-Jährigen soll dies so schwer getroffen haben, dass er „an gebrochenem Herzen“ starb. Darüber hat auch Fontane berichtet.

Die Gaststätte in dem durch den Bildhauer Johann Peter Benckert erworbenen Haus florierte weiter. Benckert nannte sie „Zum Einsiedler“ und entwarf sogar ein Wirtshausschild, das Alexander den Großen mit dem in einer Tonne lebenden Einsiedler Diogenes zeigt. Bald wurde die Schlossstraße 8 Potsdams vornehmste Adresse. Es wurde Treffpunkt verschiedener Bildungsvereine und zu einem beliebten Hochzeitshotel. Frühzeitig besaßen die Zimmer Bäder und Zentralheizung. Das schlicht-schöne Barockhaus und seine Nebengebäude wurden ausgebaut.

Mit dem englischen Bombenangriff vom 14. April 1945 war die Herrlichkeit vorbei. Was nach schweren Bombentreffern vom „Einsiedler“ übrig geblieben war, wurde bereits 1948 abgetragen, zehn Jahre bevor die Abrisswelle richtig in Gang kam. Widerstand dagegen regte sich in dieser Notzeit kurz nach dem Kriege nicht. Aus dem Schutt geborgen wurde aber das Benckertsche Wirtshausschild, das dem Potsdam-Museum übergeben wurde. In den 1980er Jahren für eine Ausstellung restauriert, könnte eine Replik davon den wiedererrichteten „Einsiedler“ zieren.

Hier sollte dann auch die Legende von der „heimlichen Enthauptung“ erzählt werden. Mit dem wahren Ende: Als 112 Jahre nach Einsiedels Tod das Gerücht noch immer nicht verstummt war, ließ König Friedrich Wilhelm IV. das Grab in Wiepersdorf öffnen. Der Kopf der mumifizierten Leiche wurde angehoben, ohne dass er sich vom Rumpf löste. Einsiedel war also nicht enthauptet worden.