• Viele Fahrgäste, wenige Fahrer: Verkehrsbetrieb Potsdam in Personalnot

Viele Fahrgäste, wenige Fahrer : Verkehrsbetrieb Potsdam in Personalnot

17 Bus- und sechs Tramfahrer fehlen derzeit in Potsdam, im Linienverkehr fallen Fahrten aus. Der Krankenstand im städtischen Unternehmen bleibt geheim.

Die Verkehrsbetriebe leiden unter Personalnot.
Die Verkehrsbetriebe leiden unter Personalnot.Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Der stadteigene Verkehrsbetrieb in Potsdam GmbH (ViP) hat mit erheblichen Personalproblemen zu kämpfen: Wie die Pressestelle des Unternehmens den PNN auf Anfrage mitteilte, fehlen zur Zeit 17 Busfahrer:innen. Außerdem werden zwei weitere Fährleute und sechs Frauen oder Männer für den im Januar beginnenden Straßenbahn-Lehrgang gesucht. 

„Die Personalsituation ist eine Herausforderung“, sagt Uwe Loeschmann, neben Claudia Wiest Geschäftsführer des ViP. Immerhin: Noch im Oktober und November werde die 100-prozentige Tochtergesellschaft der Stadtwerke fünf Fahrerinnen und Fahrer für die Busse einstellen.

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Für den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) in Potsdam ist der ViP von großer Bedeutung. Das Unternehmen, das derzeit 149 Busfahrer:innen und 124 Tramfahrer:innen beschäftigt, erschließt das Stadtgebiet auch mit der Hilfe von Subunternehmen fast flächendeckend. Drei Viertel aller 182.500 Einwohner müssen nach Angaben des ViP nicht weiter als 300 Meter bis zur nächsten Haltestelle laufen.

Wegen der Krankheitsausfälle müssen auch Büromitarbeiter ans Steuer

Allein: Mitunter ist dort Geduld gefragt. Pressesprecher Stefan Schulz räumt ein, dass Fahrten ausfallen, „da nicht in jedem Fall krankheitsbedingte Abwesenheiten zeitnah kompensiert werden können“. Dann greift, salopp gesagt, das Prinzip „Fahrersitz statt Bürostuhl“: Mitarbeiter der Verwaltung und der technischen Bereiche mit entsprechenden Fahrerlaubnissen verlassen, so Schulz, gelegentlich ihre angestammten Arbeitsplätze, um am Lenkrad der Linienbusse oder an den Hebeln der Trams für Vortrieb zu sorgen. 

Manche „helfen freiwillig an einem Teil ihrer freien Tage aus oder übernehmen anstelle ihrer Tätigkeit zeitweise Fahrdienste“. Wie dramatisch die Personalnot bei Straßenbahnen und Bussen ist, wird auch daran deutlich, dass Fahrerinnen und Fahrer vorzeitig aus ihrem Urlaub zurückkehren mussten, um auszuhelfen. Schulz dazu: „Wir sind aber bemüht, dies nicht tun zu müssen.“

Auf jeden Fall für sich behalten möchte der ViP Zahlen über den Krankenstand. Die „Märkische Allgemeine Zeitung“ (MAZ) hatte Mitte September mit Hinweis auf eine anonyme Quelle berichtet, dass 15 Prozent der Mitarbeiter krankgeschrieben seien, während das Unternehmen in der Planung von nur sieben Prozent ausgegangen sei. Gestiegen ist laut MAZ auch die Zahl der Langzeitkranken. Auf die beiden PNN-Fragen nach dem Krankenstand und den langfristig Erkrankten gab Sprecher Schulz gleichlautende Antworten: „Das sind unternehmensinterne Daten, die wir nicht veröffentlichen.“

Personal ist trotz gestiegener Löhne schwierig zu finden

Mit einem ausgeklügelten Konzept müht sich der ViP, plötzlich auftretende Lücken in den Dienstplänen zu füllen. Zumindest die wichtigsten Linien sollen uneingeschränkt fahren. Bei den Trams ist dies die Linie 96, die von der Marie-Juchacz-Straße zum Campus Jungfernsee quer durch die Stadt rollt, bei den Bussen die Linie 605 vom Science Park West bis zum Bahnhof Charlottenhof sowie die Linie 638 vom Hauptbahnhof bis zum Rathaus Spandau. 

Die Schwierigkeiten, Fahrer zu finden, belasten fast die gesamte Branche – obwohl die Löhne gestiegen sind. Der ViP etwa zahlt nach dem Tarifvertrag Nahverkehr Brandenburg ab 1. November ein monatliches Brutto-Grundgehalt von 2479 Euro plus Zuschläge. Trotzdem suchen bundesweit viele Busunternehmen neue Mitarbeiter, oft monatelang.

Der Potsdamer Busbetrieb Günter Anger setzt  bei der Personalsuche auf Verbindungen bis Polen und Ungarn

Alexander Heinz, mit seinem Bruder Konstantin Inhaber des von seinem Onkel gegründeten Potsdamer Busbetriebs Günter Anger, sieht gesellschaftliche Veränderungen als Grund für das Problem. Dienstleistungen seien „für viele junge Leute unattraktiv geworden“, sagt er. „ Sie wollen nicht freitags oder samstags arbeiten, wenn Gleichaltrige feiern.“ 

Er zählt mit seinen gut 140 Mitarbeitern zu den Subunternehmern, die auch im Auftrag des ViP fahren. Übers Jahr gingen nur „zwei bis drei Bewerbungen“ bei Anger ein, die Bewerber:innen hätten größtenteils schlechte Schulnoten. In Personalnot ist Heinz dennoch nicht. Er hat sich ein Netzwerk aufgebaut, das bis nach Polen und Ungarn reicht. Dazu gehören Kollegen, deren Empfehlungen er traut.

Mit einem Bündel von Maßnahmen will der ViP der Misere trotzen, etwa mit der Aktion „Mitarbeiter werben Mitarbeiter“ und übertariflichen Besonderheiten wie dem Mitarbeiterticket. Gute Erfahrungen hat das Unternehmen mit der Ausbildung sogenannter Kombifahrer gemacht, die in Bussen und in Trams eingesetzt werden. Und der ViP übernimmt für Neueinsteiger die Kosten für die Ausbildung zum Busfahrer.

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