• Verwaiste Eltern: Die Katastrophe überleben

Verwaiste Eltern : Die Katastrophe überleben

Als Daniela Bergs Tochter starb, schrieb sie viele Briefe. Jetzt ist daraus ein Buch geworden, in dem der Theologin aus Potsdam eine sehr persönliche, offene und berührende Ansprache an Trauernde gelingt.

Eigene Wege finden. Daniela Berg ist freie Theologin und bietet unter anderem Zeremonien wie freie Trauungen an, Willkommensfeiern für Kinder, Trauerfeiern und Abschiede.
Eigene Wege finden. Daniela Berg ist freie Theologin und bietet unter anderem Zeremonien wie freie Trauungen an, Willkommensfeiern...Foto: A. Klaer

Zwei Kinder haben Daniela Berg und ihr Mann. Ihr Sohn ist ein Teenager. Die Tochter wäre heute erwachsen. Aber 2012 starb Marlene, damals 15 Jahre alt, nach einer kurzen Krebserkrankung. Die Eltern mussten Abschied nehmen von ihren Kind, etwas, das für Eltern eigentlich nicht vorgesehen ist. Und das vermutlich umso schwerer fällt, wenn es einen kalt erwischt. Fünf Monate blieben von der Diagnose Krebs bis zum Ende. Es war die Zeit, in der Daniela Berg zu schreiben begann, Briefe und E-Mails, in denen sie sich ihren Freunden mitteilte. Alle auf dem Laufenden hielt, was Marlene betraf, aber auch ihr eigenes Herz ausschüttete, ihre Verwirrtheit, Wut und Hilflosigkeit gegenüber dem, was plötzlich auf sie einstürzte. Das Schreiben tat gut.

Jetzt, nach einigen Jahren Abstand, hat sie die Briefe, Notizen und Gedichte aus jener schweren Zeit noch einmal gelesen und schließlich zu einem Buch zusammengefasst. „Begreifen, was nicht ist“ erschien vor wenigen Wochen als Taschenbuch im Winterwork-Verlag. Am heutigen Donnerstagabend liest die Autorin daraus vor, eine Veranstaltung im Rahmen der Themenabende „Leben weben“ des Hospiz- und Palliativberatungsdienstes Potsdam.

„Das ist immer noch ein schwieriges Thema in unserer Gesellschaft“, sagt Daniela Berg. „Einerseits ist in den vergangenen Jahren viel passiert, was die Palliativbetreuung betrifft. Andererseits löst es nach wie vor große Berührungsängste bei Außenstehenden aus.“ Was zum Teil auch verständlich ist, sagt Berg. „Als Nicht-Betroffener möchte man diesen unerträglichen Gedanken der Endlichkeit und des Verlusts nicht an sich ranlassen. Aber man projiziert das doch automatisch auf sich selbst. Vor dem Schmerz hat man natürlich Angst“, sagt Berg.

Ein Buch als Baustein auf einem langen Weg des Abschieds

Für den Betroffenen wiederum dreht sich alles nur noch um dieses eine Thema. „Es ist schwer, wenn einem genau dann die Freunde aus dem Weg gehen, keiner mehr anruft oder vorbeikommt.“ Sie selbst habe sich damals sehr nach Zuwendung gesehnt, habe Austausch, Kontakt zu Betroffenen oder zumindest Hilfe aus der Literatur gesucht. Deshalb wollte sie jetzt das Buch schreiben: Für sich selbst, als einen weiteren Baustein auf dem langen Weg des Abschieds und der Erinnerung, aber vor allem für Menschen, die um jemanden trauern. Für verwaiste Eltern wie sie. Das Feedback von den ersten Lesern ist durchweg positiv: „Ich konnte mich darin wiederfinden, mich besser verstehen und meine Trauer annehmen, so wie sie ist, mit allen ihren Facetten und Herausforderungen“, schreibt eine Leserin.

Natürlich muss letztlich jeder seinen eigenen Weg durch die Zeit der Trauer finden, sagt Berg. Sie möchte die Menschen ermutigen, sich auf die Suche zu machen, Dinge auszuprobieren und im Zweifel lieber zu tun als nicht zu tun: „Wenn der geliebte Mensch verstorben ist, dann kann man das nicht mehr nachholen.“

Daniela Berg, die als freie Theologin arbeitet, hat kein Problem, Dinge beim Namen zu nennen. Sie und ihr Mann formulierten damals deutlich ihre Wünsche und Vorstellungen, auch wenn es um schmerzhafte Dinge ging. Wo soll das Kind seine letzte Zeit verleben, wo soll es sterben dürfen? Wie begehen wir den Abschied, wie soll die Beerdigung aussehen?

Das Ende selbst gestalten - das kann eine Hilfe sein

„Darüber spricht man nicht gerne“, sagt Berg. Aber wenn man es tut, dann hilft es, mit dieser Ausnahmesituation zurechtzukommen. Als ihre Tochter starb, kamen Freundinnen und ihr Lehrer am Tag danach zum Abschiednehmen am Sarg, zu Hause in Marlenes Zimmer. Eine liebevolle, kraftgebende Geste.

Auch das will das Buch vermitteln: Dass man eine solche Katastrophe überleben kann. Dass man schwach und gleichzeitig stark sein kann. Im Buch schreibt sie über das Heimkommen aus der Klinik, die letzten Tage zu Hause. „Marlene bestimmt das Wann und das Wie. Sie geht ihren ganz eigenen Weg. Wir können nur an ihrer Seite sein, mit ihr sein und aushalten.“

Die Bereitschaft, etwas aushalten zu wollen und dabei auch füreinander zu sorgen, sei in der heutigen Gesellschaft zum Großteil verloren gegangen, sagt Berg. Der Tod werde abgegeben in fremde Hände und Institutionen. „Dabei gibt es so viele Möglichkeiten, diesen Prozess selber zu gestalten. Es gibt schon Bestatter, bei denen man selber einen Sarg bauen kann“, sagt Berg. „Wer aktiv ist, fühlt sich weniger hilflos und kann dem Tod zumindest etwas entgegensetzen.“

Lesung am heutigen Donnerstag um 19 Uhr in der Karl-Liebknecht-Straße 28 — Daniela Berg: Begreifen, was nicht ist. E-Mails nach dem Tod meiner Tochter. Erschienen bei Edition Winterwork. 160 Seiten kosten 8,90 Euro.

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