• Verkehr in Potsdam: „Autos nehmen zu viel Platz weg“

Verkehr in Potsdam : „Autos nehmen zu viel Platz weg“

Wie Lutz Meyer-Ohlendorf ein autofreies Potsdam erreichen will.

Foto: Andreas Klaer

Herr Meyer-Ohlendorf, auf Einladung ihrer Initiative „Potsdam autofrei“ sind am Samstag rund 200 Kinder und Erwachsene vom Hauptbahnhof nach Bornstedt geradelt – als Demonstration für mehr Raum, mehr Rechte, mehr Sicherheit und mehr Aufmerksamkeit für den Radverkehr. Was stört Sie denn am Autoverkehr?

Ich bin unzufrieden, wie wenig für die dringend nötige Verkehrswende getan wird. Zu viele, zu schnell fahrende Autos sorgen für zu viele Unfälle und für zu viel schlechte Luft in dieser Stadt. Und das Fahrrad als klimafreundliches Fortbewegungsmittel ohne Schadstoffausstoß wird zu sehr an den Rand gedrängt. Dabei sollte man doch gerade den Radverkehr unterstützen, um auch Anreize zu schaffen für ein autofreies Leben in der Stadt. Radfahren in Potsdam ist generell zu gefährlich.

Aber gerade Potsdam rühmt sich doch, dass hier viel für Radfahrer gemacht wird - sehr zum Leidwesen vieler Autofahrer, wie man immer wieder liest.

Da gibt es schon gute Initiativen und Ansätze, ohne Zweifel. Und auch der Fahrradbeauftragte im Rathaus ist immer bereit, sich unsere Position anzuhören. Doch man muss leider noch um jeden kleinen Schritt kämpfen. Es werden keine grundlegenden Veränderungen vorgenommen, die für eine Stadt wie Potsdam nötig wären. Wir fordern zum Beispiel, dass sich die Stadt der Vision Zero verpflichtet fühlt.

Was meinen Sie damit?

Die sogenannte Vision Zero ist ein Leitbild mit dem Ziel, Straßen und Verkehrsmittel so sicher zu gestalten, dass keine Verkehrstoten und Schwerverletzten mehr auftreten. Da gibt es noch sehr viel zu tun – nehmen Sie zum Beispiel die Rechtsabbiegerregelungen. In Potsdam gibt es zahlreiche Stellen, an denen dadurch Unfälle nicht ausgeschlossen werden können, beispielsweise an der Breiten Straße/Ecke Schopenhauerstraße. Gerade erst ist in Berlin ein acht Jahre altes Kind von einem rechtsabbiegenden LKW überfahren und getötet worden. Es war in diesem Jahr schon das dritte Opfer, das auf diese Art in Berlin getötet wurde. Es wird noch zu wenig getan, obwohl es technische Lösungen gibt, die solche Unfälle ausschließen.

Sie setzen nun gleich ein Konzept dagegen, das ohne Auto auskommt. Wie erklären Sie das Senioren oder Handwerkern, die auf das Auto angewiesen sind?

Diese Frage kommt immer wieder. Uns ist es zunächst wichtig, über das Thema autofreie Stadt ins Gespräch zu kommen. Wir wollen darüber reden, wie viel mehr Qualität eine Stadt ohne Autos haben kann. Sie hätte einen ganz anderen Charakter. Nehmen wir etwa das Parkraum-Problem. Durch die Autos wird so viel Raum weggenommen – und das teilweise kostenlos oder zu minimalen Parkgebühren. Diese Vereinnahmung des öffentlichen Raumes können wir uns im 21. Jahrhundert einfach nicht mehr leisten. Der Preis fürs Parken sollte sich mindestens am Mietspiegel orientieren.

Trotzdem die Frage: Wie soll ihr Ansatz für Menschen funktionieren, die zwingend ihr Auto benötigen?

Laut Untersuchungen des Umweltbundesamt gehen die Hälfte aller Autofahrten auf Strecken von weniger als fünf Kilometern Länge zurück. Auf solchen kurzen Strecken ist das Fahrrad sogar das schnellste Verkehrsmittel. Für alle anderen Strecken muss der öffentliche Nahverkehr besser ausgebaut werden. Für Fahrten, die sich wirklich nicht vermeiden lassen, ist Carsharing eine Lösung. Das funktioniert zum Beispiel in Potsdam-West schon sehr gut. Es gibt ein paar wenige Autos, die man sich in einem Pool teilt und die man nutzen kann, wenn man sie braucht. Dadurch spart jeder Geld und der genutzte Parkraum wird deutlich reduziert. Auch das nachbarschaftliche Teilen wird dadurch gefördert. Ähnliche Strukturen wünschen wir uns für den Verleih von Lastenrädern als wichtigste Alternative zum Auto in der Stadt. Mit kostengünstigen Lastenradangeboten schaffen wir Anreize, um die Leute vom Auto wegzubekommen. Und aus solchen technischen Innovationen wie dem elektrischen Lastenrad können auch soziale Innovationen entstehen.

Was planen Sie und Ihre Mitstreiter nach der Radtour vom Samstag als nächste größere Aktion?

Zum autofreien Tag am 22. September möchten wir in Potsdam-West einen Teil des Kiezes symbolisch zum autofreien Gebiet erklären und damit erlebbar machen, wie viel Raum das Auto in unserem Leben einnimmt und wie die Stadt aussieht, wenn sie einmal befreit wird von der Blechlawine. Wir beraten uns dazu bereits mit dem Rathaus der Stadt.

Lutz Meyer-Ohlendorf (43) ist Mitbegründer der Initiative „Potsdam autofrei“. Der Wissenschaftler arbeitet am Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung zum Thema Konsumfolgen.

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