Potsdam : Unterwegs zu Potsdams Drachen-Orten

Großer Umzug beim Europafest / Entdeckt: Feuerspeiende Fabelwesen, die menschenfreundlich sind

Astrid Priebs-Tröger

Drachen sind faszinierende Wesen. Sie leben auf Dächern, Vulkanen, in Brunnen und im Eis. Sie bewachen Schätze und paaren sich. Und sie fressen neben Menschen und Elefanten auch Kohlenanzünder. Das jedenfalls behaupteten einige der Teilnehmer der Ferienwerkstatt „Regenbogendrachen“ in der Zeichenschule von Heike Isenmann.

In der letzten Ferienwoche fanden sich in ihrem Atelier in Potsdam-West mehr als 20 Kinder zwischen sieben und zwölf Jahren ein, um gemeinsam mit ihr und Noriko Seki sowie Steffen Findeisen vom Potsdamer Theater Nadi einen großen Regenbogendrachen zu bauen. Dazu sollte es am Ende, neben selbst entworfenen japanischen Fächern, einen balinesischen Drachentanz zu sehen geben.

Und schnell waren die Kursteilnehmer bei dessen Einstudierung eifrig bei der Sache. Im Hof fassen sich Clara, Karla, Luise und all die anderen der Größe nach bei den Schultern und ringeln sich erst mal wie eine Riesenschlange ein. Steffen Findeisen lässt diese dann schnarchen, Alpträume haben und als sie hungrig wird, langsam ihre Höhle verlassen. Als es zu regnen anfängt, haben einige Schlangenglieder plötzlich Schirme in der Hand. Das ist genau richtig, dass sie das jetzt schon probieren, sagte Heike Isenmann, denn der Leib des fertigen Drachens soll aus alten Schirmgestellen bestehen, die dann phantasievoll beklebt, kaschiert und bemalt werden.

Um sich eine Vorstellung von so einem vielfarbigen Fabelwesen zu machen, wurden Vorbilder aus verschiedenen Kulturkreisen zu Rate gezogen: Neben dem blut-rünstigen kinderfressenden Ungeheuer aus der Geschichte vom heiligen Georg wurde, diesmal in japanisch und deutsch, die poetische Geschichte von Miyazawa Kenji über einen singenden und sehr menschenfreundlichen Drachen vorgelesen. Das hat die Kinder genauso beeindruckt wie die Kalligrafie-Vorführung von japanischen Schriftzeichen, die den Drachen symbolisieren, die Noriko Seki gleich am ersten Tag veranstaltete. Die meisten wollten das natürlich selbst ausprobieren und so entstanden kleine quadratische Leporellos, die innen von ersten Phantasie-Drachen bevölkert und außen mit eigenhändig geschriebenen kalligrafischen Zeichen versehen waren. Außerdem besuchten alle gemeinsam Potsdamer Drachenorte. Neben dem Drachenhaus im Park Sanssouci fuhren sie zusammen in einer Kutsche zum Marmorpalais, um sich dort vom Restaurator Andreas Liebe fachkundig den Nibelungenfries im Innenhof erklären zu lassen.

Vielleicht fand der zehnjährige Bruno dort ja die großen feuerspeienden Ungeheuer, die ihn schon so lange begeistern und über die er eine ganze Menge weiß. Er selbst will den fertigen Regenbogendrachen jedoch nicht verkörpern, sondern lieber ein Ritter sein, der diesen rettet, wenn Merlin, der siebenjährige Junge mit dem Namen des berühmten Zauberers, ihn töten will. Das dachten sich die beiden jedenfalls so aus – und bis zum Ferienende hatten sie noch viel Zeit, ihre Geschichte weiterspinnen.

Zum 5. Europafest am Wochenende in Potsdams historischer Mitte werden alle Kinder ihren Drachen und die bis dahin einstudierten Tänze den Besuchern während eines festlichen Umzugs um 15 Uhr am Stadtkanal vorstellen. Astrid Priebs-Tröger

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