• Umstrittene Inschriften: Das Glockenspiel ist "unzumutbar"

Umstrittene Inschriften : Das Glockenspiel ist "unzumutbar"

Der wichtigste Historiker des Beirats für die Garnisonkirche, Paul Nolte, hält das Glockenspiel aus heutiger Sicht für nicht mehr angemessen. Die Inschriften blenden die tiefe Verstrickung in den Holocaust aus, so Nolte.

Das Glockenspiel der ehemaligen Garnisonkirche in Potsdam.
Das Glockenspiel der ehemaligen Garnisonkirche in Potsdam.Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Das Anfang der 1990er-Jahre eigentlich für die Garnisonkirche gestiftete Glockenspiel ist maximal noch als Museumsstück zu gebrauchen, denn es ist „aus heutiger Sicht historisch-politisch unzumutbar“: Zu dieser eindeutigen Einschätzung ist der Chef des wissenschaftlichen Beirats der Stiftung Garnisonkirche gekommen, der Berliner Historiker Paul Nolte. Damit scheint es unwahrscheinlich, dass das seit September abgeschaltete Glockenspiel an der Ecke Yorck-/ Dortustraße noch einmal erklingen wird – trotz öffentlicher Proteste.

Professor Paul Nolte.
Professor Paul Nolte.Foto: Sebastian Gabsch

Über Professor Noltes Expertise berichtete zunächst die „Märkische Allgemeine“. Den PNN sagte Nolte am Freitag, man habe sich im Beirat bereits Ende September mit dem Glockenspiel und seinen umstrittenen Inschriften beschäftigt. Das Ergebnis: Das einstige Geschenk an die Stadt müsse im Kontext der Geschichte der alten Bundesrepublik in den 1980er-Jahren verstanden werden, so Nolte: „Oder genauer gesagt, im Kontext revisionistischer und militaristischer Bestrebungen, die nach der deutschen Einheit und erst recht im Jahre 2019 als überwunden gelten müssen.“

Die Erinnerung blende die tiefe Verstrickung in den Holocaust aus

Wie berichtet hatten bereits im Sommer rund 100 teils namhafte Künstler, Wissenschaftler und Architekten in einem offenen Brief auf den problematischen Inhalt der Inschriften auf dem Geläut hingewiesen, dass die „Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel“ unter dem Ex-Oberstleutnant Max Klaar 1991 aufstellen ließ. So findet sich auf einer der Glocken der lateinische Spruch „suum cuique“, auf Deutsch „Jedem das Seine“ – es handelt sich um die Losung, die die Nationalsozialisten am Haupttor des Konzentrationslagers Buchenwald anbrachten. Eine andere Ehrung betrifft den Verband deutscher Soldaten, der sich unter anderem für die Rehabilitation von Angehörigen der Wehrmacht einsetzte, die wegen Kriegsverbrechen verurteilt wurden. Weitere Glocken sind verschiedenen Truppenverbänden der Wehrmacht gewidmet – und eine dem Luftwaffenoffizier Joachim Helbig, einem gefürchteten Kampfflieger im Zweiten Weltkrieg.
Solche Erinnerungen an die Wehrmacht würden aber deren „tiefe Verstrickung in Vernichtungspolitik und Holocaust ausblenden“, so Historiker Nolte. Daher könne das Geläut höchstens noch als Erinnerungszeichen für bestimmte Sichtweisen verwendet werden, zum Beispiel als ein Ausstellungsstück, „das durch Erläuterungen in seinen Kontext gestellt werden muss“. 

Mitteschön und AfD hatten protestiert

Dabei hatte sich nach der von Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) und den Initiativen für den Wiederaufbau der Garnisonkirche gemeinsam getragenen Abschaltung noch Protest geregt, vor allem von der Bürgerinitiative Mitteschön, aber auch der AfD. Schubert hatte erklärt, die Widmungen an den Glocken müssten wissenschaftlich untersucht werden: Das Ergebnis soll dann öffentlich diskutiert werden. Aus Sicht von Nolte braucht es aber eigentlich keine weitere Expertise: Der Befund zu den Glocken sei „so klar, dass es einer weitergehenden Begutachtung nicht mehr bedarf“, sagte er.

Das sieht die Stadtverwaltung freilich anders. Man habe die Einschätzung von Nolte zur Kenntnis genommen, sagte eine Stadtsprecherin. Man halte aber daran fest, die Expertise von Wissenschaftlern einzuholen. „Hierzu sind wir bereits auf wissenschaftliche Einrichtungen mit Sitz in Potsdam zugegangen.“ Auf dieser Grundlage werde man sich in der Stadtgesellschaft über den Umgang mit dem Glockenspiel verständigen. 

Nach PNN-Informationen gibt es auch einen weiteren Punkt in Noltes Einschätzung, der im Rathaus für Irritation sorgt. Denn der Historiker aus dem Beirat für die Garnisonkirche teilte auch mit: „Das Glockenspiel auf der Plantage war nie zum Einbau in den wiederaufgebauten Garnisonkirchturm vorgesehen.“ Allerdings war damals bei der Aufstellung des Glockenspiels durchaus die Rede davon, dass das Geläut für den Turm bestimmt sei. Und auch damals gab es schon Proteste gegen den Aufbau – doch kam er unter Billigung des damaligen Stadtmagistrats dennoch zustande. Auch diese Projekt-Genese will Schubert erkunden lassen. 

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Kritik an neuer Finanzspritze

Nach der Entscheidung des Haushaltsausschusses im Bundestag, den Wiederaufbau der Garnisonkirche nun mit rund 20 Millionen Euro zu fördern, gibt es Kritik von den Gegnern des Projekts. „Jahrelang beteuerte die Stiftung Garnisonkirche, die Spenden würden fließen, sobald der Turm in die Höhe wachse. Nun wächst der Turm und es wird immer klarer, dass der belastete Symbolbau kein attraktives Spendenobjekt für die breite Masse ist“, teilte die Initiative für ein Potsdam ohne Garnisonkirche mit. Da nun die öffentliche Hand den Bau zu großen Teilen bezahle, sollte sie „die Stiftung Garnisonkirche auflösen und daraus ein staatliches Gedenkprojekt machen, mit wissenschaftlicher Konzeption und finanzieller Transparenz“, so die Initiative. 

Doch mit der jetzt von der Bundespolitik beschlossenen Extraförderung von mehr als zwei Millionen Euro würde das intransparente Verhalten der Stiftung belohnt – diese rechnet laut Gegnern die realen Baukosten bewusst klein. Die Stiftung bestreitet das.

* In einer ersten Version des Textes stand an einer Stelle, die Stadtpolitik habe die zwei Millionen Euro extra beschlossen. Den Beschluss hat aber der Haushaltsausschuss des Bundes gefällt. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.