Tropenhalle in Potsdam : Wieder wird über Abriss der Biosphäre debattiert

Der Hauptausschuss hat kontrovers über die Zukunft der Biosphäre debattiert – klare Mehrheiten zeichneten sich noch nicht ab.

Es bleibt kompliziert. Seit Jahren ringen die Stadtverordneten um die Frage, was aus der Biosphäre am Volkspark werden soll.
Es bleibt kompliziert. Seit Jahren ringen die Stadtverordneten um die Frage, was aus der Biosphäre am Volkspark werden soll.Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Die 17 Millionen Euro teuren Umbaupläne für die chronisch defizitäre Biosphäre im Bornstedter Feld stoßen auf immer mehr Widerstand in der Stadtpolitik. Eine eindeutige Mehrheit für das von Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) favorisierte Großprojekt ist noch nicht in Sicht. Das wurde am Mittwochabend im Hauptausschuss deutlich. Grüne, Bürgerbündnis/ FDP und AfD können sich sogar notfalls einen Abriss vorstellen.

Im Ausschuss warb Schubert zunächst für die Modernisierung der Tropenhalle zu einem Lern- und Erlebniszentrum mit den Hauptthemen Klimawandel und Artenvielfalt – was mit einer Sanierung der vor fast 20 Jahren errichteten Halle verbunden wäre. Denn das Gebäude stehe für die moderne Potsdamer Architektur nach 1989. Und mehr als 2000 Potsdamer hätten schon 2017 eine Online-Petition für den Erhalt unterschrieben, dazu kamen 6000 weitere Unterstützer aus dem ganzen Bundesgebiet. Nach Jahren der Debatte müsse es nun endlich einen Grundsatzbeschluss geben, so Schubert weiter.

Die Pläne für den Umbau der Biosphäre
Eine Polarregion soll das Leben in den kältesten Zonen der Erde erlebbar machen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 11Visualisierung: Dan Pearlmann
01.02.2019 18:50Eine Polarregion soll das Leben in den kältesten Zonen der Erde erlebbar machen.

Der Umbau der 2001 zur Bundesgartenschau für 29 Millionen Euro eröffneten Halle soll wie berichtet mehr Besucher anlocken – damit könnte der aktuelle städtische Zuschussbedarf auf rund 450 000 Euro bis 600 000 pro Jahr halbiert werden. Zwischenzeitlich lag das Defizit sogar bei bis zu 1,5 Millionen Euro pro Jahr – was für mehrere Rügen durch den Bund der Steuerzahler sorgte. Zur Bilanzverbesserung wird mit einem Besucherstrom von 260 000 Gästen pro Jahr kalkuliert, jetzt sind es 110 000 weniger. Die Attraktivität will die Stadt durch zusätzliche Erlebniswelten, weitere Tierattraktionen und einen Extremwettersimulator in der Tropenhalle erhöhen und so mehr Besucher anlocken. Ferner ist daneben ein neues Hotel mit Wellness- und Tagungsbereich geplant – und attraktivere Außenflächen samt Gastronomie für Anwohner.

Der Abriss als Ausweg

Doch schon im Vorfeld hatten die Grünen gewarnt, mit den Plänen könnten die ohnehin hohen Betriebskosten der Tropenhalle weiter steigen – im neuen Konzept wird mit 3,1 Millionen Euro pro Jahr gerechnet. Fraktionschefin Janny Armbruster sagte, angesichts vieler anderer Touristenattraktionen in Potsdam frage sie sich, wo die zusätzlichen Besucher noch herkommen sollen. Und anderswo fehle das Geld, etwa für kleinere Stadtteilzentren, das Planetarium oder das Mitmachmuseum Extavium, monierte sie – und brachte als Ausweg den Abriss als eine von mehreren möglichen Varianten ins Spiel. Das wäre auch für die AfD eine Option, machte Fraktionschef Dennis Hohloch deutlich. Ihn habe das geplante und „unfassbar teure“ Konzept nicht überzeugt, zumal es andere ähnliche Projekte in der Region gebe. Nichts gehört habe er etwa dazu, wie man die jährliche Besucherdelle im Sommer in den Griff bekommen könne. Wolfhard Kirsch (Bürgerbündnis/ FDP) forderte, man solle die Kosten für einen möglichen Grundstücksverkauf als weitere Entscheidungsgrundlage offenlegen – um über einen Abriss als Option nachdenken zu können. Die Stadtverordneten hatten das bisher abgelehnt.

Schon im Vorfeld der Sitzung hatte SPD-Fraktionschef Pete Heuer aus dem Urlaub heraus seinen Unmut über die Pläne erklärt und vor großen finanziellen Risiken für den städtischen Haushalt gewarnt. Andere SPD-Vertreter wie Parteichef David Kolesnyk hielten sich zunächst bedeckt: „Wir haben uns in der Fraktion wegen der Urlaubszeit noch nicht abschließend positioniert.“ Allerdings merkte Schubert an, er habe sich schon über die Kritik von Leuten gewundert, die beim Workshop nicht anwesend waren. Dort hatten die beteiligten Stadtverordneten laut Schubert noch einvernehmlich für den Umbau gestimmt.

"Die Chance muss man nutzen"

Unterstützung kam von Linke-Fraktionschef Hans-Jürgen Scharfenberg. Mit den Plänen werde die Biosphäre aufgewertet, die Erwartungen für die Besucherzahlen seien eher konservativ als waghalsig. „Ein Abriss wäre absurd.“ André Tomczak von Die Andere lobte auch, dass sich renommierte Potsdamer Wissenschaftseinrichtungen wie die Klimaforscher in das Projekt einbringen sollen: „Diese Chance muss man nutzen.“ Scharfenberg sagte, mit einem klaren Votum zum Erhalt habe die Stadt auch gute Chancen auf diverse Fördermittel, um gerade den Zuschussbedarf für die Refinanzierung des Umbaus zu senken. Genau solche Fragen und viele andere Details, die sich aus dem „Grobkonzept“ ergeben, müssten vor einem Beschluss noch geklärt werden, forderte CDU/ANW-Fraktionschef Matthias Finken. Auch CDU-Mann Horst Heinzel monierte, ihm lägen zu wenige Fakten vor.

Alle Fragen könnten vor einem Grundsatzbeschluss aber nicht geklärt werden, sagte Rathauschef Schubert – schließlich wolle er „keine Ressourcen für ein Projekt verschwenden, dass am Ende keiner will“. Ähnliche Konzepte für solche Bildungseinrichtungen würden auch anderswo einen Zuschuss benötigen, sagte er.

Die Umbaupläne waren rund ein Jahr lang bei einem mehrstufigen Werkstattverfahren entwickelt worden, auf das speziell SPD und CDU/ANW gedrungen hatten. Eigens war auch die auf Freizeitanlagen spezialisierte Ideenagentur Dan Pearlman ins Boot geholt worden. Das Rathaus teilte auf Anfrage mit, die Agentur habe bisher 127 500 Euro in Rechnung gestellt, die Endabrechnung stehe aber noch aus. Die Kosten trägt die Stadtkasse.