Trockenheit : Die Bilanz eines Sommers

Es fehlt Wasser – in Potsdamer Flüssen, Seen und im Boden. Dadurch vertrocknen Bäume, Obst gedeiht schlechter und die Welterbeparks nehmen Schaden. Eine Bestandsaufnahme.

Florian Kistler
See weg. Der Kindermannsee im Park Babelsberg hat einen großen Teil seines Wassers verloren.
See weg. Der Kindermannsee im Park Babelsberg hat einen großen Teil seines Wassers verloren.Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Rekordtemperaturen und Trockenheit: Der Sommer 2019 war extrem. Damit bekommt Potsdam schon jetzt Auswirkungen des Klimawandels zu spüren. Der zweite trockene Sommer in Folge hat die ohnehin ausgelaugten Wasserreserven in den Böden weiter verringert. Pflanzen und Tiere werden erheblich belastet, Seen und Teiche haben mit Wassermangel zu kämpfen. Die PNN geben einen Überblick über die Folgen.

Regnete es zu wenig?

Ja. Neben dem Wasserstand und dem Grundwasserspiegel lagen auch die Niederschlagsmengen in den vergangenen beiden Jahren weit unter dem Durchschnitt. 2018 regnete es im gesamten Jahr nur 354,8 Liter pro Quadratmeter. In diesem Jahr waren es bisher 387. Zum Vergleich: Der langjährige Mittelwert liegt bei knapp 600 Litern, wie aus den Daten der Potsdamer Säkularstation auf dem Telegrafenberg hervorgeht. Dort werden seit 1893 Wetterdaten aufgezeichnet. Zugleich war es über das Jahr gesehen bisher außergewöhnlich warm. Die zusammengerechnete Gesamttemperatur liegt, auch durch den milden Winter, bei rund 3300 Grad Celsius, was dem vergangenen Hitzejahr entspricht – der langjährige Temperaturschnitt liegt 600 Grad darunter. Die Kombination von viel Hitze und wenig Regen hat auch dazu beigetragen, dass in ein Meter Bodentiefe nur noch wenig Wasser messbar ist – gerade im langjährigen Vergleich (siehe Grafik zum Anklicken).

Quelle: PIK Potsdam/Grafik: Tagesspiegel/Böttcher

Erst am Freitag hatte der Deutsche Wetterdienst (DWD) in einem neuen Klimareport für Brandenburg festgestellt, dass durch den Klimawandel auch die Zahl der Sommertage und die Wahrscheinlichkeit von Hitzewellen zunehmen.

Wie steht es um das Grundwasser?

Nicht gut. „Das zuletzt durchgezogene Regengebiet konnte aufgrund der tiefenwirksamen Trockenheit der Böden und der aktuell unterdurchschnittlichen Grundwasserneubildung nur unwesentlich zum Ausgleich der Grundwasserdefizite beitragen“, teilte Jens-Uwe Schade vom Umweltministerium Brandenburg, auf Nachfrage mit. Daher lägen die Grundwasserstände auch in Potsdam „im extremen Niedrigwasserbereich“. 

Sind Seen ausgetrocknet?

Zum Teil. Das Grundwasser-Problem macht zum Beispiel dem Kindermannsee im Park Babelsberg zu schaffen. „Im Gegensatz zu künstlichen Gewässern in unserem Park – wie dem Schwarzen Meer – hat der Kindermannsee einen Grundwasseranschluss“, sagte Ullrich Sachse von der Schlösserstiftung, die für den See zuständig ist. „Der aktuelle Tiefstand des Grundwassers hat aber auch zu einem Tiefstand des Wasserstandes im See geführt.“ So sei der Kindermannsee „erheblich zurückgetrocknet“. Die Situation in diesem Jahr sei ähnlich wie 2018. Sachse sagte, dass unter der geringen Wassermenge vor allem die Fische zu leiden haben. Die längerfristigen Auswirkungen untersuche man noch.

Die Düsteren Teiche sind wie schon im vergangenen Jahr komplett ausgetrocknet.
Die Düsteren Teiche sind wie schon im vergangenen Jahr komplett ausgetrocknet.Foto: Andreas Klaer

Mit ähnlichen Schwierigkeiten haben die Düsteren Teiche im Katharinenholz zu kämpfen. Sie sind wie schon 2018 komplett ausgetrocknet. Zudem ist der Große Düstere Teich durch übermäßigen Schilfwuchs zur Hälfte verlandet. Die Potsdamer Linke fordert nun im Stadtparlament ein Renaturierungskonzept für das Flächennaturdenkmal. „Das für Natur und Menschen wichtige Biotop droht dauerhaft verloren zu gehen“, heißt es in dem Linke-Antrag. Gefordert wird, dass ein Teil des Schilfbewuchses ausgegraben und entfernt wird.

Vor dem Dürresommer: Die Düsteren Teiche im Frühjahr.
Vor dem Dürresommer: Die Düsteren Teiche im Frühjahr.Foto: Ottmar Winter

Der Fachausschuss der Stadtverordneten für Klima, Umwelt und Mobilität befasst sich am Donnerstag mit dem Antrag. Im Sommer hatte der zurückgehende Pegelstand im Groß Glienicker See Schlagzeilen gemacht.

Hat die Trockenheit weitere Folgen?

Ja. Wie dramatisch die Auswirkungen des sinkenden Wasserstandes sind, beschreibt Kai Heinemann, Geschäftsstellenleiter des Naturschutzbunds in Potsdam: „Durch den sinkenden Grundwasserpegel verändert sich die Pflanzenwelt entlang der Havel.“ Die ausgetrockneten Gräben und Tümpel seien eigentlich „außerordentlich wichtige Lebensräume für viele Pflanzen und Tiere“. Einheimische Fische könnten sich an die veränderten Gegebenheiten aber nur sehr schlecht anpassen. Geringe Wassermengen in Flüssen und Seen würden zudem die Konzentration von Nähr- und Schadstoffen erhöhen. Das wiederum beschleunige das Algenwachstum. Steigen die Pegelstände nicht bald wieder an, könnten massive Probleme drohen, warnte der Experte. Besonders gefährdet seien Fische in kleineren Teichen. Sie bekämen bei Hitze und Trockenheit schlichtweg zu wenig Sauerstoff. Ferner forderte Heinemann, das Wassermanagement entlang der Havel müsse neu aufgestellt werden: „Es sollten Systeme geschaffen werden, die verhindern, dass bei Niedrigwasser Wiesen und Felder entwässert werden.“ Dazu könnten etwa Rückhaltebecken dienen.

Bereits im August hatte die Untere Wasserbehörde der Stadtverwaltung auf die Situation reagiert und mit einer Allgemeinverfügung angeordnet, dass bis auf Weiteres kein Wasser mehr aus Flüssen, Seen, Kanälen und Gräbern gepumpt werden darf. Der Wasserstand solle durch das Verbot nicht noch stärker sinken. Laut Rathaussprecherin Christine Homann seien im Sommer vereinzelt Verstöße registriert worden. Darauf habe die Stadt mit Verwarnungen reagiert.

Auch bei Grünanlagen und Gärten wie dem Botanischen Garten der Universität Potsdam sorgt das Wetter für Schwierigkeiten. „Wir mussten in diesem Sommer viel mehr gießen“, so Michael Burkart, Kustos des Botanischen Gartens. Zwar sei das vergangene Jahr noch schlimmer gewesen, die Wasserreserven im Boden seien aber inzwischen aufgebraucht. „Wir mussten bei Pflanzen, die sich in Vertiefungen befinden, normalerweise nicht gießen. In diesem Jahr reichte das vorhandene Wasser in den Bodenschichten jedoch nicht mehr“, so Burkart. Gärtnerin Doreen Schreier ergänzt: „Wir haben gegossen was nur ging, bei der brennenden Hitze half das aber oft nicht.“ In einem normalen Jahr würden rund 70 Prozent der Pflanzen bewässert werden, 2019 seien es 95 Prozent gewesen. „Viele Bohnensorten sind schlecht gewachsen. Auch der Spinat ist nicht sehr groß geworden.“

Ähnliche Probleme hatte die Gärtnerei Foerster Stauden. Zwar sei die Situation in diesem Jahr nicht gravierender als 2018 gewesen, der Gießaufwand ist laut Chef Wolfgang Härtel dennoch enorm: „Unsere Pflanzen stehen in Töpfen, daher können wir der Trockenheit mit Gießen gut entgegenwirken.“ Die Bewässerung sei jedoch „sündhaft teuer“. Aus diesem Grund würden die Pflanzen auch nicht „optimal gewässert“, sondern nur mit so viel Wasser, wie minimal nötig ist: „Anders wäre das nicht zu bezahlen.“

Wie verkraften Bäume die Trockenheit?

Bei den Bäumen ist die Lage dramatisch. Die Blätter sind in diesem Jahr schon früh trocken, viele haben lichte Kronen. „Es trifft vor allem Flachwurzler wie Erlen oder Hainbuchen. Die bekommen Probleme, sich mit ausreichend Wasser zu versorgen“, so Heinemann vom Nabu. „Im ganzen Stadtgebiet sind Schäden an Bäumen sichtbar.“ Auch die Trockenheit des vergangenen Jahres wirke nach. Auf eine Anfrage des Linke-Stadtverordneten Sascha Krämer teilte der Fachbereich Grün- und Verkehrsflächen mit, dass im Jahr 2018 insgesamt 443 Straßenbäume gefällt wurden, weil sie krank oder morsch waren. 2017 waren es 351, 2010 nur 146 Bäume. Die Schlösserstiftung hatte im Sommer wegen der von ausgetrockneten Bäumen ausgehenden Gefahren den Ruinenberg sperren müssen.

Der schlechte Zustand der Bäume ist auch eine Belastung für die Obstbauern. Lutz Kleinert vom Obstgut Marquardt verzeichnete in dieser Saison eine geringere Apfelernte. Die Qualität der Äpfel habe unter der Trockenheit gelitten, sagte Kleinert: „Der Wassermangel summiert sich mit der Zeit. Auch kam der Frost im Winter erst spät. Die Bäume hatten keine Winterruhe.“ Am Donnerstag wird der Umweltausschuss einen Grünen-Antrag für einen Baumschadensbericht für Potsdam beraten. (mit HK)