• Training in Potsdam: Die erste fahrerlose Tram der Welt lernt noch

Training in Potsdam : Die erste fahrerlose Tram der Welt lernt noch

Die erste fahrerlose Straßenbahn der Welt ist vollgestopft mit modernster Technik. Noch lernt sie. Erste Gefahrensituation hat sie gemeistert, doch ob sie irgendwann im Linienverkehr fährt, ist offen.

Carsten Holm
Gefahrensituation erkannt: Die autonom fahrende Straßenbahn gab ein Alarmsignal als sie sich dem Vater mit dem Kinderwagen näherte.
Gefahrensituation erkannt: Die autonom fahrende Straßenbahn gab ein Alarmsignal als sie sich dem Vater mit dem Kinderwagen...Foto: Soeren Stache/dpa

Potsdam - Kaum unterschiedlicher könnten die Welten sein, die am Montagnachmittag auf dem Betriebshof des Verkehrsbetriebs in Potsdam (ViP) an der Fritz-Zubeil-Straße aufeinanderprallten. Drinnen, in einer gläsernen Vitrine am Empfang, verstaubte Zeugen der alten Eisenbahnerzeit: olivgrüne Schirmmützen mit dem „VEB“-Emblem, daneben der abgenutzte Münzwechsler eines Schaffners und eine verblichene Vorschrift für Fahrgäste aus dem Jahr 1960: „Arbeiterwochenkarteninhaber werden ab 31. Oktober 1960 nur im mitgeführten Beiwagen der Linie 1 und 14 befördert.“

Vollgepropft mit modernster Technik

Draußen vor der Tür die neue Welt, das Eintrittstor zur Zukunft sogar: drei Waggons der ersten autonomen Straßenbahn der Welt. Die Hardware von den Potsdamer Verkehrsbetrieblern zur Verfügung gestellt und vollgepropft mit modernster Technik der Siemens Mobility. Das Ziel: Die „Combino 400 Perugia“ soll ohne Straßenbahnfahrer über die Schienen rollen.

Dafür braucht die Software, wahrscheinlich noch für viele Jahre, Schulstunde um Schulstunde, um den Job zu so erlernen, dass sie Menschen ersetzen kann. Zu einer dieser Trainingseinheiten auf dem realen Potsdamer Schienennetz der Linien 92 und 96 hatten Siemens und der ViP ein paar Ehrenfahrgäste eingeladen. Der brandenburgische Staatssekretär Thomas Kralinski, Digitalkoordinator der Landesregierung, Oberbürgermeister Mike Schubert (beide SPD) und ein paar Journalisten ließen sich von ViP-Managern und Siemens-Experten über den Stand der Forschung informieren.

Beschleunigung bis 50 km/h

Auf dem Betriebsgelände setzt sich die „Sonderfahrt“ gemächlich in Bewegung und nimmt bei Saunatemperaturen im Waggon Kurs auf das Wohngebiet Am Stern. Das geschieht sanfter, als es Tramfahrer vom üblichen Linienverkehr gewohnt sind. Selbstständig darf die Straßenbahn dann bis auf Tempo 50 beschleunigen, die Technik ist so programmiert, dass sie die Geschwindigkeit vor Haltestellten reduziert und die Fahrt nach kurzem Stopp wieder fortsetzt.

Damit nichts schiefgeht, hat sich der langjährige Straßenbahnfahrer Norbert Gräsing an die Seite der Künstlichen Intelligenz in den Führerstand gesetzt. Seine Aufgabe: im Notfall eingreifen, eine Vollbremsung einleiten etwa oder den Zug zur Weiterfahrt bewegen, falls er bocken sollte. Gräsing ist eigentlich Rentner, für dieses Forschungsprojekt hat der ViP ihn reaktiviert.

Vater und Kind wohlauf

Kralinksi und Schubert verfolgen die Fahrt im Inneren des Combino-Zugs auf einem riesigen Monitor. Digitale Kameras zeigen an, was auf und neben den Gleisen passiert. Sie werden Zeugen, als nach ein paar Minuten ein Zwischenfall passiert: In Höhe der Kreuzung Galileistraße/Newtonstraße steht ein Kinderwagen mitten auf den Schienen, an seiner Seite wohl der Vater.

Als ob die Künstliche Intelligenz für ihren Rettungseinsatz geweckt werden müsste, ertönt das Klingelsignal, das jeder Straßenbahnfahrer kennt. Es hat auch kurz zuvor Alarm geschlagen, als es einen Singvogel im Gleisbett ausmachte.

Kinderwagen, Kind und Vater bleiben wohlauf, eine Karambolage wird vermieden. Die Sensoren des High-Tech-Zugs haben das Hindernis „gelesen“, die Algorithmen bewerten das Ereignis, und in Bruchteilen von Sekunden ziehen sie Schlussfolgerungen. Sie geben den sogenannten Aktoren einen Befehl: „Bis Tempo null herunterbremsen.“

Das geschieht. Alles halb so schlimm, erfahren die Ehren-Passagiere sogleich. Matthias Hoffmann, bei Siemens Projektleiter für das autonome Fahren von Straßenbahnen, hat sich mitsamt dem Kinderwagen zuvor an der Strecke absetzen lassen, um den Notfall zu simulieren.

„Investition in die Zukunft“

Es ist ein Riesenprojekt, das auf Potsdamer Straßenbahnstrecken stattfindet. Allein bei Siemens arbeiteten im vorigen Jahr, als die autonome Tram auf der Bahntechnikmesse Innotrans Weltpremiere feierte, rund 120 Mitarbeiter daran, jetzt sind es noch etwa 80. Immer wieder wird die Strecke auf der Straßenbahnlinie 92 abgefahren, immer ohne Passagiere. Und immer werden die Daten der Umgebung gespeichert und von Ingenieuren ausgewertet, sie alle sind Experten für Objekterkennung und Algorithmen. „Einige waren vorher Spezialisten für die automatische Postsortierung, auch das sind hochentwickelte Verfahren“, sagte Projektleiter Hoffmann den PNN.

Seit gut einem Jahr ist die autonome Tram bereits testweise in Potsdam unterwegs. Siemens hatte sich wie berichtet für Brandenburgs Landeshaupstadt entschieden, weil der Konzern im vergleichsweise nahen Berlin-Adlershof eine Forschungseinrichtung unterhält – und der ViP bereits seit Langem ein Kunde ist. Das Unternehmen sieht das Projekt als „Investition in die Zukunft“, so Hoffmann. Dass sich das Unternehmen das Projekt bereits über zwei Millionen Euro kosten ließ, dementiert er nicht.

Einsatz offen

Ob autonome Straßenbahnen jemals im kommerziellen Betrieb durch die Stadt fahren werden, ist völlig offen. Ziemlich sicher ist, falls staatliche Fördermittel fließen, die Automatisierung des Betriebshofs des ViP. Der Verkehrsbetrieb, Siemens Mobility, das Forschzugszentrum FZI der Karlsruher Universität und eine Reihe von Start-ups wollen das Straßenbahndepot automatisieren.

Straßenbahnwaggons sollen etwa vom Parkplatz in die Waschanlage und wieder zurückrollen. Von selbst. Ohne Fahrer.