• Teure Mikroappartements in Potsdam: Mit Möbeln, aber ohne Regeln

Teure Mikroappartements in Potsdam : Mit Möbeln, aber ohne Regeln

Möblierte Wohnungen werden in Potsdam häufig für hohe Summen vermietet. Die Rechtslage ist diffizil. Für Investoren ist das offenbar attraktiv.

Auf Immobilienportalen werden seit geraumer Zeit rundum möblierte Wohnungen in Potsdams Zentrum angepriesen.
Auf Immobilienportalen werden seit geraumer Zeit rundum möblierte Wohnungen in Potsdams Zentrum angepriesen.Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Mitten in der Innenstadt, modern und energieeffizient - keine schlechten Attribute für eine Wohnung. Auf Immobilienportalen werden derzeit zahlreiche Wohnungen in einem Neubau in der Straße Am Kanal angeboten. "Löffelfertig ausgestattet, All inclusive, beste Lage", wird um Mieter geworben. Bett, Kleiderschrank, Schreib- sowie Esstisch finden Platz auf Echtholzparkett mit Fußbodenheizung. Lampen, Leuchten und ein 32-Zoll-Fernseher stehen ebenso bereit wie die Pantryküche mit Geschirrspüler.

Ab Mitte Februar können die ersten der 126 Mikroappartements bezogen werden. Doch das Angebot hat natürlich auch seinen Preis. Im Fall einer 31,69 Quadratmeter großen Einzimmerwohnung liegt er bei genau 781 Euro kalt. das sind 24,64 Euro pro Quadratmeter. Mit den Nebenkosten kostet das Mikroappartement "fußläufig zum Potsdamer Hauptbahnhof" den künftigen Bewohner rund 900 Euro monatlich. 

Errichtet wurde der Komplex seit Anfang 2020 auf dem früheren Grundstück des 2004 abgerissenen Fernmeldeamtes. 2006 hatte dann der US-amerikanische Investor Nicolas Berggruen die Fläche von der Post gekauft. Später stieg der Immobilienentwickler UBM Development ein. Auf dem knapp 5000 Quadratmeter großen Grundstück an der Straße Am Kanal Ecke Französische Straße entsteht außerdem ein Hotel mit 198 Zimmern. Die Mikroappartements hat UBM wie berichtet im vergangenen Jahr an die ebenfalls börsennotierte Augsburger Patrizia AG verkauft.

Als Boardinghouse oder als "Wohnen auf Zeit" beworben

Tatsächlich sind in den vergangenen Jahren einige solcher Angebote in Potsdam auf den Markt gekommen, die häufig als Boardinghouse oder als "Wohnen auf Zeit" beworben werden. Der Neubau in der Innenstadt ist fast günstig, verglichen mit Preisen, die beispielsweise in Golm aufgerufen werden. Im Basecamp, das ähnliche Anlagen unter anderem in Kopenhagen und Kattowitz anbietet, wurden 263 Studentenappartements mit Waschsalon, Fitnessstudio und W-Lan errichtet. Geworben wird dafür mit lächelnden, jungen Menschen, die wohl Student:innen sein sollen und sich beispielsweise ein "Studio Accessible" mit etwa 22 Quadratmetern für 650 Euro gönnen. Das sind fast 30 Euro pro Quadratmeter - immerhin warm.

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Wem das zu volkstümlich ist und wer sich noch etwas gedulden kann, interessiert sich vielleicht ab Juli für die "wunderschöne Maisonette, die sich über zwei Ebenen in einem Hof in der Innenstadt verteilt. Für die 43 Quadratmeter mit dem "romantischen Obergeschoss, mit Schlafbereich und einer kleinen Sitzecke mit Balkon" werden dann monatlich pauschal 2921 Euro fällig. Pro Quadratmeter sind das 67,93 Euro. Man darf ein Haustier mitbringen. 

Wer in Potsdam nach einer Bleibe sucht, dürfte von immer höheren Mieten kaum überrascht sein. Seit Jahren klettern die Angebotsmieten angesichts des anhaltenden Zuzugs. Leerstand gibt es praktisch nicht. Nicht umsonst gilt der Potsdamer Wohnungsmarkt auch laut wiederholten Gutachten der Landesregierung als angespannt. Das ist auch der Grund, warum in Potsdam die Verordnungen zur Mietpreisbremse und zur sogenannten Kappungsgrenze in Kraft sind.

Mietpreisbremse greift oftmals nicht

Doch die Regeln haben auch ein paar Lücken. Denn die Mietpreisbremse, die die Miete bei Neuvermietungen bei maximal zehn Prozent über der ortsüblichen Vergleichsmiete deckelt, gilt nicht für Neubauten, die nach dem 1. Oktober 2014 erstmals vermietet wurden. Für ein Großteil der Mikroappartements kann deshalb praktisch unbegrenzt kassiert werden.

Das lohnt sich für den Vermieter. Müsste er sich am Mietspiegel orientieren, sähe die Rechnung anders aus: Laut Mietspiegel aus dem Jahr 2020 könnte für eine Neubauwohnung, die seit 2009 gebaut worden ist, innerhalb von Potsdam mit einer Wohnfläche bis 40 Quadratmetern eine Nettokaltmiete von 9,76 bis 11,88 Euro pro Quadratmeter aufgerufen werden. Zehn Prozent mehr wären also etwa 13 Euro pro Quadratmeter. 

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Hinzu kommt ein weiteres Problem: Zwar sind die möblierten Wohnungen, auch wenn sie älter sind, nicht prinzipiell von der Mietpreisbremse ausgenommen. Das gilt lediglich bei vorübergehender Vermietung, also für Ferienwohnungen beispielsweise. Im Mietspiegel sind möblierte Wohnungen aber nicht erfasst. Es fehlt also die Vergleichsgrundlage.

Potsdams Sozialbeigeordnete richtet Forderung an die Bundespolitik

Im Rathaus kennt man diese Angebote. Mikroappartements mit solchen Mietpreisen spielen für Wohnraumversorgung von Zielgruppen mit niedrigen oder mittleren Einkommen daher keine signifikante Rolle, heißt es auf PNN-Anfrage. „Für diese Wohnform sollte der Gesetzgeber ebenfalls Regelungen zur Mietpreisbegrenzung schaffen", sagt die Sozialbeigeordnete Brigitte Meier (SPD) nun.

Grundsätzlich ist man im Rathaus in den vergangenen Jahren aber immer davon ausgegangen, dass es für die möblierten Wohnungen durchaus einen Bedarf in der Stadt gebe. Potsdam sei eine Stadt, in der viele Menschen auf Zeit arbeiten, seien sie Gastwissenschaftler, Stipendiaten oder Mitarbeiter von Unternehmen. Weiterhin werden Bauprojekte geplant, die solche Angebote einschließen. So soll wie berichtet auf dem Brauhausberg hinter dem sogenannten Kreml mit 3000 Quadratmetern Nutzfläche entstehen. Auch in der Speicherstadt wird bald ein Boardinghaus mit 80 Appartements fertiggestellt.

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