• Tatort-Gucken in Potsdam: Fast wie im Wohnzimmer

Tatort-Gucken in Potsdam : Fast wie im Wohnzimmer

Sonntags wird im Café 11-line gemeinsam Tatort geschaut. Das Konzept funktioniert gut, beim Erraten des Mörders muss das Publikum noch etwas üben.

Oliver Dietrich
Wie im Kino. Sonntags gibt es im Café 11-Line den Tatort im Großformat.Alle Bilder anzeigen
08.04.2013 23:00Wie im Kino. Sonntags gibt es im Café 11-Line den Tatort im Großformat.

Es ist schon ein wenig ungewöhnlich, den Tatort am Sonntag nicht mehr in völliger Dunkelheit zu sehen – durch die großen Fenster im Café 11-line in der Charlottenstraße fiel noch das abendliche Restlicht, als die ARD-Tagesschau sich verabschiedete und die Titelmelodie des Tatorts einsetzte. Eine Handvoll Menschen hatte sich eingefunden, wahrscheinlich die, die jeden Sonntag das Angebot einer Live-Übertragung dieses gesamtdeutschen Ereignisses wahrnehmen. Es herrschte eine kuschlige Atmosphäre im kleinen Kreis, man rückte zusammen, und der ein oder andere zog sich einen zweiten Stuhl heran, um die Füße hochzulegen – fast wie im heimischen Wohnzimmer. Mittlerweile hat das Team vom 11-line investiert, ein Beamer bringt den Film auf die Leinwand, großes Kino eben – viel besser, als auf eine winzige Mattscheibe starren zu müssen. Das Waschhaus versuchte sich jüngst auch an einer Tatort-Übertragung, hat aber mittlerweile wieder das Handtuch geworfen; aber in der Charlottenstraße funktioniert dieses Konzept schon eine ganze Weile.

Der zweite saarländische Tatort mit Devid Striesow als Hauptkommissar Jens Stellbrink stand auf dem Programm, eine betont witzige Idee, die stark polarisierte: Im Vorfeld musste der mittlerweile 869. Tatort eine ganze Menge Schelte einstecken, aber auch Lob. Selten waren sich die Kritiker so uneinig. Die Probe aufs Exempel zeigte am Sonntag jedoch, dass Striesow gefiel: „Ist der süß!“, kam eine Stimme aus dem Hintergrund, und schon die ersten zehn Minuten wurden von immer wieder aufwallendem Kichern begleitet. Natürlich kam dieser Tatort beim unterhaltungswilligen Publikum an, auch wenn die Feuilletons ihn tausendmal in der Luft zerreißen. Das ganze Rocker-Milieu wurde gnadenlos durch den Kakao gezogen, und da war es aufrichtig witzig, wenn man den Blick von der Leinwand löste und links von ihr aus einem der großen Fenster schaute – direkt auf den Treffpunkt der Hells Angels auf der anderen Straßenseite. Wo waren die nur? Die Rollläden waren heruntergelassen, kein Motorrad weit und breit – die saßen doch wohl nicht wirklich auf dem Sofa zu Hause?

Im 11-line krönt man das gemeinsame Tatortschauen traditionell mit Rätselraten: Wer bis 21 Uhr den Mörder errät, erhält ein Freigetränk. Das war diesmal wirklich schwierig: „Ich habe keine Ahnung. Ich tippe einfach auf Tim!“, brummte jemand ganz vorn. Nun ja, der regelmäßige Tatort-Gucker weiß natürlich, dass der, auf den von Anfang an alles deutet, nur in Ausnahmefällen der Mörder ist. Dennoch: Ein Freigetränk wurde auch am Sonntag ausgegeben. Hinterher stand man draußen, rauchte, mit den Gedanken halb im Montag angekommen. Eine komische Stimmung war das aber heute, sagt einer. Komisch? Ja, so euphorisch eben, irgendwie ungewohnt. Das sei letzten Sonntag anders gewesen. Klar: Da war ja auch München zu Gast im 11-line. Oliver Dietrich

Galerie-Café 11-line, Charlottenstr. 16. Jeden Sonntag Tatort-Übertragung auf Leinwand bei freiem Eintritt und mit Mörderraten. Nächsten Sonntag ermittelt das Frankfurter Team um Joachim Król und Nina Kunzendorf in „Wer das Schweigen bricht“.