• „So wird unser Dorf kaputt gemacht“

Potsdam : „So wird unser Dorf kaputt gemacht“

Groß wie 77 Fußballfelder: Ein Berliner Investor plant direkt am Dorf Uetz einen riesigen Solarpark

Uetz-Paaren - Die Warnung von Hans Becker klingt drastisch. „So wird unser Dorf kaputt gemacht“, sagte der Ortsvorsteher des Potsdamer Ortsteils Uetz-Paaren am Freitag den PNN. Es geht um eine riesige Solaranlage, die direkt neben dem Dorfteil Uetz an der Autobahn 10 entstehen soll. Wie Stadtsprecher Markus Klier bestätigte, liege das Angebot eines Investors zum Bau dieser Anlage im Rathaus vor. Demnach sollen Hunderte Photovoltaikanlagen auf rund 54 Hektar bis zu 30 Jahre lang Sonnenenergie in Strom umwandeln. 54 Hektar entsprechen rund 77 Fußballfeldern.

Mit dem Großprojekt bahnt sich in Potsdam ein Konflikt zwischen einem Klimaschutzprojekt und Bürgerinteressen an – bundesweit gibt es bereits Dutzende solcher Auseinandersetzungen. Wie Becker und Klier bestätigten, sind die Solarpark-Pläne vor Ort bei einer Bürgerversammlung in dieser Woche erstmals vorgestellt worden, zu der mehr als 50 der rund 400 Anwohner von Uetz-Paaren kamen. „Alle waren sich einig, dass niemand etwas gegen eine Solar-Anlage hat – aber nicht an diesem Standort“, sagte Becker. Auch der Ortsbeirat habe geschlossen gegen das Vorhaben gestimmt.

Becker begründet die Ablehnung mit dem besonderen Charakter des idyllisch gelegenen Doppeldorfes, das teilweise unter Denkmalschutz steht. Unter anderem weist die Denkmalschutzliste des Landes elf Bodendenkmale für den 2003 nach Potsdam eingemeindeten Ortsteil auf, geschützt sind ebenso die beiden Dorfkirchen und ein Fähr- und Fischerhaus. „Unser Dorf sollte immer gesund wachsen“, sagte Becker. Die geplante Anlage aber würde direkt am südlichen Ortsrand beginnen. Die bisherige Sicht vom Dorf auf Felder vor der Wublitz – „die ist dann weg“, so Becker.

Die Stadtverwaltung hält dagegen. Die geplante Solaranlage könne einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz in der Landeshauptstadt leisten, sagte Rathaussprecher Klier. Aus dem ablehnenden Votum des Ortsbeirats und der Anwohner ziehe die Bauverwaltung keine unmittelbaren Konsequenzen. In der weiteren Diskussion sollte es gleichwohl um die Frage gehen, wie Belastungen für die Anwohner verringert werden könnten – etwa durch eine Verkleinerung der Anlage oder größeren Abstand zum Ort. Keine genauen Angaben machte Klier zu der Frage, wie die der Bauverwaltung von Dezernent Matthias Klipp (Grüne) untergeordnete Denkmalschutzbehörde das Großprojekt beurteilt. Dies sei „Gegenstand konkreter Beteiligungsverfahren“, sagte Klier. Eine Anfrage an die Landesdenkmalschutzbehörde zu den Plänen blieb am Freitag unbeantwortet.

Über das Projekt müssen noch die Stadtverordneten entscheiden – denn der seit 1994 geltende Bebauungsplan für das Areal muss geändert werden. Darüber wird noch in diesem Monat im Bau- und im Klimaausschuss beraten. Die Entscheidung, ob der B-Plan überhaupt geändert werden soll, könnte dann am 6. November in der Stadtverordnetenversammlung fallen. Stimmt das Kommunalparlament zu, würde laut Klier ein neuer Bebauungsplan erarbeitet, bei dem eine frühzeitige Beteiligung der Öffentlichkeit stattfinden solle. Dieses Planwerk müssten die Stadtverordneten ebenfalls beschließen. Klier sagte, mit der Umsetzung des Solarparks – zu dem noch keine Kosten bekannt sind – sei daher nicht vor 2015 zu rechnen.

Doch schon jetzt gibt es Widerstand in der Stadtpolitik. Die SPD, die mit CDU/ANW, Grünen und FDP die Rathauskooperation bildet, ist gegen das Projekt. Fraktionschef Mike Schubert teilte am Freitag mit, ein solches Großprojekt zerstöre den örtlichen Charakter von Uetz. „So ein Solarfeld ohne Abstand zum Dorf mit seinen denkmalgeschützten Gebäuden ist überdimensioniert.“ Neben dem Solarfeld würden auch bauliche Anlagen für die Stromumwandlung sowie für Überwachungs-, Einspeisungs- und Instandhaltungszwecke entstehen. Schubert sagte, es gehe um den Erhalt des ländlichen Charakters und den Umgebungsschutz. „Es wäre ein völlig falsches Signal, wenn wir in dieser Frage den Ortsbeirat überstimmen.“

Eigentümer des Grundstücks und laut Stadtverwaltung auch Investor ist der Berliner Klaus Groenke. Er sei am Freitag aus terminlichen Gründen nicht zu erreichen, teilte sein Büro den PNN mit. Auf dem Gelände von Groenke sollte bereits Anfang der 90er-Jahre ein Freizeitpark entstehen – mit einem Hotel, Golf-, Tennis- und Poloplätzen sowie einem Reiterhof. Doch die Pläne zerschlugen sich, nur die Reithalle gibt es heute – und laut Verwaltung intensiv genutzte Landwirtschaftsflächen.

Schubert sagte, der Fall zeige ein grundsätzliches Problem. Es müsse besser abgestimmt werden, welche Flächen für Anlagen zur Gewinnung regenerativer Energien geeignet sind. B-Pläne, die Anfang der 1990er-Jahre beschlossen und dann nicht realisiert worden sind, dürften nicht pauschal für Solarfelder zur Verfügung stehen. Zuletzt habe es bei der Ansiedlung eines Solarparks bei Marquardt eine ähnliche Änderung gegeben (siehe Kasten). „Ohne engere Abstimmung kommt es hier zu einem Wildwuchs, der genauso schlimm wäre wie eine Zersiedlung der Landschaft.“

In Potsdam gibt es bisher einen Solarpark – dieser liegt nördlich des Marquardter Gewerbegebiets „Friedrichspark“ direkt an der Autobahn 10. Dort befinden sich derzeit Solarmodule auf einer Fläche von rund 20 Hektar. Der Park ging vor anderthalb Jahren ans Netz. Errichtet hatte ihn ein chinesischer Investor, geliefert wird Strom für mehr als 4000 Haushalte. Nach Angaben der Verwaltung besteht an der Stelle noch Baurecht für bis zu 44 Hektar. Hintergrund: Der Park war erst größer geplant worden, schrumpfte dann aber, nachdem eine Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) die Renditeaussichten für die Anlage verschlechtert hatte. Der Park darf laut Stadtverwaltung bis 2030 betrieben werden, danach muss die Anlage wieder vollständig entfernt werden. Die nächstgelegenen Ortschaften Kartzow und Satzkorn sind knapp einen Kilometer entfernt. (HK)

 

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