Serie "Potsdam Schenkt" : Masihs Weg

Als Siebenjähriger verkaufte Massiullah Mollahzada noch Datteln auf Teherans Straßen, heute ist er Hilfslehrer in Potsdam und spielt Cello. Vor allem sein unstillbarer Wissensdurst brachte den 18-jährigen Afghanen so weit. 

Masih kam 2015 nach Deutschland. Momentan macht er ein Freiwilliges Soziales Jahr.
Masih kam 2015 nach Deutschland. Momentan macht er ein Freiwilliges Soziales Jahr.Foto: Ottmar Winter PNN

Geben bringt Segen: Zur Weihnachtszeit den Nächsten helfen - das wollen wir, die Potsdamer Neuesten Nachrichten, gemeinsam mit Ihnen, unseren Lesern. Wir stellen Ihnen an dieser Stelle Menschen vor, die es nicht leicht haben im Leben – sei es, weil sie aus problematischen Familienverhältnissen kommen, weil sie krank sind oder weil sie aus ihrer Heimat fliehen mussten, um Krieg und Gewalt zu entkommen. Wir haben diese Menschen getroffen und sie gefragt, was ihnen eine Freude machen würde – und bitten Sie, liebe Leser, um Mithilfe bei der Erfüllung dieser Weihnachtswünsche.


Es war kurz vor der Überfahrt in das ersehnte Europa, als Massiullah Mollahzadas Flucht endgültig zu scheitern drohte. An der iranisch-türkischen Grenze hatte der Schlepper den jugendlichen Afghanen von seinen Eltern getrennt, hatte ihn über die beschwerliche Bergroute und die Eltern über einen vermeintlich leichter zu bewältigenden Weg geschickt. In Istanbul sollte Masih, wie er sich nennt, seinen Vater und seine Mutter wiedertreffen. Nacht um Nacht wartete er in der versteckten Keller-Behausung, die man ihm und den anderen Flüchtlingen zugewiesen hatte, auf die Ankunft seiner Eltern – vergeblich. Irgendwann überbrachte der Schlepper ihm Nachricht, dass sie von der Polizei aufgegriffen und zurück nach Afghanistan geschickt wurden.

„Die Tage, die dann kamen, waren für mich so lang wie Jahre“, sagt Masih heute. Da war zum einen die Unsicherheit, ob es seinen Eltern gut geht – erst Wochen später sollte er erfahren, dass sie sicher in Afghanistan angekommen waren. Und dann die schwere Entscheidung, ob er seinen Weg auch ohne sie fortsetzten sollte. Am Ende entschied er sich dafür, es zu wagen. Vor allem das, was ihm in der Heimat wiederfahren ist, brachte ihn dazu. Was genau das war, darüber kann der 18-Jährige bis heute nicht sprechen – trotz Therapie. Als er darauf zu sprechen kommt, wird er nervös. Nur, dass seine Eltern eine Woche lang nicht wussten, wo er ist, sagt er. Und dass er seitdem große Angst hat, nach Afghanistan zurückzugehen.

Massiullah wollte unbedingt eine Schule besuchen

Dabei war es Masih, der seine Eltern im iranischen Exil als Kind immer wieder gedrängt hatte, nach Afghanistan zurückzugehen. Im Iran, wohin die Familie gegangen war, als Masih vier oder fünf Jahre alt war, durfte er als Afghane keine Schule besuchen und musste schon als Siebenjähriger als Straßenverkäufer arbeiten. „Wir haben Kekse oder Datteln zu Ramadan verkauft“, erinnert er sich. Und daran, dass er immer den Wunsch hatte, die Worte zu lesen, die ihn umgaben – doch er hatte nie lesen gelernt, fühlte sich wie blind. „Ich hatte Augen, aber ich konnte nichts sehen“, sagt er. Deshalb überredete er seine Eltern, zurück in die Heimat zu gehen. Dort könnte er endlich etwas lernen, so Masihs Hoffnung.

Doch als die Familie tatsächlich zurück in die Provinz Parwan nördlich von Kabul kam, wurde Masihs Hoffnung bitter enttäuscht. Er durfte zwar die Schule besuchen, aber gelernt hat er dort fast nichts. „Eigentlich war das gar keine richtige Schule. Wir mussten auf dem Boden sitzen und oft kamen die Lehrer gar nicht.“ Als dann auch noch die „sehr schlimme Sache“ geschah, die ihm bis heute so zu schaffen macht, verkaufte die Familie alles, was sie hatte, und machte sich auf den Weg nach Deutschland. „Wir hatten nur noch Kleidung.“

„Ich habe nur noch geweint, geweint, geweint“

Nach dem Zwischenfall an der iranisch-türkischen Grenze sollte der damals 14-Jährige also alleine weiter. Voller Angst vor der Überfahrt und dem, was ihn in der Fremde erwarten würde, folgte er dem Schlepper zu dem Boot, dass ihn mit anderen Flüchtlingen nach Griechenland bringen sollte. Dort, in der Dunkelheit der türkischen Nacht, geschah das Unglaubliche: er traf völlig zufällig seine älteste Schwester. Seit Jahren hatte er sie nicht gesehen, nun wollte sie mit ihrem Mann und den drei Töchtern ausgerechnet in das gleiche Boot steigen wie Masih. „Ich habe nur noch geweint, geweint, geweint“, sagt er. Nie zuvor sei er so erleichtert gewesen. Die Anwesenheit der Schwester nahm ihm nicht nur die Angst vor dem Wasser, mit ihr und ihrer Familie konnte er auch die weitere Flucht bestreiten. Über die sogenannte Balkanroute kamen die sechs schließlich nach Deutschland und dann über Eisenhüttenstadt nach Potsdam.

Etwa zwei Jahre waren sie in der Flüchtlingsunterkunft am Brauhausberg untergebracht, dort besuchte Massiullah immer wieder das Erzählcafé der Flüchtlingshilfe Babelsberg und kam in Kontakt mit dem Verein Mitmachmusik, der Flüchtlingen das Erlernen von Musikinstrumenten ermöglicht. „Ich habe vieles ausprobiert und bin am Ende beim Cello geblieben“, sagt Masih. Mittlerweile wohnt er mit seiner Schwester, dem Schwager und seinen Cousinen in einer Wohnung in Potsdam-West, doch Mitmachmusik ist er treu geblieben: Einmal die Woche nimmt er Cello-Unterricht und spielt auch in einem Ensemble – sogar im besten aller Levels, wie er stolz erzählt.

Die Mitschüler malten ihm alles auf

Auch eine richtige Schule konnte Masih in Potsdam endlich besuchen, der Zufall brachte ihn an die Montessori-Schule in Potsdam-West. Dort wurde er direkt in die „normale“ Klasse gesteckt, eine Willkommensklasse eigens für ausländische Kinder gab es nicht. „Das erste halbe Jahr habe ich fast nichts verstanden“, sagt Masih. Aber die Lehrer und die anderen Kinder hätten ihm sehr geholfen. So klebten sie sich am Anfang Zettel mit ihrem Namen an die Kleidung, damit Massiullah sie sich besser merken konnte. Und wenn er einfach nicht verstand, wohin der anstehende Ausflug gehen sollte, malten sie ihm den Bauernhof eben auf. Es zeigte sich, wie begabt und fleißig Masih ist: Seit seiner Ankunft lernte er nicht nur sehr gut Deutsch, auch die persische Schrift brachte er sich mit Hilfe des Internets bei.

An der Montessori-Schule absolvierte er die Mittlere Reife, momentan macht er ein Freiwilliges Soziales Jahr als sogenannter Hilfslehrer – an seiner alten Schule. Ob er anschließend sein Abitur oder doch eine Ausbildung machen will, weiß er noch nicht. Er interessiert sich für Mode, vielleicht wäre Modedesign oder Modeln was für ihn? Wie Masihs bewegtes Leben weitergehen wird, ist noch ganz offen. Einen Wunsch zu äußern, fällt ihm schwer. Doch im Gespräch ergibt sich dann doch eine Idee: Eine Art Schnupperkurs an einer Modeschule, um mal mit der Branche in Kontakt zu kommen. Dann weiß er vielleicht eher, in welche Richtung es gehen soll. Er ist schon weit gekommen.

Massiullah Mollahzada wünscht sich einen Kurs im Bereich Mode. Die Redaktion sammelt für einen mehrtägigen Workshop an der Schule „About Fashion“ in Berlin. Wer diesen Wünsch erfüllen kann und möchte, schreibt eine E-Mail an [email protected] oder ruft unter Tel.: (0331) 237 6 1 32 in der Redaktion der Potsdamer Neuesten Nachrichten an.


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Im Iran fühlte sie sich nicht frei


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