• Querelen am Oberlinhaus: Potsdamer Chefarzt im Visier von Ermittlern

Querelen am Oberlinhaus : Potsdamer Chefarzt im Visier von Ermittlern

Unternehmen erstattete Anzeige gegen einen Orthopäden des Bergmann-Klinikums - wegen Verdacht auf Korruption

Ermittler durchsuchten auch Räume im Bergmann-Klinikum.
Ermittler durchsuchten auch Räume im Bergmann-Klinikum.Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Für die Beteiligten ist es kein Zufall, dass die seit Monaten laufenden Korruptionsermittlungen gegen frühere Mediziner der Oberlinklinik ausgerechnet jetzt lanciert werden. Für Donnerstag ist die jährliche Mitgliederversammlung des Trägervereins Oberlinhaus angesetzt. Mit dem Orthopädie-Chefarzt des Klinikums Ernst von Bergmann steht jener Mediziner im Visier der Ermittler, der erst 2018 das Oberlinhaus im Streit verlassen hat, ebenso der frühere Geschäftsführer der Oberlinklinik.

Verdacht auf Bestechlichkeit

Die für Korruptionsdelikte zuständigen Staatsanwaltschaft in Neuruppin ermittelt wegen des Verdachts auf Bestechlichkeit. Sprecher Frank Winter bestätigte auf Anfrage einen Bericht der „Märkischen Allgemeinen“. Untersucht wird laut Winter die Einkaufspolitik des Mediziners – ob er für die Nutzung bestimmter Medizinprodukte besondere Vorteile erhalten hat. Es gehe etwa um Honorare, aber auch Vortragsreisen. 

Für den Verdacht gebe es konkrete Anhaltspunkte. Bereits am 28. März durchsuchten Ermittler unter anderem das Büro des Mediziners, das Landeskriminalamt wertet die sichergestellten Akten und Dateien aus. Weitere Ermittlungen gegen den früheren Geschäftsführer der Oberlinklinik würden in Richtung Beihilfe deuten, sagte Winter. Auch mehrere Medizinfirmen wurden durchsucht.

Anlass sei eine Strafanzeige aus dem Oberlinhaus von Dezember 2017 gewesen, sagte Winter. Dazu erklärte das Oberlinhaus nun auf Anfrage: „Ja, es ist richtig, das Oberlinhaus hat den Prozess angestoßen.“ Das Oberlinhaus „unterstützt und begrüßt die Aufklärung“ – und nennt die beiden Beschuldigten namentlich.

Kritikpunkt: Mangel an Transparenz

Das Oberlinhaus hatte nach Querelen 2017 und 2018 mehrere Ärzte und andere Mitarbeiter verloren. Das diakonische Unternehmen hatte 2017 vier Geschäftsführer von Oberlin-Tochterunternehmen – darunter die Oberlinklinik – entlassen oder sich mit ihnen geeinigt. Diese hatten im Sommer 2017 in einem Brief an den Aufsichtsrat den Vorstand für den Umgang mit Kritikern und dessen Umbaupläne scharf kritisiert. Der Vorstand sei „weder menschlich noch fachlich“ in der Lage, den Verein – zu dem mit den Tochterunternehmen 1800 Mitarbeiter gehören, der damit drittgrößter Arbeitgeber der Stadt ist – zu führen. 

Sie kritisierten einen Mangel an Fehlerkultur und Transparenz. Daneben monierten sie das Finanzgebaren des Vorstands. Der hatte den Strukturumbau mit Wettbewerbsdruck und Wachstum begründet und sich direkten Zugriff auf die Tochterunternehmen verschafft. Zum Jahreswechsel 2018/19 waren zwei weitere Ärzte und Operateure vom Oberlinhaus zum Bergmann-Klinikum gewechselt.

Fusion von Oberlinklinik und St. Josefs-Krankenhaus 2020

Bei den Querelen ging es auch um ein strukturelles Finanzdefizit. Seit Ende 2015 hatten Oberlinhaus und Bergmann-Klinikum über eine Kooperation verhandelt. Im Dezember 2017 erklärte der Verein die Gespräche für beendet – weil das Bergmann-Klinikum angeblich eine feindliche Übernahme plane. Zu jener Zeit hatte sich der Wechsel des Chefarztes abgezeichnet – parallel erstattete das Oberlinhaus die Strafanzeige gegen ihn. 

Inzwischen hat sich das Oberlinhaus mit dem Alexianerbund zusammengetan: Oberlinklinik und St. Josefs-Krankenhaus sollen 2020 fusionieren. Bei der Mitgliederversammlung am Donnerstag will der Verein seinen offenbar guten Jahresabschluss 2018 präsentieren.

Spezielle Operationstechnik

Aus Medizinerkreisen hieß es, an den Vorwürfen gegen den Chefarzt sei nichts dran. Fraglich sei, ob das Oberlinhaus dessen Büro durchsucht habe, obwohl dieser als Geheimnisträger besonderen Schutz genießt. Bei der fraglichen Vortragsreise habe der Chefarzt im Rahmen eines Ausbildungskooperation Vorlesungen in China gehalten. Dass er die Implantate des fraglichen Herstellers genutzt habe, liege an dessen besonderen Operationstechnik. 

Der Anteil der Implantate anderer Hersteller sei damals im Oberlinhaus größer gewesen. Der Mann gilt als Koryphäe für Wirbelsäulen-Operationen. Er hatte Ex-Gesundheitsministerin Diana Golze 2017 nach deren schweren Urlaubsunfall in Italien operiert.

Zuvor Ermittlungen wegen mutmaßlichem Rezept-Betrug

Eine Sprecherin des Bergmann-Klinikums erklärte, die Durchsuchung sei im Zusammenhang mit einem Ermittlungsverfahren erfolgt, „in dem es um Vorwürfe geht, die – soweit ersichtlich – in keinem Zusammenhang mit der Tätigkeit des Beschuldigten im Klinikum Ernst von Bergmann stehen“. Unabhängig davon verfügt das Bergmann-Klinikum über nach eigenen Angaben rechtssichere Regelungen bei Beschaffungsentscheidungen und bei Nebentätigkeiten von Chefärzten. 

Das Klinikum war wie berichtet im September 2017 auch wegen weiteren Ermittlungen der Potsdamer Staatsanwaltschaft in die Schlagzeilen geraten – wegen eines mutmaßlich millionenschweren Rezept-Betrugs. Dabei geht es um den Verdacht, dass kostspielige Medikamente doppelt abgerechnet worden sind.