• Projekt "essbare Stadt": Möhren-Ernte am Schlosspark

Projekt "essbare Stadt" : Möhren-Ernte am Schlosspark

Ein Stadtgarten auf öffentlicher Grünfläche: In Potsdam soll das Projekt „essbare Stadt“ starten – wenn die Coronakrise es zulässt.

Marc Schwarzinger (2.v.l.) baut am 20. März, bevor verschärfte Abstandsregeln in Kraft getreten sind, das Hochbeet mit Freiwilligen.
Marc Schwarzinger (2.v.l.) baut am 20. März, bevor verschärfte Abstandsregeln in Kraft getreten sind, das Hochbeet mit...Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Die Grünfläche nahe des Obeliskentores am östlichen Eingang zum Park Sanssouci fällt den meisten Passanten wohl kaum auf: Ein kleiner Spielplatz, viel Rasen, einige Blumenbeete. Doch gleich gegenüber des Welterbe-Gartens auf der anderen Seite der Schopenhauerstraße befindet sich Potsdams erster öffentlicher Stadtgarten: Direkt neben der Straße erstrecken sich 300 Quadratmeter mit frisch angelegten Gemüsebeeten, in denen jeder Potsdamer selber gärtnern und irgendwann auch ernten kann.

„Essbare Stadt“ heißt das Anfang März gestartete Projekt, mit dem öffentliche Grünflächen zum Nutzgarten umgewandelt werden sollen. „Wir wollen die Menschen animieren, grüne Flecken in Potsdam zu schaffen, die die Biodiversität in der Stadt fördern“, sagt Marc Schwarzinger, Teamkoordinator vom Fachbereich Grünflächen und Leiter des Projekts, das die Stadtverwaltung zusammen mit der Union sozialer Einrichtungen e.V. aus Kleinmachnow durchführt.

Ein Experiment

Es ist ein Experiment, denn der Garten ist – wie der Rest der Grünfläche – öffentlich, wird also nicht abgesperrt. Nur drei Hochbeete und einige Baumstämme dienen als lose Begrenzung, demnächst soll noch ein Schild folgen, das das Konzept des Stadtgartens erklärt. „Wie das Ganze funktionieren wird, wissen wir auch noch nicht genau“, sagt Schwarzinger. „Allerdings gab es bislang keinen Vandalismus und auch die Hundebesitzer respektieren die Beete.“

In Deutschland gibt es bereits mehr als 100 Projekte dieser Art: Entstanden war die Idee ursprünglich in Großbritannien, wo Bürger der Kleinstadt Todmorden 2008 öffentliche Gärten anlegten und diese „Edible City“ tauften, auf deutsch „Essbare Stadt“. Seitdem verbreitet sich die Idee rund um die Welt, die erste deutsche Stadt, die das Konzept 2009 übernahm, war Andernach in Rheinland-Pfalz. Die Umsetzung der Idee unterscheidet sich von Stadt zu Stadt: In Trier befindet sich beispielsweise ein Küchengarten rund um das Rathaus, Halle (Saale) hat einen Waldgarten mit Obstbäumen angelegt und in Kassel engagieren sich mittlerweile über 100 Bürger in einem Verein für die essbare Stadt, der es nicht nur beim Gärtnern belässt, sondern auch Vorträge, Workshops, Filmabende oder (Ein-)Kochaktionen veranstaltet.

Im Bürgerhaushalt durchgefallen

In Potsdam wurde die Idee zuerst im Bürgerhaushalt vorgeschlagen, erhielt dort jedoch nicht genügend Punkte, um in die Vorauswahl zu gelangen. Beachtung fand die Idee trotzdem, vor allem beim Fachbereich Grünflächen. „Wir wollen für die Potsdamer einen integrativen Garten schaffen, wo man sich treffen und austauschen kann“, sagt Schwarzinger.

Das Saatgut bezahlt die Stadt, darunter befinden sich neben viel Gemüse wie Tomaten, Möhren und Bohnen auch Kräuter, Erdbeeren und Edelreise – Äpfel aus den Obstgärten der Alexandrowka. Auch viele alte Sorten und Ungewöhnliches wie Damaszener Schwarzkümmel, die Zwiebelsorte „Rijnsburger Auslese“ oder die „Bamberger Hörnchen“ finden sich im Garten. Letztere sind eine Kartoffelsorte für Feinschmecker, die in der konventionellen Landwirtschaft gar nicht angebaut wird, denn: „Sie sind sehr klein und man muss sie mit der Hand ernten“, sagt der Teamkoordinator.

Auch sonst unterscheidet sich der Stadtgarten gänzlich von konventioneller Landwirtschaft: Das Saatgut ist Demeter-zertifiziert und samenfest, es handelt sich also nicht um unfruchtbare Hybride, deren Samen man später nicht mehr anpflanzen kann. Außerdem wird der Boden nicht ausgebeutet: Marc Schwarzinger und sein Team arbeiten mit Vierfelderwirtschaft und Fruchtfolge, ein Teil des Gartens besteht aus Blühwiesen, in denen sich künftig Bienen, Schmetterlinge und andere Insekten wohlfühlen sollen.

Zehn Langzeitarbeitslose engagieren sich

Ausgelegt ist das Projekt zunächst auf zehn Monate: In diesem Zeitraum gießen, jäten und säen zehn Langzeitarbeitslose regelmäßig im Garten. Durch die Coronakrise wurde die Maßnahme jedoch bis mindestens zum 17. April ausgesetzt. Derzeit engagieren sich jedoch ein halbes Dutzend Schüler und Studierende als freiwillige Helfer im Stadtgarten und halten das Projekt am Leben. „Die meisten davon haben keine praktische Erfahrung mit Gartenarbeit, sind aber Feuer und Flamme“, sagt Schwarzinger. Auch Passanten fragen immer wieder nach dem Garten und sind begeistert: „Viele finden das ganz toll und wollen mitmachen - und das ist ja auch das Ziel“, so Schwarzinger.

Auf lange Sicht soll der Garten durch das freiwillige Engagement der Bürger bewirtschaftet werden: Nach und nach sollen sich Gruppen finden, die den Garten gemeinsam pflegen und Vorschläge machen können, was angebaut werden soll. Wer am Ende ernten darf, ist noch nicht ganz klar: „Wir werden da eine kontrollierte Abgabe machen“, sagt Schwarzinger. „Wir hoffen, dass es bis dahin keinen Vandalismus gibt oder vorzeitig abgeerntet wird.“ 

Wer nach den Corona-Einschränkungen mitarbeiten möchte, kann den Fachbereich Grünflächen der Stadt Potsdam kontaktieren unter Tel.: (0331) 289 2711 oder per E-Mail an [email protected]

Mehr lesen? Hier die PNN gratis testen.