• Profiler über Gewalttat im Oberlinhaus: „Ein sehr ungewöhnlicher Fall”

Profiler über Gewalttat im Oberlinhaus : „Ein sehr ungewöhnlicher Fall”

Der Profiler Axel Petermann spricht über die Gewalttat im Oberlinhaus. Er erklärt, welche Fragen von den Ermittlern nun geklärt werden müssen.

Polizisten am Donnerstag am Tatort.
Polizisten am Donnerstag am Tatort.Foto: REUTERS/Michele Tantussi

Herr Petermann, eine Mitarbeiterin des Potsdamer Oberlinhauses hat mutmaßlich vier behinderte Bewohner getötet und eine weitere Person schwer verletzt. Handelt es sich um einen ungewöhnlichen Kriminalfall?

Es ist schon ein schwerer, sehr außergewöhnlicher Fall. Aber es kommt immer wieder vor, dass Patientinnen und Patienten oder Pflegebedürftige von Menschen, die sie pflegen, getötet werden, obwohl man von ihnen erwartet, dass sie sich der Patientenschicksale annehmen.

Etwa wie von Niels Högel, der während der größten Mordserie in der deutschen Kriminalgeschichte zwischen 1999 und 2005 in Oldenburger und Delmenhorster Kliniken 85 Patienten tötete und zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt wurde?

Högel verkörpert einen anderen Tätertyp. Er wollte sich als Retter feiern lassen, nachdem er die Situationen, in denen Patienten auch von ihm reanimiert werden mussten, selbst verursacht hatte. Außerdem handelt es sich im aktuellen Fall ja um eine Frau. Es muss genau geklärt werden, wie lange sie in der Einrichtung arbeitet und ob vielleicht eine psychische Störung vorliegt, etwa mit Angstvorstellungen. Und es gibt auch Mitarbeiter in der Pflege, die sich in ihrer Arbeit überfordert fühlen und das Gefühl haben: alles, was ich tue, ist vergeblich. Außerdem sind die Art und Weise in diesem Einzelfall sehr ungewöhnlich.

Ist es auch ungewöhnlich, dass eine Frau eine solche Tat mit derart grober Gewalt begeht?

Frauen als Täterinnen erleben wir eher bei sogenannten Intimiziden, der Tötung eines Partners oder Ex-Partners, gerade, wenn sich Frauen von jemanden befreien wollen, den sie als Tyrannen empfinden. Sie wenden massive Gewalt an, um sich zum Beispiel davor zu schützen, dass ihr Opfer wach wird. Oder wenn sie etwas Neues anfangen wollen und der bisherige Partner stört. 

Was könnte bei der Analyse des Tatablaufs auf eine psychische Störung hinweisen?

Unter Umständen die Antwort auf die Frage, wie häufig die Täterin bei jedem Opfer zugestochen hat, wenn die Tatwaffe ein Messer sein sollte. Hat sie wahnhaft, unter einem Zwang gehandelt, möglichst viele Verletzungen zuzufügen? Das muss jetzt aufgeklärt werden.

Die Opfer sind Behinderte. Was könnte ein Motiv sein, so hilfsbedürftige Menschen umzubringen?

Die Behinderung der Opfer könnte tatsächlich ein Ansatz für eine Erklärung sein.

Sie meinen Kriminalfälle, bei denen Täter eine Form von Sterbehilfe leisten wollen?

Ja, das könnte zumindest unterschwellig eine Rolle spielen. Man müsste dafür aber mehr über die Täterin wissen: Wie war ihr Engagement in der täglichen Arbeit? Ist sie in der Vergangenheit, ob am Arbeitsplatz oder in ihrem Privatleben, schon durch Äußerungen aufgefallen, die in diese Richtung gingen? Es gab einmal einen Fall, bei dem eine Mutter ihren behinderten, bettlägerigen Sohn jahrzehntelang aufopferungsvoll gepflegt hat und als sie schwächer wurde, tötete. Sie wollte ihm ein Leben im Heim ersparen.  Aber für eine solche Motivation scheint es in Potsdam ja keine Anhaltspunkte zu geben.

Was die Mitarbeiterin mutmaßlich zu den Taten getrieben hat, wird ein Psychiater als Sachverständiger im Strafprozess analysieren.

Das geschieht sicher schon jetzt. Die ermittelnden Kriminalbeamten befragen die Frau zu ihrem Motiv, sie vernehmen ebenso Kolleginnen und Kollegen und die Klinikleitung. Da wird man erfahren, ob sie ihre Arbeit bisher still und akkurat gemacht hat oder eher widerwillig, ohne Empathie für die Bewohner. Da kommt man schon bald zu einem Persönlichkeitsbild.

Profiler und Autor Axel Petermann
Profiler und Autor Axel PetermannFoto: picture alliance/dpa

Zur Person: 

Axel Petermann war Chef der 1. Mordkommission der Bremer Kriminalpolizei. Er setzte sich seit 1999 kritisch mit den FBI-Methoden des sogenannten Profilings auseinander und baute die Dienststelle Operative Fallanalyse aufderen Leiter er bis zu seiner Pensionierung 2014 war. Seither  beschäftigt sich der 68-jährige im Auftrag von Angehörigen und Anwälten mit der Aufklärung von ungeklärten Todesfällen. Er ist seit mehr als 20 Jahren Berater des Bremer „Tatorts”, vier seiner Fälle wurden im „Tatort” dargestellt. Petermann lehrt als Dozent für Kriminalistik an der Hochschule Mittweida.

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