• PRO & Contra: Sollte der 9. November ein offizieller Feiertag sein?

PRO & Contra : Sollte der 9. November ein offizieller Feiertag sein?

Guido Berg

PRO & Contra Es gibt keinen unschuldigen deutschen Tag. Nicht nach Auschwitz. Unsere Nation ist die einzige, die eine andere mit industriellen Mitteln zu vernichten suchte. Auch der 3. Oktober, der nicht „Nationalfeiertag“ sondern „Tag der deutschen Einheit“ heißt, ist Ergebnis von Verdrängung. Er scheint weniger belastet als der 9. November, dem Tag der Maueröffnung und der Pogromnacht. Doch das ist ein Irrtum, Deutsche werden an keinem Tag unbefangen feiern können. Am 3.Oktober gibt es dafür nicht mal einen Anlass. Es gibt nichts zu feiern an einem 3. Oktober. Im kollektiven Gedächtnis der Deutschen gibt es für diesen Tag keinen Eintrag. Es ist der Beitrittstag, ein Verwaltungsdatum. Ist der Masochismus, der darin aufscheint, dass Deutsche an einem beliebigen Tag „feiern“, die richtige Reaktion auf Auschwitz? Nein. Denn darin liegt keine Hoffnung, keine Konstruktivität für spätere Generationen. Dafür steht aber der 9.November, der deutsche Tag schlechthin, an dem sich Erinnerungen und Reflexionen entzünden. Sogar für Holocaust-Überlebene muss es ein Aha-Effekt gewesen sein: Deutsche, die ihr Leben riskieren für die Freiheit. Wahnsinn! Der 9.November markiert das Ende des kalten Krieges – für alle, nicht nur für Deutsche. Und der 9. November ist der Tag der Pogromnacht (1938), des Hitler-Putsches (1923), der Ausrufung der Republik (1918), der Ermordung Robert Blums (1848), ein Tag zum Feiern, Denken, Trauern, der wahre deutsche Feier- und Gedenktag. Guido Berg Die Nachfrage eines italienischen Journalisten war es, die in den Abendstunden des 9. Novembers 1989 die Mauer zwischen der DDR und der BRD öffnete. Etwas früher und chaotischer als eigentlich geplant vollzog sich, was nicht mehr aufzuhalten war. Dieser Tag soll und muss gefeiert werden. Doch ob man diesen 9. November gleich zum Nationalfeiertag erheben soll, das wurde und wird gern diskutiert. Die Teilung Deutschlands, die mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges begann und im Kalten Krieg gnadenlos vollzogen wurde, fand an diesem Novembertag ein friedliches Ende. Doch dieser 9. November markiert auch einen der radikalen Schritte des Dritten Reiches hin zum industriellen Massenmord an den europäischen Juden. In den Abendstunden des 9. Novembers 1938 begannen die staatlich geduldeten und gesteuerten massiven Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung. Die Reichskristallnacht ist mahnendes Beispiel für die dunklen und abgründigen Seiten, die Deutschland der Welt zeigte. Wer kann, wer will an so einem Tag national verordnet feiern? Am 9. November 1923 versuchte sich Adolf Hitler in München an die Macht zu putschen. Am 9. November 1925 wurde die SS gegründet, Hitlers Eliteeinheit, die vor allem bei der Ermordung der sechs Millionen europäischen Juden in Erscheinung trat. Zum Nationalfeiertag ausgerufen läuft der 9. November Gefahr, nur mit der Maueröffnung in Verbindung gebracht zu werden. Dafür wiegt dieses Datum in der deutschen Geschichte zu schwer. Dirk Becker