• Potsdamer Laden "Lieblingsfach": Von der Nähmaschine ins Lieblingsfach

Potsdamer Laden "Lieblingsfach" : Von der Nähmaschine ins Lieblingsfach

Im neuen Laden "Lieblingsfach" in Potsdam von Anette Gerlach gibt es Kunsthandwerk aus der Region. Die Hersteller mieten dafür eine eigene Regalfläche an. Sie schätzen das einfache Prinzip, die Kunden wiederum die Vielfalt der Produkte.

Anette Gerlach eröffnete im Februar ihren Laden „Lieblingsfach“ in der Gutenbergstraße 22. Ins Regal kommt nur Selbstgemachtes, derzeit von etwa 30 Kunsthandwerkern aus der Region. Einige freie Flächen gibt es noch.
Anette Gerlach eröffnete im Februar ihren Laden „Lieblingsfach“ in der Gutenbergstraße 22. Ins Regal kommt nur Selbstgemachtes,...Fotos: Andreas Klaer

Potsdam - Die Taschen gehen gut. Kosmetik- und Waschtaschen aus bunten Stoffen, jede sieht anders aus. Das Label heißt „Nährumchen“, ein Wortkonstrukt aus nähen und herumliegen, so erklärt es Anette Gerlach. Bei ihr im Laden gibt es die Taschen, Lieblingsfach heißt das Geschäft in der Gutenbergstraße, das sie Ende Februar eröffnete. Hier gibt es Kunsthandwerk von vielen verschiedenen Herstellern aus der Region. Keramik und Schmuck, handgemachte Seife, Papeterie, Taschen, Kindersachen und Küchenschürzen, Strickmützen und Sofakissen. Das Besondere im „Lieblingsfach“: Die Hersteller und Anbieter mieten im Laden von Anette Gerlach Regalfläche in ihrer Wunschgrößenordnung an, auf der sie ihre Dinge präsentieren. Das ist besonders praktisch für Hobbybastler am Übergang zur Professionalität. Wenn es für einen eigenen Laden noch nicht reicht, man aber endlich gerne verkaufen möchte.

Auch bei der Berlinerin Ria Scholl von „Nährumchen“ war das so. Das Nähen abends in der Küche ist für sie Ausgleich zum eintönigen Bürojob. Aber ihre Familie ist längst mit Taschen ausgestattet. Ein paarmal hat sie auf dem Weihnachtsmarkt verkauft und festgestellt, dass ihre Sachen gut bei den Leuten ankommen. Jetzt hat sie ein kleines Gewerbe angemeldet und einen Mietvertrag für ihr ganz eigenes „Lieblingsfach“ abgeschlossen. „27,50 Euro für 80 Zentimeter, das ist in Ordnung“, sagt sie. Ein eigenes Geschäft sei für sie undenkbar, über das Internet zu verkaufen zu aufwendig. Jetzt schickt sie ab und zu ein Paket aus ihrer Berliner Wohnung oder liefert persönlich, Familienausflug nach Potsdam inklusive. Sie erfüllt auch Sonderwünsche von Kunden, die eine bestimmte Größe, einen bestimmten Stoff möchten.

Die Geschäftsidee passt zur Gutenbergstraße

Anette Gerlach freut sich auch, dass das so klappt. Schließlich blieben zehn Prozent des Umsatzes bei ihr im Laden. Zusätzlich zur Regalmiete. Es ist ein Win-win-Geschäft: Ohne diese relativ verlässlichen Einnahmen könnte sie sich die Geschäftsräume in der Innenstadt nicht leisten. 780 Euro Kaltmiete zahlt sie für 45 Quadratmeter. Den Preis findet sie fair. Dafür musste sie dem Vermieter allerdings auch ein genaues Konzept ihrer Geschäftsidee vorlegen. „Ihm gehören mehrere Läden in der Straße und er wollte wissen, ob ich in diese Ecke passe“, sagt sie.

Sie passt. Die Gutenbergstraße ist längst eine kleine aber feine Alternative zur touristischen Brandenburger Straße. In der Gutenberg gibt es kleine Geschäfte mit individuelle Konzepten, Textilien, Kunsthandwerk, Feinkost, Antikes. Direkt neben dem „Lieblingsfach“ gibt es seit 17 Jahren das Soup-Bistro, beide Geschäfte teilen sich einen Hauseingang. Sehr praktisch für Anette Gerlach. „Die bringen mir, wenn ich Stress habe, auch die Suppe rüber an den Tresen.“

Gerlach ist gelernte Schauwerbegestalterin, anschließend studierte sie Textildesign. Der Laden ergab sich aus Zufall, er wurde frei, sie fand ihn gut und musste sich schnell entscheiden. Danach belegte sie ein Existenzgründerseminar der Industrie- und Handelskammer. „Die Idee zu einem eigenen Laden hatte ich ja schon lange im Kopf“, sagt sie. Der Trend gehe zurück von der Massenware zu individuellen Produkten und zum Selbermachen.

Viele Kunden und große Produktvielfalt

Das Konzept, Regalflächen zu vermieten, kannte sie aus anderen Städten. In Berlin gebe es das schon seit einigen Jahren und auch in Potsdam gibt es einen. Das „Wunderscholl“ in der Geschwister-Scholl-Straße verkauft seit 2013 Kunst und Handwerk aus ganz Brandenburg. Nach Regalprinzip. Inhaberin Susann Wolf kam sogar zur Eröffnung vom „Lieblingsfach“. Schauen, was die Kollegin so macht.

Die Kollegin ist nach den ersten sechs Wochen sehr zufrieden. Obwohl es noch Nebensaison ist, kommen viele Kunden, Potsdamer und Touristen. Die Produktvielfalt lädt zum Stöbern ein, hier liegt eben tatsächlich in jedem Regal etwas anderes, eine neue Idee, ein anderer Stil. Die Auswahl, welche Marke ins Regal darf, steuert Anette Gerlach selbst. Sie entwickelt langsam ein Gespür dafür, was zusammenpasst und den Kunden gefallen könnte. Langweilig sei es ihr trotz Einzelkämpferinnendasein nicht, sagt sie. Wenn mal keine Kundschaft da ist, erledigt sie Schreibkram. Im Laden selber helfen im Notfall die großen Töchter. Nach einer Anlaufphase will sie mit dem Geschäft auch für sich selber Gewinn machen, auch an eine anständige Altersvorsorge muss sie denken, momentan eher Nebensache. „Ich will erst mal durchhalten.“

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