• Potsdamer Architekt Ramin Aminian: Verfechter der Qualität von DDR-Bauten

Potsdamer Architekt Ramin Aminian : Verfechter der Qualität von DDR-Bauten

Der Potsdamer Architekt Ramin Aminian schätzt Qualitäten von DDR- und Barockarchitektur zugleich und plädiert für ganzheitliches Bauen. An der Gestaltung einigen Potsdamer Bauten lässt er allerdings kein gutes Haar. 

Der Architekt Ramin Aminian vor seinem jüngsten Projekt "Am Eichenhof". 
Der Architekt Ramin Aminian vor seinem jüngsten Projekt "Am Eichenhof". Foto: Ottmar Winter PNN

Potsdam - Über das Wohl und Wehe eines behutsamen Umgangs mit DDR-Architektur wurde in Potsdam in den vergangenen Jahren kontrovers diskutiert – Abriss-Debatten um die ehemalige Fachhochschule, das Rechenzentrum oder das Mercure-Hotel zeugen davon. Dass er funktioniert, zeigt der Potsdamer Architekt Ramin Aminian. Er hat sich 2018 der ehemaligen Edeka-Kaufhalle an der Heinrich-Mann-Allee angenommen und den 1957 errichteten Flachbau so saniert, dass dessen Charakter und Qualitäten bewahrt blieben. Im Dezember wurde das Gesundheitszentrum „Am Eichenhof“ eröffnet, mit einer Apotheke, einer neurologischen Kinderarztpraxis und einer Sozialstation für Senioren.

Aus der ehemaligen Kaufhalle in der Heinrich-Mann-Allee ist ein Gesundheitszentrum geworden. 
Aus der ehemaligen Kaufhalle in der Heinrich-Mann-Allee ist ein Gesundheitszentrum geworden. Foto: Ottmar Winter PNN

„Die Architekten anno 1957 bauten am Gebäude kleine Raffinessen ein. Sie neigten das Dach, so dass sich die Deckenplatte zur Straße anhebt. Sie gliederten die Front mit Vor- und Rücksprüngen“, sagt Aminian. „Die großen Schaufenster vermitteln Leichtigkeit. Dann noch kleine Besonderheiten, wie das große Erkerfenster an der jetzigen Apotheke oder die vier flankierenden Säulen.“ Alles, was das Gebäude jetzt an gestalterischer Qualität zu bieten hat, habe es auch schon vorher gegeben, so Aminian. „Es musste nur aus dem Schlaf geholt werden.“

So sah die ehemalige Kaufhalle vor der Sanierung aus. 
So sah die ehemalige Kaufhalle vor der Sanierung aus. Foto: Andreas Klaer

Der 42-jährige Architekt und Honorardozent für Architekturtheorie stammt aus Dortmund, seine Eltern haben iranische Wurzeln. Die Architektur entdeckte Aminian erst spät über den Umweg als Immobilienkaufmann, als solcher hatte er sich vor allem mit der Wertermittlung und dem Rating von Gebäuden beschäftigt. Dies habe ihm einen umfassenden Blick auf Bauwerke ermöglicht, so Aminian. Trotz seiner kaufmännischen Ausbildung sind ökonomische Gesichtspunkte nicht das Wichtigste für Aminian, Ästhetik und der Bezug auf Geschichte und Umfeld spielen eine entscheidende Rolle für ihn.

Seit 2012 ist Aminian als freischaffender Architekt in Potsdam tätig. Die architektonische Entwicklung der Stadt sieht er seit längerem kritisch: „Potsdam ist in den letzten Jahren mit jedem Neubau beliebiger geworden. Es geht beim Bauen auch darum, den Geist des jeweiligen Ortes aufzunehmen, also auf die Umgebung einzugehen“, sagt Aminian. „Viele Gebäude, die jetzt entstehen, tun das nicht, sie könnten genauso in Hannover oder Bielefeld stehen.“ Als Beispiel nennt Aminian die Neubauten in der Mies-van-der-Rohe-Straße im Bornstedter Feld: „Da stehen ununterscheidbare Schuhschachteln, Mies van der Rohe würde sich im Grabe herumdrehen.“ 

Missverstandene Moderne

Moderne Architektur, wie sie von Bauhaus-Pionieren wie van der Rohe mitbegründet wurde, werde oft missverstanden, sagt Aminian: „Es ging damals um Minimalismus und Vereinfachung, doch das wird heute oft als falsche Anweisung verstanden, dass man sich keine Mühe mehr geben müsse.“ Architektur dürfe nicht nur auf Funktionalität und Profit ausgerichtet sein, sondern müsse auch für spätere Generationen noch funktionieren. Als Beispiele nennt Aminian das Holländische Viertel oder die ehemaligen Kasernen in der Jägervorstadt: Die wurden als Zweckbauten für Handwerker und Soldaten errichtet, sind aber immer noch architektonisch attraktiv.

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Den Umgang mit der ehemaligen Fachhochschule sieht Aminian kritisch: „Das Gebäude gehörte mit zur Geschichte der Stadt, und moderne Architektur hat ebenso seine Daseinsberechtigung wie barocke Architektur.“ Auf der anderen Seite hält er den Nachbau des Palais Barberini für eine verpasste Chance, das Alte mit dem Neuen zu verbinden: „Herr Plattner würde als Kunstsammler sicher nie ein Replikat kaufen, hier aber hat er ein Replikat errichten lassen“, sagt Aminian. Das Barberini sei einem mit Nutella umhüllten Graubrot vergleichbar, das vorgebe, ein Kuchen zu sein. Dabei gehe es auch anders: Der Schweizer Architekt Peter Zumthor etwa habe mit dem Kunstmuseum des Erzbistums Köln „Kolumba“ gezeigt, dass moderne Neubauten in historischen Umgebungen durchaus harmonieren können. Gleichzeitig begrüßt es Aminian, dass Plattner das Terrassenrestaurant Minsk erhalten habe.

Nutzung über Dekaden

Gute Architektur müsse nicht teuer sein, das sehe man an vielen Gebäuden, die zu DDR-Zeiten entstanden seien: „Wir dürfen nicht die Aufbruchsstimmung vergessen, die es in den 1950er und 1960er Jahren in Ost wie West gab, die Baukörper von damals spiegeln das wider“, sagt Aminian. Solche Architektur könne gut über mehrere Dekaden genutzt werden, auch wenn ihre Erschaffer in einer Diktatur gelebt haben und ideologische Vorgaben umsetzen mussten: „Dennoch waren die Menschen damals imstande, durch echte Gefühlsregungen eine gestalterische Qualität hervorzubringen, die wahrhaftig war“, sagt Aminian. Er würde sich wünschen, dass in Zukunft die Qualitäten des Alten mehr in die Gegenwart übersetzt würden, ohne das Alte zu kopieren. Aminian sucht in Potsdam nach weiteren Sanierungsprojekten, an denen er sein Verständnis von Architektur unter Beweis stellen könne.

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