• Potsdam und das Coronavirus: Eine Spur der Verunsicherung

Potsdam und das Coronavirus : Eine Spur der Verunsicherung

Ansturm auf Schutzmasken und Desinfektionsmittel, mehr Hygiene im Einkaufscenter - und einige Gelassenheit: So bereitet sich Potsdam auf einen möglichen Ausbruch vor.

Ein Schild weist in der Apotheke in den Potsdamer Bahnhofspassagen darauf hin, dass Mundschutz und Desinfektionsmittel nicht erhältlich sind.
Ein Schild weist in der Apotheke in den Potsdamer Bahnhofspassagen darauf hin, dass Mundschutz und Desinfektionsmittel nicht...Foto: Andreas Klaer

Das Coronavirus breitet sich auch in Deutschland aus. Wie reagieren die Menschen in Potsdam auf die Lage? Welche Auswirkungen hat die Ausbreitung des Virus bereits vor Ort? Ein Überblick.

VORKEHRUNGEN TREFFEN

„Innerhalb eines Tages haben die Leute bei uns 90 Atemschutzmasken reserviert“, sagte Dietlind Gallin, Apothekerin in der Löwen-Apotheke in der Brandenburger Straße. 120 habe die Apotheke bestellt, diese hätten einen speziellen Filter. Denn: „Einfache Stoffmasken ohne Filter bieten keinen Virenschutz.“ Lieferengpässe gebe es beim Desinfektionsmittel. Das gut wirksame Mittel „Virogat“ sei bereits seit Wochen ausverkauft. Auch eine Mitarbeiterin der Wilhelm-Apotheke am Platz der Einheit berichtete von Lieferengpässen: „Wer uns nach Desinfektionsmittel und Masken fragt, den müssen wir wieder wegschicken. Einzig Sagrotan ist noch erhältlich.“ In der Apotheke in den Bahnhofspassagen kündet sogar eine große, in orange beschriebene Tafel davon, dass Atemmasken und Desinfektionsmittel nicht mehr erhältlich seien.

AUSWIRKUNGEN AUF DIE WIRTSCHAFT

Die Potsdamer Industrie- und Handelskammer (IHK) erklärte, die Auswirkungen des Coronavirus seien in der regionalen Wirtschaft zu spüren. „Die rasche Ausbreitung des Virus sorgt für zunehmende Verunsicherung in den Unternehmen“, sagte die Referentin für Zoll- und Außenwirtschaftsrecht Annelie Heim. Die IHK empfiehlt den Firmen, sich „regelmäßig über die aktuelle Lage zu informieren“. Das Bundesamt für Katastrophenschutz und Katastrophenplanung habe in einem Handbuch zur „Betrieblichen Pandemieplanung“ Checklisten zusammengestellt, die Unternehmen helfen sollen. Auch Produktionsanpassungen sollten vorbereitet werden, da Lieferwege beeinträchtigt werden könnten.

Die Potsdamer Handwerkskammer wollte sich mit Prognosen zurückhalten. „Die Auswirkungen sind noch nicht einzuschätzen“, sagte Hauptgeschäftsführer Ralph Bührig. Eine weitere Ausbreitung könne die deutsche Industrie jedoch nachteilig beeinflussen. „Dann wären insbesondere auch industrienahe Zuliefer- und Dienstleisterbetriebe des Handwerks betroffen“, sagte Bührig. Derzeit lasse sich eine solche Entwicklung bei den Potsdamer HWK-Mitgliedern aber nicht absehen.

MEHR HYGIENE

Im Einkaufszentrum Stern-Center habe man alle verfügbaren Schutzmaßnahmen ergriffen, sagte Centermanager Frank Kosterka den PNN. „Unsere Reinigungsdienstleister nehmen ohnehin an jedem Morgen eine Grundreinigung vor, die an den neuralgischen Punkten noch verstärkt wurde.“ Vier Reinigungskräfte seien zusätzlich angehalten, mehrmals am Tag Schwerpunktstellen wie Klinken, Bedienknöpfe oder Treppengeländer verstärkt zu reinigen. Zudem stünden für Kunden und Mitarbeiter mehrere Spender mit Desinfektionsschaum zur Verfügung.

Das Einkaufszentrum Stern-Center in Potsdam.
Das Einkaufszentrum Stern-Center in Potsdam.Foto: Andreas Klaer

In den Bahnhofspassagen geht man ähnlich vor, wie Centermanagerin Jana Strohbach sagte. Mitarbeiter und Mieter seien sensibilisiert, zudem würden die Passagen einmal täglich gründlich geputzt. Das Reinigungsteam wurde um einige Mitarbeiter aufgestockt, die ebenfalls die frequentierten Punkte wie Fahrstühle, Treppengeländer und dergleichen besonders sorgfältig reinigten. „Die neuen Kollegen sind zu den Hochfrequenzzeiten, also zwischen sechs Uhr in der Früh bis mindestens 20 Uhr abends, unterwegs. Wenn sie hinten fertig sind, fangen sie vorne wieder an.“ Zudem wolle das Centermanagement noch diese Woche mindestens fünf Desinfektionssäulen aufstellen.

WENIGER TOURISTEN?

Potsdams Tourismus schrieb zuletzt Rekordzahlen. Ob die Branche unter dem Coronavirus leidet, ist bislang ungewiss. „Es ist noch zu früh, um dazu etwas sagen zu können“, sagte Olaf Lücke, Brandenburger Hauptgeschäftsführer des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga). Dauert die Epidemie an, kann sich das ändern. Schließlich gehören China und Hongkong zu den wichtigsten Herkunftsländern ausländischer Touristen – dort gelten bereits Reiseeinschränkungen. Der Dehoga-Bundesverband spricht bisher nur von vereinzelten Stornierungen. In den Schlössern und Gärten wirkt sich die Epidemie bisher ebenso nicht aus. „Der Januar hat im Vergleich mit dem Januar 2019 sogar ein leichtes Plus von 1,56 Prozent“, sagte Schlösserstiftungssprecher Frank Kallensee.

Die Bundespolizei in Potsdam hat dagegen eine erste Konsequenz gezogen: Die Luftsicherheitstage in Potsdam am 4. und 5. März sind abgesagt. So soll sichergestellt werden, dass alle Beamten der Bundespolizei an den deutschen Flughäfen zur Verfügung stehen, wie die Behörde auf ihrer Internetseite mitteilte. Aufgrund der Unvorhersehbarkeit der weiteren Ausbreitung des Virus werde es in diesem Jahr keinen Ersatztermin geben.

UMGANG MIT KINDERN

Eltern sollten mit ihren Kindern bewusst, aber ruhig besprechen, wie groß die Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus im eigenen Umfeld tatsächlich sei. Das sagte der Psychologe Günther Esser von der Akademie für Psychotherapie und Interventionsforschung der Universität Potsdam den PNN. Gerade ängstlichere Kinder reagierten sehr sensibel auf die Eltern. Wer das Coronavirus für eine unmittelbar bevorstehende Katastrophe halte, „überträgt die eigene Angst möglicherweise auch auf sein Kind und schafft mehr Stress als nötig, der sich dann möglicherweise auch auf das Immunsystem des Kindes auswirken kann“, sagte Esser.

MASSNAHMEN IN PFLEGEHEIMEN

Für ältere Menschen ist die Infektion mit Corona offenbar gefährlicher als für junge und gesunde. Das gilt allerdings für viele Infektionskrankheiten. Deshalb gelten für Seniorenheime generell hohe Hygienestandards. Für die Bewohner sei die Epidemie noch kein großes Thema, sagte Hausleiterin Julia Martsch vom Johanniter-Quartier in Potsdam-West. Doch natürlich bereite man sich vor. Es gebe einen Pandemieplan, der aktiviert werde, wenn es einen Ausbruch gebe.

REISEN – ODER LIEBER NICHT REISEN?

Vergleichsweise entspannt stellt sich die Lage in Reisebüros dar. Es habe nur wenige Stornierungen für die betroffenen Regionen gegeben, sagte Anja Reinsch vom Reisebüro Schmidt in der Brandenburger Straße. Ein Gast habe seinen Flug nach China storniert, ein Ehepaar seine Italienreise in der Planung verworfen. Agenturleiterin Carola Rouvel vom L’tur-Shop sagte, derzeit habe ihre Filiale in der Friedrich-Ebert-Straße noch keine Stornierungen vornehmen müssen.

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