• Potsdamer Pilzberater über die Pilzsaison 2018

Pilzsaison 2018 : Höchstens eine Fette Henne

In diesem Jahr wird es schwierig, Pilze zu finden. Der Potsdamer Wolfgang Bivour hat so etwas in mehr als 40 Jahren als Pilzberater noch nicht erlebt. Ein paar Tipps gibt es trotzdem

Sandra Dassler
Pilzberater Bivour: „Das hat es noch nie gegeben.“ Das Foto entstand 2017.
Pilzberater Bivour: „Das hat es noch nie gegeben.“ Das Foto entstand 2017.Foto: Sebastian Gabsch

Potsdam - Gerade noch war man tief verzweifelt, mutlos nach langer, vergeblicher Suche – kaum noch willens, das Auge schweifen zu lassen. Aber da! Ist das nicht …? Kann es wirklich sein? Man wagt kaum zu atmen, wenn man auf das Objekt der Begierde zugeht. Schließlich hat es sich allzu oft als trügerisch erwiesen, war am Ende nur ein Blatt oder eben ungenießbar. Aber dieses Mal ist er echt: Kerzengerade steht er da. Stolz und jung, soeben erst gewachsen und strahlend im Schein der tief stehenden Sonne. Der perfekte (Stein-)Pilz, der Lohn aller Mühen, der Triumph eines jeden Sammlers.

Man kann regelrecht süchtig werden nach solchen Momenten, doch in diesem Jahr besteht dafür kein Risiko, sagt Wolfgang Bivour: „Denn es gibt schlicht und ergreifend keine Pilze. Jedenfalls keine, die der normale Pilzsammler so kennt: Steinpilze, Maronen, Butterpilze, Pfifferlinge … – alles Fehlanzeige.“ Wer sich auskenne, finde vielleicht mal eine Krause Glucke, auch Fette Henne genannt, „aber das ist schon ein Glücksfall“.

"Eine außergewöhnliche, weil total pilzfreie Saison"

Der 68-Jährige, der im Ortsteil Satzkorn lebt, beschäftigt sich von Kindesbeinen an mit Pilzen. Seit mehr als 40 Jahren ist er ehrenamtlicher Pilzberater, hat über seine Passion auch schon ein Buch verfasst und betreibt eigentlich jedes Jahr im Herbst auf dem Wochenmarkt am Bassinplatz einen Pilzberatungsstand. Doch eine Situation wie 2018 hat er noch nie vorher erlebt. „Wir haben eine außergewöhnliche, weil total pilzfreie Saison“, sagt er: „Das kommt natürlich von der ebenfalls außergewöhnlichen Trockenheit. Wir hatten viel zu wenig Niederschlag und der war gleich wieder weg. Und außerdem war es viel zu warm.“ Die Folgen sind bekannt. Der Klimawandel mache nun mal auch vor den Pilzen nicht halt, konstatiert Bivour. Die meisten von ihnen leben in Symbiose mit Bäumen und wenn die Bäume wegen der Trockenheit sterben, gehen auch die Pilze ein. Allerdings erholen sie sich sehr viel schneller als Bäume, die ja Jahre brauchen, um zu wachsen.

„Pilze können sich schneller auf die veränderten Bedingungen einstellen und sind nach kurzer Zeit wieder da“, sagt Paul Heydeck vom Landeskompetenzzentrum Forst in Eberswalde. Und das sei auch gut so, denn sie erfüllen wichtige Funktionen in der Natur. So sorgen die von sich zersetzenden organischen Stoffen lebenden sogenannten saprobiontischen Pilze dafür, dass wir nicht im Holz ersticken. Die in friedlicher Symbiose mit den Bäumen lebenden Pilze wiederum versorgen diese mit Wasser und Nährstoffen über die sogenannte Mykorrhiza, wobei der Pilz sozusagen die Aufgaben der Baumwurzeln übernimmt.

Die Suche lohnt höchstens an Seen, Flüssen oder in Feuchtgebieten

Deshalb sollten Sammler Pilze niemals herausreißen, sondern sauber abschneiden oder – wenn es zur Bestimmung notwendig ist – vorsichtig herausdrehen. Die Krause Glucke hingegen ist ein reiner Parasit, der den Baum der Bäume in Brandenburg, die Kiefer, bevorzugt – und wohl auch in diesen Tagen beispielsweise am Störitzsee im Landkreis Oder-Spree gesichtet wurde.

Wenn es derzeit überhaupt eine Chance gibt, andere Pilze zu finden, dann an Seen, Flüssen oder in Feuchtgebieten, wo der Boden noch nicht völlig ausgetrocknet ist, sagt Paul Heydeck. Oder auf Wiesen, wo der Regen, wenn er denn kommen sollte, auch die Erde erreicht. Im Wald sei das nicht garantiert.

Mit den ersten Nachtfrösten ist die Saison vorbei

„Ich war ja immer noch optimistisch“, sagt Wolfgang Bivour: „Aber jetzt glaube ich eigentlich auch nicht mehr daran, dass noch etwas Nennenswertes an Pilzen wächst. Es müsste längere Zeit regnen, dann würde es auch noch mehrere Tage dauern, bis die Pilze aus dem Boden sprießen.“ Ein „open end“ aber gibt es bei der Pilzsaison nicht: Mit den ersten stärkeren Nachtfrösten ist sie vorbei.

Mahlzeit aus dem Wald: Ein Bild aus besseren Tagen.
Mahlzeit aus dem Wald: Ein Bild aus besseren Tagen.Foto: Patrick Pleul/dpa

Der einzige Vorteil, den die ausgefallene Pilzsaison hat, besteht darin, dass die 32 Pilzberater in Brandenburg nicht so in Anspruch genommen werden wie sonst. Sie seien viel zu wenig – und sie würden immer älter, sagt Wolfgang Bivour, der auch Vorsitzender des Brandenburgischen Landesverbandes der Pilzsachverständigen ist. Es gebe zwar Fördermittel für Aufklärungsmaterial und Vorträge, aber die Beratung an sich werde nicht honoriert. Und dabei sei die Zahl der Pilzsucher in den Brandenburger Wäldern nicht weniger geworden. „Allerdings kommen heute vor allem Berliner“ – Wolfgang Bivour gerät ins Erzählen: „Früher waren das Sachsen, deren Betriebe hier Ferienheime hatten. Da wussten wir schon, wenn die Ferien begannen, dass es bald wieder Vergiftungen mit Pantherpilzen geben würde. In Sachsen, vor allem im Erzgebirge, wächst nämlich der genießbare Perlpilz, der dem Pantherpilz leider sehr ähnlich sieht.“ Das passiere den Berlinern kaum. Die erwischten dafür öfter mal einen Giftchampignon. Die seien aber nicht so gefährlich wie der Pantherpilz,oder gar der tödlich giftige Grüne Knollenblätterpilz, sagt Wolfgang Bivour. Wenn er als Pilzexperte ins Krankenhaus gerufen wird, geht es meist darum, dass Kinder einen Pilz verschluckt haben, den weder Eltern noch Ärzte kennen.

Nur 32 Pilzberater im Land - der Nachwuchs fehlt

Ob die Zahl der Pilzvergiftungen generell zu- oder abgenommen hat, wisse niemand. Anders als in der DDR seien Pilzvergiftungen nicht mehr meldepflichtig, sagt Bivour. Seine Lieblinge sind übrigens der Flockenstielige Hexenröhrling und der Tintenfischpilz. Aber auch die sind in diesem Jahr rar. Außerdem mehren sich inzwischen die Warnungen vor Waldspaziergängen. Vor allem bei Wind müsse man sehr vorsichtig sein, weil viele abgestorbene Bäume ihre Äste verlieren oder umzustürzen drohen.

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