Potsdam : Pflaumenbaum und Luftschutzbunker

Auf einem Sumpfgelände am Ende der Templiner Straße entstand 1937 der Kleingartenverein „Waldwiese“

Auf einem Sumpfgelände am Ende der Templiner Straße entstand 1937 der Kleingartenverein „Waldwiese“ Gerade in diesem Jahr tragen die uralten Pflaumenbäume auf der Waldwiese reichlich Früchte. Einige stammen noch aus den 30er Jahren und waren ein Geschenk der Stadt. Damals hatte Oberbürgermeister Hans Friedrichs den Entschluss gefasst, die Freundschaftsinsel in ein städtisches Erholungsgebiet zu verwandeln – wie es mit dem Foersterschen Staudengarten als Herzstück ja dann auch geschah. Dafür musste die Kleingartenanlage im Ostteil der Insel abgeräumt werden. Den Laubenpiepern wurde als Ersatz am Ende der Templiner Straße, die damals „Colonie Cecilienhöhe“ hieß, ein Wiesen- und Sumpfgelände angeboten. Es war von einem Graben umgeben, mit Tümpeln übersät und ab den 20er Jahren als Müllkippe genutzt worden. Ganz in der Nähe lag im Wald der Selbstmörderfriedhof. Auf dem vorderen Teil der Fläche befanden sich bereits die für die Potsdamer Sportunion (PSU) 04 angelegten Sportplätze. Um die Müllkippe als Kleingartenanlage nutzen zu können, mussten Sumpf und Müll mit Sand aufgeschüttet werden. Er wurde vom Bau der Straßenbahnstrecke zur Ravensburg mit einer Feldbahn über den Telegrafenberg herangefahren. In der 1937 gebildeten Gartengemeinschaft „Waldwiese“ macht sich diese Gründungsgeschichte noch heute bemerkbar: Wer etwas tiefer gräbt, stößt auf alte Töpfe und Geschirr. Manchmal sogar auf etwas Hübsches, was man aufpolieren kann. Nur ein Gerücht ist natürlich, dass gelegentlich wertvolle Münzen aus friderizianischer Zeit gefunden wurden. Da der Müll kaum verdichtet worden ist, beginnt sich manchmal eine Laube zu neigen und bekommt Risse. Besonders schlimm war das Mitte der 50er Jahre, als in der Zeit des Kalten Krieges der Berliner Außenring mit Brücke über den Templiner See gebaut wurde. Bei den Sprengungen für den Bahndamm erzitterte die ganze Waldwiese. Neben dem Pflaumenbaum für jede Parzelle hielt die Stadt 1937 noch andere Gaben bereit: eine Wasserleitung, die als „Pilotprojekt“ erstmals in Potsdam aus Zementasbestrohren gebaut wurde. Undichte Stellen führten später zu beträchtlichen Wasserverlusten, ehe die Leitung vor 20 Jahren durch Eisenrohre ersetzt wurde. Drittes Geschenk: Je vier Parzellen erhielten einen Luftschutzbunker. Die gibt es, inzwischen zum Lagerschuppen oder auch zur Küche aufgestockt und ausgebaut, noch heute. Die ungewöhnliche Gründungsgeschichte mag dazu beigetragen haben, dass sich nahezu alle Vereinsmitglieder, auch die vielen Jüngeren, auf den 119 Parzellen als gute Nachbarn fühlen. Beispielsweise hat sich der Vorstand, wie der im Frühjahr neu gewählte Vorsitzende Hans-Joachim Rasche erzählt, besonders um einen weit über 80-jährigen Gartenfreund gekümmert, der seine Parzelle nicht mehr pflegen konnte, und für den Mann, der keinerlei Angehörige hat, auch die Bestellung eines Betreuers erwirkt. Um solch schwer wiegende Probleme ging es am Sonnabend auf dem Sommerfest der „Waldwiese“ nicht. In fröhlicher Runde wurden vielmehr unter anderem die neuesten Streiche des Fuchses erzählt, der die Gärten seit einiger Zeit nachts besucht. Er stöbert nach Essbarem und bringt geschickt die Mausefallen zum Zuschnappen, um dann den Speck herauszufressen. Neuerdings schleppt Meister Reineke auch Schuhe weg - aber nicht etwa Gartenlatschen; sie müssen aus feinstem Leder sein.

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