Oberlinhaus : In keimfreier Luft

Oberlinhaus feierte Richtfest für OP-Neubau. Dort soll später mit modernster Belüftung operiert werden.

Stefanie Schuster
Richtkranz mit OP-Kittel. Das denkmalgeschützte Ensemble des Oberlinhauses an der Rudolf-Breitscheid-Straße wird durch einen Kubus – hier die Sicht von dessen Dach – für zwei neue Operationssäle ergänzt. Der Neubau soll Ende 2018 fertig sein.
Richtkranz mit OP-Kittel. Das denkmalgeschützte Ensemble des Oberlinhauses an der Rudolf-Breitscheid-Straße wird durch einen Kubus...Foto: Andreas Klaer

Babelsberg - „Das wird ein sehr kurzes Richtfest werden“, kündigte Matthias Fichtmüller, theologischer Vorstand des Oberlinhauses, am Donnerstagmittag den frierenden Gästen an. Bei eisigen Minusgraden flatterte hoch auf dem Gerüst über dem Richtkranz ein grünes OP-Tuch, während unten dem Posaunisten die Töne buchstäblich im Instrument feststeckten. Der Freude der Beteiligten über das Projekt tat das allerdings keinen Abbruch, denn auf dem Innenhof der Oberlinklinik an der Rudolf-Breitscheid- Straße entstehen zwei der modernsten OP-Säle Deutschlands.

Es sei nicht leicht gewesen, im denkmalgeschützten Ensemble des Oberlinhauses einen solch schmucklosen Kubus unterzubringen, betonte Fichtmüller. Umso dankbarer sei man den zuständigen Behörden der Stadt dafür, dass es dennoch möglich ist. Insgesamt 2150 Kubikmeter neue Klinikfläche entstünden mit dem Neubau, sieben Millionen Euro investiert die Oberlinklinik dort. Das Land hat im Rahmen der im Landeskrankenhausplan geregelten Investitionspauschalen 700 000 Euro übernommen. Herzstück des Kubus sind die zwei Operationssäle, die jeweils 52 Quadratmeter groß sind. 1,75 Millionen wird allein der Neubau auf dem Innenhof kosten. Erstmals in Deutschland wird dort das so genannte Opragon-8-Lüftungssystem zum Einsatz kommen, das von einem schwedischen Unternehmen entwickelt wurde. So umfangreich ist die Technik, die man dafür braucht, dass das ganze Erdgeschoss nur dafür reserviert ist.

Prof. Petra Gastmeier, Krankenhaushygienikerin der Oberlinklinik und Direktorin des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin an der Charité, erwartet von der neuen Lüftungstechnik „neue Arbeits- und Hygienestandards“. Zwar werden bereits seit Langem Filtersysteme benutzt, um die Luft in Operationssälen möglichst keimfrei zu halten, doch sind die Mediziner damit häufig nicht zufrieden. Konkrete Zahlen zu neu erworbenen Infektionen mit Keimen, die während einer OP durch die Luft übertragen werden, nennt die Oberlinklinik nicht – es gebe keine validen Studien dazu, hat auch die Oberbayerische Technische Hochschule Amberg-Weiden festgestellt. In ihrem Lehr- und Forschungs-OP hat die Hochschule in den vergangenen Jahren Erfahrungen mit Opragon-8 gesammelt. Durch ein hochkomplexes Filtersystem wird die Luft auf dem Weg in den Saal gereinigt, von oben am OP-Tisch vorbei geleitet und wieder in den Boden abgesaugt; eine leichte Temperaturdifferenz sorgt dafür, dass der Raum direkt am Tisch kühler ist als im Rest des Saals; so bleiben die Luftströmungen getrennt. Deckenauslässe, die weiter entfernt vom Tisch sind, lassen wärmere Luft in den Saal. Durch die Trennung der Luftströme kommt es zudem zu weniger Verwirbelungen an Instrumententischen oder Lampen. „Und das neue System spart sogar 30 Prozent Energie ein“, lobt die Sprecherin des Oberlinhauses, Andrea Benke.

In Zeiten knappen Fachpersonals sei es durchaus eine Errungenschaft, wenn man nicht nur optimale Bedingungen für die Patienten, sondern auch für das vier- bis achtköpfige Spezialistenteam im OP schaffen könne, betont der Geschäftsführer des Oberlinhauses, Andreas Koch. Bereits jetzt stemme man in der Oberlinklinik, zu deren Schwerpunkten die Orthopädie gehört, mit gut 300 Mitarbeitern nahezu 5000 Operationen im Jahr. Betrachte man die steigende Bevölkerungszahl und das zunehmende Alter der hier lebenden Menschen, hieße das: Tendenz steigend. Sind die beiden neuen Säle fertig, geplant ist das für Ende 2018, sollen auch die anderen drei, in denen die Spezialisten derzeit ihrer Arbeit nachgehen, saniert und auf den neuesten technischen Stand gebracht werden. Dafür ist der Löwenanteil der Investition vorgesehen, rund 5,25 Millionen Euro. „Die Sanierung wird im laufenden Betrieb stattfinden. Das wird beinahe die größere Herausforderung“, sagt der Dresdener Architekt Christian Wünning. Dann nämlich müssten die Patienten durch einen Reinraum-Tunnel in den Neubau geschoben werden, während die Arbeiter durch die Fenster ins Haus klettern, um dort ebenfalls unter anderem für reine Luft zu sorgen. Bis Ende 2020 soll das gesamte Bauvorhaben abgeschlossen sein.