• Neuverfilmung von "Das Kalte Herz": Klassiker mit Herz

Neuverfilmung von "Das Kalte Herz" : Klassiker mit Herz

Der Märchenfilm "Das Kalte Herz" von 1950 ist eine Legende aus Babelsberg. Jetzt entsteht dort eine neue Interpretation der Geschichte von Wilhelm Hauff.

Ohne Special Effects. Während Henriette Confurius mystische Gesichtstattoos trägt, muss Frederick Lau sich in seiner Rolle als Köhler jeden Tag schwärzen lassen.Alle Bilder anzeigen
Fotos: Manfred Thomas
09.10.2015 21:45Ohne Special Effects. Während Henriette Confurius mystische Gesichtstattoos trägt, muss Frederick Lau sich in seiner Rolle als...

Potsdam - Obst- und Gemüsereste liegen überall auf dem Boden verteilt. Dort vermischen sie sich mit dem schlammig aufgeweichten Boden, der nur von flackernden Lampen beleuchtet wird. Die Häuser mit dunklen Dächern stehen dicht an dicht, formieren sich zu Gässchen und Winkeln, die im tiefen Schatten liegen. Düster, fast ein wenig schaurig wirkt die Dorfplatz-Kulisse für die Neuverfilmung des Märchenklassikers „Das Kalte Herz“, die auf dem Babelsberger Filmstudiogelände errichtet wurde – und gibt damit die Stimmung des Films wieder, der laut Regisseur Johannes Naber („Zeit der Kannibalen“) aus den klassischen Märchenmustern heraustreten und eher eine emotionale Geschichte voller Mystik und Poetik erzählen wird. Noch bis Ende Oktober dreht er mit seiner Crew die letzten Szenen in den Babelsberger Studios, mit dabei sind unter anderem seine Hauptdarsteller Henriette Confurius („Geliebte Schwestern“) und Frederick Lau („Victoria“) sowie Sebastian Blomberg („Der Baader Meinhof Komplex“) und David Schütter („Wir sind jung, wir sind stark“). Am vergangenen Donnerstag erlaubten sie der Presse, einen kurzen Blick hinter die Kulissen zu werfen – und schon einmal in den Film einzutauchen, mit dem Naber das Märchen von Wilhelm Hauff neu interpretiert.

Sehnsucht nach Glück und Reichtum

„Für mich geht es dabei um eine Gesellschaft, die sich der Natur bemächtigt, in der langsam ein Kapitalismus entsteht und das Märchenhafte verschwindet“, sagt er. Ihn interessiert dabei aber nicht der Prozess an sich, sondern vor allem, was dieser für die zwischenmenschlichen Beziehungen bedeutet. „Was passiert etwa in einer Familie? Was macht das mit der Liebe? Darauf liegt mein Fokus.“ In diesem Zusammenhang hat er auch neue Konflikte und Figuren eingebaut, wie etwa den Charakter von David Schütter, der Bastian, den Tanzkönig und Sohn des skrupellosen Ezechiel (Roeland Wiesnekker), spielt. „Meine Figur ist quasi eine Abwandlung des Hannes aus dem Original“, so Schütter. „Allerdings gibt es jetzt den Konflikt mit dem Vater, dem der Bastian nie genügt und somit immer versucht, seinen Ansprüchen gerecht zu werden.“ Gleichzeitig sei er auch der Antagonist der Hauptfigur Peter, er verkörpert dessen Sehnsucht nach Glück und Reichtum. Für beides gibt Peter letztendlich sogar sein Herz fort. Für Regisseur Naber ist Frederick Lau für die Besetzung des Köhlers Peter die allererste Wahl gewesen. „Beim Lesen des Textes hat mich sein Gesicht sofort angesprungen“, sagt er. „Außerdem fand ich ihn als Schauspieler schon immer hervorragend und wollte unbedingt mit ihm arbeiten.“

Lau hat auch sofort zugesagt, nicht nur, weil er viel von der Arbeit des Regisseurs hält, sondern auch weil die Rolle für ihn „eine Offenbarung“ gewesen sei. „Im Prinzip darf ich in diesem Film drei Rollen in einer spielen, das ist großartig“, so der Schauspieler, der erst in diesem Jahr für seine Leistung in „Victoria“ mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet wurde. Denn Peter, sagt er, sei erst ein kleiner aufgeweckter Mann, der interessiert an der Welt ist, sich aber auch nach einem besseren Leben sehnt. Daraus entstehe eine Gier, die ihn nicht loslasse und in letzter Instanz zum Holländer Michel (Moritz Bleibtreu) gehen lässt, von dem er schließlich als völlig anderer Mensch zurückkehrt. „Er ist jetzt jemand, der versucht, die Menschen zu manipulieren und die Welt an sich reißen will“, so Lau.

Emotionale Spannung bis zum Schluss

Kollegin Henriette Confurius, die im Film Peters geliebte Lisbeth verkörpert, zeigt sich schwer beeindruckt von Laus Vielseitigkeit. „Er spielt so zweischneidig und intensiv, das ist wirklich krass und nicht immer einfach dem nachzukommen“, sagt sie. Für sie sei es eine der größten Herausforderungen gewesen, die emotionale Spannung zu halten. „Lisbeth glaubt bis zum Ende an Peter, vertraut ihrer Intuition, rebelliert gegen ihre Eltern. Sie ist schon fast eine moderne Figur, die aus ihrer Zeit ausbricht“, so die Darstellerin. Genau dieser moderne Charakter ist Regisseur Naber sehr wichtig, schließlich will er die Frauenrolle aus dem typischen Märchenklischee herausholen. „Frauen sind in Märchen oft stark objektiviert“, so Naber – der mit seinem Film vor allem junge Erwachsene erreichen will. „Ich möchte aber eine starke junge Frau zeigen, die sich nicht mit dem Schicksal ihres Mannes zufriedengibt und gegen seine Herzlosigkeit ankämpft.“

Überhaupt spielt der Kampf eine große Rolle in seiner Verfilmung, nicht nur der emotionale, sondern auch der tatsächlich physische: Die Protagonisten kämpfen mit Stöcken gegeneinander und selbst die Tanzszenen seien zum Teil Wettkämpfe. Damit Letztere auch auf der Leinwand so echt wie möglich wirken, ist der Tanzboden in der Dorfkulisse besonders stabil gebaut, wie Set-Designer Julian Wagner sagt. „Wir wollten das Stampfen richtig hören und auch auf dem Holz spüren, was super funktioniert.“

Referenzen auf die Defa-Verfilmung

Wo immer es nur geht, hält sich der Film mit Special Effects zurück, ganz vermeiden will er sie allerdings auch nicht. So versteckt sich beispielsweise in der Dorfkulisse zwischen den Häusern ein Bluescreen, in den später Berge eingesetzt werden, weil das Dorf sich in einer Schlucht befinden soll. Auch wenn sich der Film laut Wagner nicht auf ein korrekt historisches Bild festlegt, ist er stilistisch irgendwo zwischen 1600 und 1750 angelegt.

„Dabei durchdringen aber fantastische Elemente fast alle Gewerke“, sagt er. „Egal ob Kulisse, Kostüm oder Maske – zum Beispiel werden die Charaktere mit sehr altertümlichen Tattoos ausgestattet.“ Tatsächlich trägt Darstellerin Confurius filigrane blaue Zeichnungen in ihrem Gesicht und laut Naber erinnert auch das Glasmännchen (Milan Peschel) eher an einen naturvölkischen Druiden, als an einen hutzligen Zwerg. Bei allen Änderungen gibt es trotzdem Referenzen auf die Defa-Verfilmung von 1950 – welche das sind, will Naber allerdings noch nicht verraten.

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