• Nachruf auf Defa-Regisseur Roland Gräf: „Ich hab gemacht, was mir wichtig war“

Nachruf auf Defa-Regisseur Roland Gräf : „Ich hab gemacht, was mir wichtig war“

Roland Gräf war einer der bedeutenden Regisseure der Defa. Er lebte für den Film – von dem er sich mit der Einheit Deutschlands trennen musste. Ein Nachruf.

Axel Geiss
Roland Gräf studierte Kamera an der damaligen Hochschule für Filmkunst der DDR in Babelsberg. 1975 wechselte er endgültig ins Regiefach.
Roland Gräf studierte Kamera an der damaligen Hochschule für Filmkunst der DDR in Babelsberg. 1975 wechselte er endgültig ins...Fotos: Dietram Kleist, Ebert / Defa

Die Frage, welcher seiner Filme sein „Lieblingskind“ sei, ließ er offen. In einem Interview mit Medien-Studenten im Mai 2010 schüttelte er darauf nur lächelnd den Kopf.

Wer Roland Gräfs Filme kennt, versteht, warum er keinen hervorheben wollte. Zu viel Sorgfalt und Leidenschaft stecken in jedem, zu viel Herzblut. Das zu bemerken, dauert vielleicht; denn seine Filme springen einen nicht an, sie sind still und zurückhaltend, ziseliert und genau, eher Dürersche Handzeichnung als expressionistische Malerei. Keine groben Konturen und starken Kontraste, keine holzschnittartige Vereinfachung. Exaltation war Roland Gräf so fremd wie seinen Filmhelden.

In die Wiege gelegt wurden ihm seine Fähigkeiten nicht. Als Sohn eines Waldarbeiters in Meuselbach im Thüringer Wald geboren, kam er 1954 über ein „Notabitur“ an der Arbeiter-und-Bauern-Fakultät (ABF) in die Kamera-Klasse der gerade gegründeten Hochschule für Filmkunst der DDR in Potsdam-Babelsberg. „Richtig entwickelt hat sich mein Filminteresse erst an der Hochschule“, sagte Roland Gräf später. „Ich hab mich beworben, weil sie in meinem Abiturjahr gegründet wurde und Studenten suchte. Ich hatte schon immer fotografiert, Kamera war für mich das einzig mögliche Fach.“ Und weiter: „Geprägt haben mich die Filme, die wir an der Hochschule und in Westberlin gesehen haben: die italienischen Neorealisten und die Russen der zwanziger Jahre und später die Tschechen, vor allem Milos Formans ,Der schwarze Peter’.“

Dazu kamen Hochschullehrer wie Kurt Maetzig und Albert Wilkening und Kommilitonen wie Jürgen Böttcher, Peter Rabenalt, Kurt Barthel, Herrmann Zschoche, verbunden durch ein gemeinsames Ziel: „Wir wollten keine Kunstfilme machen, wir wollten mit unseren Filmen helfen, etwas zu verändern.“

Wie schwierig das war, spürte Roland Gräf bereits bei seinen ersten Spielfilmen. „Wind von vorn“ (1962, Regie: Manfred Nitzschke) wurde ohne Begründung abgebrochen, „Jahrgang 45"“(1966, Regie: Jürgen Böttcher) fiel der Verbotswelle nach dem 11. Plenum der SED zum Opfer.

1970 führte er erstmals Regie: „Ohne das richtige Umfeld wäre das natürlich nicht gegangen. Klaus Poche, der Autor von ,Mein lieber Robinson’, wollte, dass ich die Regie übernehme. Und Studio-Direktor Wilkening hat das unterstützt.“ Mit „Bankett für Achilles“ (1975) wechselte Roland Gräf endgültig das Metier. Danach drehte er als Regisseur weitere acht Spielfilme. Darunter preisgekrönte Arbeiten wie „Die Flucht“ (1976) und „Märkische Forschungen“ (1982), in dem das System DDR rigoros, aber so unpolemisch in Frage gestellt wird, dass die Funktionäre das erst merkten, als der Film in den Kinos war. Auf „Fariaho“ (1983) folgten „Das Haus am Fluss“ (1986) und „Fallada – letztes Kapitel“ (1988), die beim Nationalen Spielfilmfestival der DDR mit dem Hauptpreis ausgezeichnet wurden. Für „Der Tangospieler“ (1991) erhielt Roland Gräf den Bundesfilmpreis: das Filmband in Silber.

Seine Frau Christel Gräf, ebenfalls im Defa-Studio und Dramaturgin bei mehr als dreißig Filmen, bestärkte ihn in seiner Arbeit. Sie entwickelte mit ihm Ideen und Bücher, war an seinen Spielfilmen als Dramaturgin oder auch als Autorin beteiligt. Und sie war besonders wichtig in den schwierigen Phasen, etwa wenn ein Buch abgelehnt wurde.

Diese glückliche Symbiose hat vielleicht dazu beigetragen, dass die Helden seiner Filme weit weg sind von dem, was als sozialistisches Heldentum galt. Sie sind Einzelgänger, die sich – ungewollt, aber unvermeidbar – an den Bedingungen ihres Lebens reiben und mit ihnen kollidieren. Sie sind mitunter Mitmacher, werden „unschuldig schuldig“ und zahlen dafür ihren Preis. Wie die Familie Voß in „Das Haus am Fluss“ oder der Schriftsteller Hans Fallada. Aber sie leben ihre Individualität ganz selbstverständlich, ohne zu kapitulieren. Wie der Landlehrer Pötsch in „Märkische Forschungen“ und der Puppenspieler Fußberg in „Fariaho“. Sie alle können nicht aus ihrer Haut, sie tun, was sie tun müssen.

Das hat sicher mit Roland Gräfs Sicht auf die Welt zu tun, mit seiner Haltung: „Man ist ja nur zum Teil Herr seines Schicksals. Man wird in etwas hineingeworfen, und das macht man oder man weicht aus oder man macht es nicht. Ich hab immer das gemacht, was mir möglich erschien und was mir wichtig war.“

1992 drehte Roland Gräf seinen letzten Defa-Film, „Die Spur des Bernsteinzimmers“. Ihm folgten noch einige Fernsehfilme und drei Drehbücher, für die er keine Produzenten fand: „Die Einheit Deutschlands hat meinen Berufsweg beendet, jedenfalls das Filmemachen. Ich musste auch zuvor durchsetzen, was ich erzählen wollte, aber plötzlich hat sich niemand mehr für das interessiert, was die Öffentlichkeit aus meiner Sicht brauchte.“ Und weiter: „Ich hab das relativ schnell erkannt und hab mir nach den drei Büchern, die keiner wollte, gesagt: So ist es eben, du musst was anderes machen. Das war von 1997 bis 2001 eine Professur für Medienspezifisches Schauspiel an der HFF und auch der Ausbau eines kleinen, vernachlässigten Bauerngehöfts im Fläming.“ Hinzu kam die Wiederentdeckung seiner Liebe zur Fotografie. Davon zeugt besonders sein Foto-Buch „Meine Last Picture Show“ (2016), herausgegeben von der Defa-Stiftung, die ihm 2012 für seine Verdienste um den deutschen Film den Preis der Defa-Stiftung verliehen hatte.

Die Trennung vom Film vollzog Roland Gräf mit der ihm eigenen Konsequenz. Auf die damaligen Veränderungen im Studio Babelsberg – die Aufgabe von Eigenproduktionen und Ignoranz gegenüber den künstlerischen Mitarbeitern der Defa – konnte er nur mit Verweigerung reagieren. So bei der Einladung zu einem Empfang der Stadt Potsdam im Mai 1996 zum 50. Jahrestag der Defa-Gründung. Als er erfuhr, wer daran teilnehmen würde, lehnte er ab: „Das tue ich mir nicht an.“ Dass viele ehemalige Kollegen kommen wollten und Frank Beyer eine Rede halten würde, konnte ihn nicht umstimmen.

Was ihm die Defa-Zeit bedeutet hat, spürten auch die Medienstudenten in dem Gespräch im Mai 2010: „Ich habe hier 30 Jahre gearbeitet. Ich kann nicht sagen, das war richtig und das war falsch. Es war mein Leben.“