• Nach Kritik an Luxusmülleimer: Das Rathaus verteidigt den „Presshai“

Nach Kritik an Luxusmülleimer : Das Rathaus verteidigt den „Presshai“

Der Mülleimer ist im Schwarzbuch des Steuerzahlerbundes gelandet, weil er so viel kostet wie ein Kleinwagen. Die Stadt dagegen betont die Wirtschaftlichkeit – und will fünf weitere Haie aufstellen.

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05.10.2017 21:50

Potsdam - Silbern glänzt er in den paar Sonnenstrahlen, die sich hervorwagen. Mit offenem Maul und mucksmäuschenstill steht er neben dem Nauener Tor und wartet auf Beute, die er mit einem Happs vernichten kann: der Presshai. Der solarbetriebene Mülleimer war eine der ersten beiden Hightech-Tonnen, die die Stadt Potsdam 2016 in den Testbetrieb schickte. Vier weitere Eimer folgten schon bald in Bahnhofsnähe.

Ist diese Art der Müllvernichtung Luxus? Wenn es nach dem Bund der Steuerzahler Brandenburg geht, dann beißt der Presshai ein dickes Loch in die Potsdamer Stadtkasse – und ist deshalb im Schwarzbuch des Steuerzahlerbundes gelandet. Das teilte der Verein am gestrigen Donnerstag mit. Die solarbetriebene Luxusmülltonne der Anta Swiss AG aus der Schweiz kostet pro Tonne rund 10 500 Euro, so viel wie ein Kleinwagen, moniert der Steuerzahlerbund.

Rathaus will fünf weitere Presshaie in Potsdam aufstellen

Die Stadtverwaltung indes glaubt weiter fest an die Vorteile des Presshais: Die Mülleimer seien an Orten aufgestellt worden, wo sehr viel Müll anfalle und wo es keinen Platz für Mülleimer mit großem Fassungsvermögen, sogenannte Unterflurbehälter, gebe, teilt Stadtsprecherin Friederike Herold mit. Die Preise seien zudem vergleichbar mit Anlagen, in denen der Müll unterirdisch gesammelt werde – Unterflurbehälter kosten rund 9700 Euro pro Stück. Die Stadt plane, kommendes Jahr fünf weitere Press-Mülleimer aufzustellen. Sie sollen am Alten Markt, am Ernst-Busch-Platz, am Bassinplatz und an der Babelsberger Straße stehen. Ein weiterer Vorteil sei, dass die Presshaie mobil seien und bei Veranstaltungen an „Müll-Hotspots“ aufgestellt werden könnten. Auch die Wartung sei wesentlich einfacher als bei den teuren Unterflurbehältern. Diese müssten viermal pro Jahr mit Spezialtechnik gereinigt werden, im Gegensatz zum Presshai.

Hinsichtlich der Wirtschaftlichkeit des Presshais müsse man ein „großes Fragezeichen“ setzen, heißt es dagegen vom Steuerzahlerbund. „Zum Wartungsbedarf, den Leerungszyklen und den Unterhaltskosten macht die Stadtverwaltung keine Angaben“, so der Verein. Die Luxusmülltonne koste mindestens das Zehnfache eines „recht ordentlichen und durchaus luxuriösen Abfallbehälters“, heißt es in der Mitteilung zum Schwarzbuch. Ein stabiler Außen-Mülleimer mit einem Fassungsvermögen von 70 bis 90 Litern koste mindestens 300 Euro pro Stück.

„Gerade jetzt im Herbst kann doch Laub auf die Solarpaneele fallen“

„Das ist doch bekloppt“, sagt eine Passantin am Nauener Tor, die ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte. Man wisse nicht einmal, wie viel die Wartung des Mülleimers koste, sagt sie, ganz abgesehen von den Anschaffungskosten. „Deshalb bin ich froh, dass das jetzt aufgedeckt wurde.“ Auch der Steuerzahlerbund mahnt an, dass zur Störanfälligkeit des Presshais keine Erfahrungen vorlägen, man beispielsweise nicht wisse, was passiere, wenn die Solarpaneele der Luxustonne verschmutzt seien. Das Problem vermutet auch die Passantin Claudia Seeger, die den Presshai skeptisch beäugt. „Gerade jetzt im Herbst kann doch das Herbstlaub auf die Solarpaneele fallen“, sagt sie. „Und dann?“

Auch das Fassungsvermögen des Presshais stellt der Steuerzahlerbund infrage. Laut Stadt könne die Mülltonne 700 Liter Abfall schlucken. Laut Angaben des Herstellers seien es allerdings 450 bis 700 Liter. „Die hängen von der Art des Abfalls ab“, erklärt der Vorsitzendes des Brandenburger Steuerzahlerbundes, Ludwig Zimmermann. Daher könne man gar nicht wissen, ob die Potsdamer Presshaie tatsächlich 700 Liter Müll fassten.

Auch Passant Harmut Juchems muss schmunzeln, als er auf den Mülleimer hingewiesen wird. Er und seine Frau sind aus Bremen zu Besuch in Potsdam. Er sei verwundert über den Presshai. „Im Müllauto wird der Abfall doch ohnehin gepresst.“

Hohe Wartungskosten für den Presshai

Auch der Steuerzahlerbund Nordrhein-Westfalen hat Presshai-Alarm ausgelöst. Die Stadt Köln hat ebenfalls gleich mehrere der Mülltonnen aufgestellt. Auf der Internetseite des NRW-Bundes heißt es, wer einen Einspareffekt vermute, werde enttäuscht. Die Kölner Abfallwirtschaftsbetriebe (AWB) müssten für den Presshai-Müll gesonderte Touren fahren. Außerdem seien die Müllsäcke schwerer, „sodass zwar weniger, aber stabilere und teurere Müllsäcke erforderlich sind“. Die AWB rechne mit Mehrkosten von rund 2000 Euro pro Presshai-Standort im Jahr. „Hinzu kommt, dass die Hightech-Behälter höhere Wartungskosten haben“, heißt es vom Steuerzahlerbund NRW. Und weiter: „Der Presshai frisst, finanziell gesehen, seine Vorteile selber auf.“

In Sachen Müllentsorgung scheint die Stadt kein Glück zu haben: Gleich drei unterirdische Glascontainer der Stadt mussten Anfang des Jahres abgebaut werden, weil sie durch eindringendes Regenwasser komplett durchgerostet waren. Im Mai hatte die Stadtverwaltung drei Ersatzstandorte für die verrosteten Container festgelegt. Die neuen Container sind allerdings zum Ärger der Anwohner mehr als einen Kilometer von den ursprünglichen Entsorgungsstellen entfernt. Die Vorlage für ein neues Standortkonzept sei inzwischen fertig, sagte Stadtsprecher Stefan Schulz. Seit Mai befindet sie sich allerdings in der „verwaltungsinternen Abstimmung“, wie es aus dem Rathaus heißt. Noch dieses Jahr solle es aber den Stadtverordneten vorgelegt werden.

Bund der Steuerzahler mit weiteren Kritikpunkten

Nicht nur in Sachen Müll ist der Steuerzahlerbund schon auf Potsdam aufmerksam geworden: In den vergangenen Jahren hatte der Verein mehrfach die Biosphäre als Millionengrab kritisiert und im Sommer auch den Abriss der Tropenhalle gefordert. Bisher zahlt die Stadt rund 1,5 Millionen Euro für den Biosphären-Betrieb. Auch die Kostensteigerungen beim neuen Potsdamer 40-Millionen-Euro-Schwimmbad blu hatte den Steuerzahlerbund auf den Plan gerufen – allerdings ist das Bad, anders als zunächst angedroht, nicht im Schwarzbuch geführt.