• Nach Anschlag in Halle: Jüdische Einrichtungen weiter unter Polizeischutz

Nach Anschlag in Halle : Jüdische Einrichtungen weiter unter Polizeischutz

Jüdische Einrichtungen in Deutschland werden nach dem Anschlag in Halle weiter gesichert - nun auch am Neuen Palais. Auch in den Streit um die Bewachung der Rabbiner-Ausbildungsstätte ist Bewegung gekommen.

„Bis auf Weiteres“ bleiben die Polizeistreifen vor den jüdischen Einrichtungen in Potsdam bestehen, wie hier vor dem Gebäude der Jüdischen Gemeinde in der Werner-Seelenbinder-Straße. 
„Bis auf Weiteres“ bleiben die Polizeistreifen vor den jüdischen Einrichtungen in Potsdam bestehen, wie hier vor dem Gebäude der...Foto: Ottmar Winter

Potsdam - Streifenwagen vor jüdischen Einrichtungen werden wohl auch in Potsdam zu einer dauerhaften Erscheinung. Der nach dem Anschlag von Halle hochgefahrene Polizeischutz werde „bis auf Weiteres und womöglich auch für längere Zeit“ auf diesem Niveau bleiben, sagte der Sprecher des Brandenburger Innenministeriums, Ingo Decker, am Montag auf PNN-Anfrage. Auch über weitere Maßnahmen – und ihre Finanzierung – denkt das Land nach den Vorfällen in Sachsen-Anhalt nach. Und in den Streit um die Bewachung der neuen Rabbiner-Ausbildungsstätte am Neuen Palais kommt nun ebenfalls Bewegung.

Derzeit werden laut Decker sechs jüdische Einrichtungen in Potsdam rund um die Uhr von der Polizei bewacht, unter anderem die Jüdische Gemeinde in der Werner-Seelenbinder Straße oder das Moses Mendelssohn Zentrum am Neuen Markt. Am 21. Oktober werde es ein „Sicherheitsgespräch“ mit dem Polizeipräsidenten, den Vertretern jüdischer Organisationen und dem Brandenburger Kulturministerium geben, so Decker. Dabei wolle man von den Vertretern jüdischer Einrichtungen erfahren, welche Maßnahmen sie sich wünschten und wo es möglicherweise Defizite gebe. Das sei durchaus auch als finanzielles Angebot des Landes zu verstehen, so Decker. Es sei vorstellbar, dass sich das Land künftig an den Kosten etwa für Wachschutz oder Videoüberwachung beteilige oder sie ganz übernehme. Näheres müsse noch besprochen werden. Bislang war man dazu nicht bereit.

Rabbiner Walter Homolka, Rektor des Abraham Geiger Kollegs.
Rabbiner Walter Homolka, Rektor des Abraham Geiger Kollegs.Foto: Ottmar Winter

So hatte etwa die Gesetzestreue Jüdische Landesgemeinde in Brandenburg 2018 wie berichtet beim Land mehr Mittel für Sicherheitsvorkehrungen beantragt, die abgelehnt wurden. Auch andere jüdische Einrichtungen klagen über zu wenig Unterstützung durch das Land Brandenburg. So weist der Rektor des Abraham Geiger Kollegs, Walter Homolka, schon lange darauf hin, dass für das neue jüdische Zentrum, das gerade am Neuen Palais entsteht, nicht ausreichend Schutzvorkehrungen vorgesehen sind.

Bereits jetzt sitzt am Campus Neues Palais das Institut für Jüdische Theologie, wo der akademische Teil der Rabbinerausbildung stattfindet. Die geistliche Ausbildung erfolgt an den beiden Rabbinerseminaren, dem Geiger-Kolleg und dem konservativen Zacharias Frankel College. In dem neuen Zentrum, das derzeit im Nordtorgebäude am Neuen Palais entsteht, sollen alle drei Einrichtungen – also die beiden Rabbinerseminare und das Institut – an einen gemeinsamen Standort untergebracht werden. Dort entsteht auch eine Synagoge, die allen Studierenden und Uni-Mitgliedern offenstehen soll.

Gerade in der Dunkelheit sei das Nordtorgebäude ungeschützt

Das Gebäude soll zwar Fenster aus Panzerglas, Videoüberwachung und eine Schleuse am Eingang bekommen. Doch Homolka bemängelte immer wieder, dass zur Gewährleistung der Sicherheit auch das entsprechende Personal nötig sei. Gerade in der Dunkelheit sei das Nordtorgebäude am Neuen Palais ein „ungeschützt liegender Bau“ an einem lauschigen Plätzchen, das für Terroristen ein leichtes Ziel sei, so Homolka im August.

Im Sommer noch hatte das Innenministerium mitgeteilt, man sehe „keine konkreten Hinweise“ auf das Vorliegen einer Gefährdung, weshalb auch keine weiteren Maßnahmen zum Schutz nötig seien. Später sei vom Land dann immerhin zugesichert worden, dass die Kosten für einen Wachschutz übernommen werden, so Homolka am Montag gegenüber den PNN. Doch der Rabbiner bezweifelt, dass das reicht. „Es ist die Frage, ob ein Wachschutzmitarbeiter den Täter in Halle aufgehalten hätte.“

Homolka fordert höhere Sensibilität der Polizei

Der Anschlag in Sachsen-Anhalt habe gezeigt, dass die Gefährdung dramatischer sei als bislang angenommen, so Homolka. Halle sei keine Metropole, was zeige, dass derartige Anschläge überall passieren könnten. Auch sei der Täter vorher nirgends auffällig geworden, er hätte also von der Polizei nicht im Vorhinein gestoppt werden können. Er erhoffe sich nun eine „sehr viel höhere Sensibilität der Polizei“. Eine konkrete Forderung etwa nach einer dauerhaften Polizeipräsenz wollte Homolka nicht formulieren. „Ich bin kein Experte“, sagte er. „Aber ich erwarte einen angemessenen Schutz.“

Seit Montag steht übrigens auch an der Jüdischen Fakultät eine Streife. „Mal sehen, wie lange“, so Homolka.

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Während des Anschlags waren auch zwei Studentinnen der Jüdischen Theologie aus Potsdam in der Synagoge in Halle. Sie waren im Rahmen einer Art Unterstützungsaktion für kleinere jüdische Gemeinden bei der Jom Kippur-Feier in Halle. Eine der Studentinnen schildert auf Englisch ihre Erlebnisse auf Facebook, das Zacharias Frankel College hat den Bericht veröffentlicht. Darin schreibt die Studentin von der Explosion und den Schüssen, die plötzlich während des Gottesdienstes zu hören waren. Der Wachschutz der Gemeinde habe den Betenden daraufhin erzählt, dass jemand erschossen worden sei und sich alle in die hinteren und oberen Räume der Synagoge zurückziehen sollen. „Ich habe keine Panik verspürt, aber eine überwältigende Trauer“, schreibt die angehende Rabbinerin. 30 Minuten später hätten sie wieder nach unten kommen, die Synagoge jedoch nicht verlassen dürfen. Also habe man den Gottesdienst fortgesetzt, bis das Gebäude evakuiert wurde. Die Anwesenden seien dann in das örtliche Krankenhaus gebracht worden. „Das Personal war warmherzig, einladend, entgegenkommend und entsetzt darüber, was in ihrer Stadt passiert ist“, schreibt sie. In der Cafeteria habe man schließlich das Abschlussgebet zu Jom Kippur beten dürfen, das Ne’ilah. Sie danke „Gott und einer starken Holztür“, dass die Tat misslang, schreibt sie am Ende. Sie wolle sich durch diesen Akt des Hasses nicht dominieren lassen und weiter für jüdisches Leben einsetzen. „Und ich werde weiterhin die Synagoge besuchen.“