Potsdam : Mit dem Fahrrad zur F60

Die Schüler der Klimawerkstatt der Da-Vinci-Schule fahren in die Lausitzer Braunkohletagebaue

Grit Weirauch
Länger als der Eiffelturm. Schüler aus Potsdam-West wollen die Förderbrücke F60 in der Lausitz besuchen und sich über Klimafolgen des Braunkohleabbaus informieren.Alle Bilder anzeigen
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26.03.2014 20:35Länger als der Eiffelturm. Schüler aus Potsdam-West wollen die Förderbrücke F60 in der Lausitz besuchen und sich über Klimafolgen...

Den Namen des Braunkohlebaggers haben die Jungs sofort parat: F60. Ein Monstrum an Technik, die sogenannte Abraumförderbrücke, fast 200 Meter länger, als der Eiffelturm hoch ist. Auf der Computeranimation, die sie per Beamer an der Tafel zeigen, rattern die Zahlen: Zwei Tonnen Kohle fördert die F60 in einer Sekunde. Sowohl die Technik als auch die Masse beeindrucken die Siebtklässler. Dabei geht es ihrem Lehrer Florian Kirchesch eigentlich um etwas Anderes: um die Umweltschäden, die die Braunkohleförderung in der Lausitz verursacht. Doch die Teilnehmer seiner Klimawerkstatt sind auch darüber bestens informiert: über die Verockerung der Spree, die Dörfer, die bereits dem Tagebau zum Opfer gefallen sind, und den Protest der Bürger gegen die Ausweitung des Abbaugebietes. Jetzt wollen sie mit Kirchesch in die Lausitz fahren, um mit den Betroffenen zu sprechen und sich ein Bild vor Ort zu machen. Sie werden wie immer ihr Aufnahmegerät dabei haben und Fragen stellen.

Seit einem Jahr leitet der 37-jährige Ethiklehrer Florian Kirchesch das Projekt der Klimawerkstatt an der Leonardo-da-Vinci-Gesamtschule in der Haeckelstraße in Potsdam-West. Er hat sich zum Ziel gesetzt, die Kinder praktisch lernen zu lassen. Bereits im Herbst sind zwei der Teilnehmer zur Weltklimakonferenz nach Warschau gefahren, haben Interviews mit Teilnehmern der Konferenz geführt. Mit den Audio-Aufnahmen wollen sie sich für den diesjährigen Klimapreis der Stadt Potsdam bewerben. Vor Kurzem statteten sie dem Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK) auf dem Telegrafenberg einen Besuch ab. Mit dem Wissenschaftler Paul Nahmmacher sprachen sie über die Transformation des deutschen Energiesystems und über den Strukturwandel in der Lausitz.

Ziemlich spannend sei das gewesen, sagt zum Beispiel Joshua Kregel. „Er hat so viel gewusst.“ Joshua war schon in Warschau mit dabei, weil er selbst Polnisch spricht, aber auch, weil ihn das Thema Umweltschutz interessiert: „Die Zukunft soll so bleiben oder besser werden“, sagt der 13-Jährige.

„Ich mache die Kinder mit einer gesellschaftlichen Entwicklung bekannt, die sie alle betrifft“, erklärt Lehrer Florian Kirchesch seine Motivation. Zwar handele es sich dabei um „eine sehr langfristige Denke, aber die Kinder bleiben dran“. Nicht zuletzt, weil Kirchesch die sieben Jungen ihre Technikbegeisterung ausleben lässt und sie eigene Erfahrungen machen lässt. „Wir treffen Menschen und es lebt viel über die Person“, sagt Kirchesch.

Derzeit erstellen sie einen eigenen Internet-Blog ihrer Klimawerkstatt – unter der Adresse klimawerkstattleonardodavinci.wordpress.com. Außerdem sammeln sie „Energielecks“ an ihrer Schule. Diese Energielöcher wollen sie der Schulleitung präsentieren und Vorschläge machen, wie sich etwa Heizkosten sparen ließen. So könnte etwa die Mensa gelüftet werden, indem man die Fenster kurz öffnet – anstelle der automatischen Lüftungsanlage, denken sich die Schüler. Sie beteiligen sich auch am Programm Energiesparschule der Stadt Potsdam, bei dem nach einem ausgeklügelten Punktesystem Schulen finanziell belohnt werden, wenn sie ihre Energiekosten senken.

Auch bei der Demonstration für die Energiewende am vergangenen Wochenende waren einige der Schüler mit dabei. Als unabhängige Beobachter, wie Kirchesch betont. In einer Kooperation mit dem Radiosender „Freies Radio“ sollten sie Aufnahmen machen.

Für ihre Fahrt in die Lausitz werden sie selbstverständlich keinen Bus mieten, sondern per Bahn und Rad in die Braunkohledörfer gelangen. Grit Weirauch