• Darum wollen die Bewohner der Babelsberger Wichgrafstraße ihr Haus kaufen

Mieter kämpfen um ihr Haus : Die Wichgrafstraße 11 soll ein Kiez-Treffpunkt bleiben

Hochzeiten, Puppentheater und Weihnachtssingen - die Wichgrafstraße 11 ist nicht nur ein Wohnhaus, hier kommen viele Babelsberger zusammen. Deshalb kämpfen die Mieter um ihr Haus. 

Matthias Zimmermann, Madaida Lemke und Sebastian Könitz (v.l.) wollen gemeinsam mit ihren Nachbarn das Haus kaufen. 
Matthias Zimmermann, Madaida Lemke und Sebastian Könitz (v.l.) wollen gemeinsam mit ihren Nachbarn das Haus kaufen. Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Im Garten hat er seine Hochzeit gefeiert. Daran erinnert sich Sebastian Könitz gern zurück, wie an so viele andere Geschichten, aus dem Haus in der Babelsberger Wichgrafstraße 11. Hier, unweit des Weberplatzes, sitzt er gemeinsam mit Hausbewohnerin Madaida Lemke bei seinem Nachbarn Matthias Zimmermann teetrinkend am Küchentisch und erklärt, warum sie und die 35 anderen Bewohner ihr Haus retten wollen.

150 Besucher beim Puppentheater

„Drei Jugendliche aus dem Haus werden im Frühjahr 18 Jahre alt“, sagt Könitz. Alle sind in dem Haus großgeworden, zusammen erwachsen geworden. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es sowas in Potsdam noch oft gibt.“ Die Hausgemeinschaft in Vorder- und Gartenhaus ist zusammengewachsen, aus Nachbarn sind Freunde geworden und auch für den Kiez ist das helle und freundliche Haus mit grünem Innenhof und großem Garten ein Treffpunkt, sagen die drei Bewohner. Jeden Sommer finde ein Puppentheater statt, bevor es für die Kinder in der Straße wieder in die Schule geht. Bis zu 150 Besucher kämen inzwischen zu der Traditionsveranstaltung. Im Winter gibt es ein Weihnachtssingen, samt hauseigenem Mini-Kammerorchester. „An Heiligabend standen wir im Flur des Vorderhauses, haben Kerzen angezündet und gemeinsam Stille Nacht gesungen“, erzählt Könitz, der seit 2005 im Haus wohnt. Er erzählt es mit einem andächtigen Flüstern – der Moment war für ihn magisch, das wird schnell klar.

Wie berichtet wollen die Hausbewohner, dass die Stadt das Vorkaufsrecht für das Haus prüft, das im Sanierungsgebiet Babelsberg gelten könnte. Eigentlich hatte der Hausbesitzer ihnen angeboten, das Gebäude zu kaufen, doch dann entschied er sich um und will nun an zwei Investoren für 4,2 Millionen Euro verkaufen – rund eine halbe Million mehr, als mit den Mietern zuerst vereinbart wurde. Nun befürchten sie eine Luxussanierung und eine Verdrängung durch steigende Mieten. Das Vorkaufsrecht prüfen kann die Stadt aber erst, wenn der Kaufvertrag zwischen Eigentümer und den Investoren bereits vorliegt. Ob dies inzwischen der Fall sei, konnte die Stadt am gestrigen Freitag auf Anfrage nicht bestätigen.

Bislang hat die Stadt ein Vorkaufsrecht in Babelsberg noch nie ausgeübt

Immobilienexperten sehen das Vorkaufsrecht kritisch. Auch die Stadt äußert sich bislang eher vorsichtig zu dem Thema:  Bislang hat die Stadt das Vorkaufsrecht im Sanierungsgebiet in Babelsberg noch nicht ausgeübt, auch im Rest der Stadt nur in Einzelfällen. Die Voraussetzungen seien nur dann gegeben, wenn Flächen oder Häuser für kommunale Infrastruktureinrichtungen benötigt werden – also zum Beispiel für Schulen oder Kitas. Die Mieter der Wichgrafstraße argumentieren allerdings mit der Erhaltungssatzung der Stadt für das Weberviertel, in der steht, dass eine soziale Durchmischung und Erhaltung der Bewohnerschaft in dem Viertel im Interesse der Erhaltung des Ortscharakters liege.  

Ein Worst-Case-Szenario wollen sich die Bewohner nicht ausmalen

Natürlich müsse man realistisch bleiben, sagt Hausbewohner Zimmermann. „Aber über ein Worstcase-Szenario nachzudenken, lähmt Kräfte.“ Er lebt seit 2012 mit seiner Familie in der Wohnung im Hinterhaus. Damals besuchte er ein Gartenfest in der Wichgrafstraße 11. Zu der Zeit war er auf der Suche nach einer neuen Bleibe. „Ich kam mit einem Kuchen und ging sozusagen mit einer neuen Wohnung“, erzählt er. Die Hausbewohner seien im ganzen Kiez in viele – berufliche und ehrenamtliche – Strukturen eingebunden. Bei einem Verkauf, so befürchtet Zimmermann, würde das abreißen. Und Nachbarin Lemke ergänzt: „Gerade in Babelsberg ziehen viele Menschen weg, die schon immer hier gelebt haben, weil die Mieten zu teuer werden.“ Würde das Haus in der Wichgrafstraße 11 verkauft und die Mieter verdrängt, würde eine große Gemeinschaft einfach wegbrechen, befürchtet sie. Lemke lebt erst seit zweieinhalb Jahren in dem Haus. Als sie auf der Suche nach einer Wohnung war, spazierte sie auf gut Glück durch Babelsberg und wurde durch Zufall in der Wichgrafstraße fündig – und hatte am Ende Glück. „Wir haben im Garten eine kleine Vogelvoliere aufgestellt, als wir kamen“, erzählt sie. Damals war sie nicht sicher, ob ihre Sittiche, die im Sommer draußen flattern dürfen, die Nachbarn mit ihrem Zwitschern stören. Schließlich knüpfte sie so aber die ersten Kontakte. „Ich habe mich total über die Sittiche gefreut“, erinnert sich Könitz. „Meine Mutter hatte auch immer welche.“

Es gibt schon ein Konzept der Mieter

Gemeinsam mit allen Nachbarn wollen Lemke, Zimmermann und Könitz das Haus erhalten, energetisch sanieren und vor allem diejenigen in der Immobilie unterstützen, die derzeit noch wenig Miete zahlen – sie sollen bleiben können. Es gehe ihnen dabei darum, die soziale Durchmischung im Kiez zu erhalten, sagen sie. Dazu haben die Bewohner bereits einen Verein gegründet und ein Konzept erarbeitet. Auch eine Petition zum Erhalt des Hauses haben sie ins Leben gerufen – 1253 Menschen hatten sie bis zum gestrigen Freitag unterschrieben, 1600 braucht es für ein Quorum. Für die Bewohner heißt es nun: Abwarten und Daumen drücken.

Die Petition ist hier zu finden >>