Potsdam : Letzte Ruhe im Kolumbarium

Tag des Friedhofs: Bestatter beklagen Schwund der Begräbniskultur, während andere „all inclusive“ bietet

Erhart Hohestein

Wird wie in anderen deutschen Städten auch in Potsdam die Bestattung im Kolumbarium an Gewicht gewinnen? So werden altrömische Grabkammern mit reihenweise übereinander angebrachten Nischen zur Aufnahme von Urnen bezeichnet. Auf dem Friedhof Groß Glienicke wurde 2004 eine solche Beisetzungsstätte geschaffen, sie ist aber bisher die einzige geblieben. Auf dem gestrigen „Tag des Friedhofs" veranstaltete die von Gunther Butzmann geleitete Friedhofsverwaltung deshalb eine Meinungsumfrage, was die Potsdamer von solchen Grabanlagen halten. „Wenn der Wunsch danach besteht, müssen wir darauf reagieren", erklärte Butzmann.

Der Fachbereichsleiter Grün- und Verkehrsflächen, Frank Steffens, der die Informationsveranstaltung auf dem Alten Friedhof eröffnete, sieht die Potsdamer eher als Anhänger einer konservativen Begräbniskultur, die sich Neuerungen nur schwer aufschließen. Dagegen beklagten auf dem Informationstag von den PNN befragte Bestattungsunternehmen, Friedhofsgärtnereien und vor allem Steinmetze einen deutlichen Schwund der traditionellen Begräbniskultur. „Die Ansprüche an ein Grabmal werden immer geringer“, bedauert der auch durch seine Restaurierungsarbeiten für die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten bekannte Stahnsdorfer Steinmetzmeister Heinz- Otto Melior. Im Bemühen um Kostenbegrenzung nutzten Angehörige der Verstorbenen immer stärker „Discounter“, die es auch auf diesem Gebiet inzwischen gebe. Anspruchsvolle Grabsteine oder gar figürliche Darstellungen würden immer seltener in Auftrag gegeben. Tatsächlich warb gestern ein Unternehmen mit dem Slogan „all inclusive“, wie man ihn bisher eher für den Türkei- oder Karibikurlaub kennt.

Alle mit dem Begräbnis verbundenen Leistungen und Formalitäten einem Bestattungsinstitut zu übertragen, kann für die Hinterbliebenen durchaus hilfreich sein. Angesehene Unternehmen, bei denen eine pietätvolle und solide Ausführung vorausgesetzt werden darf, haben allerdings ihren Preis. Für eine relativ einfache Grablege rechnete gestern ein Mitarbeiter dem Ratsuchenden 3000 Euro hoch.

Auch deshalb wächst angeblich die Zahl der anonymen Beerdigungen auf der „grünen Wiese“ rapide an. Für Potsdam kann dies Gunther Butzmann jedoch nicht bestätigen. „In den letzten beiden Jahren ist die Zahl gleich geblieben“, erklärt er. Werten möchte er diese Beerdigungsform nicht. „Wir beraten unsere Kunden neutral und sind für alle Wünsche offen.“ Etwas anders liest sich das im offiziellen Friedhofswegweiser der Stadtverwaltung, der gestern zum Mitnehmen bereitlag: „Anonyme Urnenbeisetzungen hinterlassen eintönige Grasflächen. Niemanden scheint es mehr zu interessieren, wer dort wann und wo beigesetzt wurde.“

Noch keineswegs ausgestorben sind auch in unserer Zeit der Singles und Kleinfamilien anspruchsvolle Familiengrabstätten, nicht mehr mit 10 bis 12, aber immerhin noch mit durchschnittlich vier Grabstellen. Etwa zehn Anträge dieser Art erhält die Friedhofsverwaltung jährlich, wobei in der Regel alte, aufgegebene Anlagen genutzt werden.

Die Würde und Schönheit solcher Erinnerungsstätten machte gestern Dr. Klaus Arlt deutlich. Der beste Kenner der Potsdamer Friedhofsgeschichte führte eine große Interessentenschar unter anderen zu den Grabmalen für die Familien des Hofgärtners Krausnick und des Rechnungshof-Vizepräsidenten Ehrhardt. Beide sind in jüngster Zeit wieder hergerichtet worden, wozu die Restaurierung der kunstvollen schmiedeeiserne Umzäunungen gehörte. Finanziert wurden diese Arbeiten mit Hilfe der Denkmalpflege.

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