• Kriminalität: In Potsdam gab es 2018 insgesamt 31 Messerattacken

Kriminalität : In Potsdam gab es 2018 insgesamt 31 Messerattacken

Am Mittwoch wurde ein Mann zu einer Gefängnisstrafe wegen einer Messerattacke am Hauptbahnhof verurteilt. Es war einer von 31 Vorfällen in Potsdam, bei denen im Jahr 2018 ein Messer zum Einsatz kam.

Am Hauptbahnhof Potsdam kam es in den zurückliegenden Monaten immer wieder zu gewalttätigen Vorfällen.
Am Hauptbahnhof Potsdam kam es in den zurückliegenden Monaten immer wieder zu gewalttätigen Vorfällen.Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Am Mittwoch ist in einem Prozess vor der Ersten Strafkammer des Potsdamer Landgerichts ein Mann schuldig gesprochen worden, der im Herbst 2018 einen anderen Mann am Potsdamer Hauptbahnhof lebensgefährlich verletzt hat.

Der 21-jährige Haben M. aus Eritrea muss insgesamt drei Jahre und sechs Monate wegen versuchten Totschlags und schwerer Körperverletzung ins Gefängnis. Der Eritreer soll mit einem Messer neunmal auf einen Landsmann eingestochen haben. Weil er zur Tatzeit gerade sechs Wochen 21 Jahre alt war, ist kein Jugendstrafrecht angewendet worden. Vor einer härteren Strafe hat ihm kurioser Weise die Aussage des Opfers vor Gericht bewahrt. 

Die Sache draußen "geklärt"

Am 28. Oktober vergangenen Jahres war M. gegen 20.15 Uhr mit dem 40-Jährigen aneinandergeraten. Nach einer verbalen Auseinandersetzung in einem Grillrestaurant im Hauptbahnhof, gingen Täter und Opfer auf den Parkplatz hinter dem Lokal, "um die Sache zu klären", wie der Vorsitzende Richter am Landgericht, Theodor Horstkötter, erklärte. Nach Ansicht des Gerichts griff M. dort den 40-Jährigen mit einem Messer an und stach neunmal auf ihn ein: In die Seite, den Arm, das Gesicht seines Kontrahenten. Der sank blutend auf die Knie. Dann folgte der Schlag ins Gesicht, der dem 40-Jährigen das Nasenbein brach. M. verließ daraufhin den Tatort. Ein Bekannter, der die beiden Männer noch auf dem Parkplatz sah, alarmierte den Notarzt, als er die Verletzungen des Opfers feststellte. Seinem Eingreifen und dem schnellen Eintreffen der Rettungskräfte ist es wohl zu verdanken, dass der Mann nicht verblutete. Die Zeit vor der Tat ist dokumentiert - von einer Überwachungskamera. 

Kurze Zeit nach seinem Angriff stellte sich M. und gab zunächst gegenüber der Polizei an, er habe sich lediglich gewehrt, sein Opfer sei es gewesen, der ihn mit einem Messer angegriffen habe. Das sagte später vor Gericht aus, es habe kein Messer gesehen.

Opfer schreibt sich erhebliche Verantwortung zu

Dies habe laut Richter Horstkötter vermutlich daran gelegen, dass der 40-jährige Geschädigte erheblich alkoholisiert war: 2,0 Promille seien bei ihm festgestellt worden. "Außerdem ging alles sehr schnell", so Horstkötter. Außerdem habe das Opfer zugegeben, dass er den 21-Jährigen bereits im Restaurent aufgefordert hatte, die Streitigkeiten draußen vor der Tür zu klären. "Er schrieb sich erhebliche Verantwortung zu", sagte Horstkötter zur Aussage des 40-jährigen Geschädigten. 

Die Hintergründe der Tat sind laut Horstkötter nicht abschließend zu klären. Anscheinend gebe es eine „tiefe Abneigung“ zwischen Täter und Opfer. Möglicherweise waren ethnische Gründe oder unterschiedliche politische Ansichten Auslöser der Tat. Auch persönliche Gründe könnten eine Rolle gespielt haben, da es bereits einige Wochen vor der blutigen Tat im Oktober 2018 zu einer Auseinandersetzung der beiden Männer gekommen sein soll. Das Gericht sei allerdings davon überzeugt, dass dem Täter das Schicksal des Opfers an jenem Herbsttag egal gewesen sei. Er habe die tödlichen Verletzungen billigend in Kauf genommen, sagte er in seiner Urteilsbegründung. 

Flucht über Sudan und Italien

M. ist 2016 nach Deutschland gekommen. Aus Eritrea flüchtete er bereits 2013, nachdem man ihn dort gewaltsam als Soldat rekrutiert hatte. Seine Flucht führte ihn zunächst nach Äthiopien, dann entschloss er sich 2016 gemeinsam mit seiner Freundin zur Flucht nach Europa. Über Sudan, Libyen, Italien und die Schweiz kam er schließlich nach Rheinland-Pfalz, wo seine Freundin gemeinsam mit den beiden Kindern des Paares lebt. M. zog wegen einer Arbeitsstelle in einem Internethandel nach Deutschland, Deutsch lernte er bei seiner Ankunft. Laut Richter Horstkötter sei M. ein Sprachtalent. "Sie sind ein Mensch, der sich vorbildlich integriert", so der Richter zu M., der das Urteil bewegt entgegennahm. Dies sei ein richtiger Weg, den er fortführen solle. In der Haft solle M. die Zeit nutzen, um Weiterbildungsangebote wahrzunehmen. Es werde eine schwere Zeit, aber er solle als Ziel vor Augen behalten, nach der Haft für seine Kinder da sein zu können, so Horstkötter.

Sicherheit am Hauptbahnhof ein Dauerthema

Am Potsdamer Hauptbahnhof kommt es immer wieder zu Zwischenfällen. Deshalb gilt er laut Brandenburgs Innenminister Karl-Heinz Schröter (SPD) als Kriminalitätsbrennpunkt. Wie berichtet soll im Herbst das brandenburgische Innenministerium die Sicherheitslage am Potsdamer Hauptbahnhof erneut überprüfen, nachdem weitere Sicherheitsmaßnahmen im April angekündigt worden waren.

Insgesamt hat es im Jahr 2018 laut der Polizeilichen Kriminalstatistik in ganz Brandenburg 387 Messerangriffe gegeben, im gesamten Potsdamer Stadtgebiet waren es 31 Taten, bei denen ein Messer zum Einsatz kam. In ganz Brandenburg verübten die Angriffe insgesamt 428 Tatverdächtige, davon waren 195 keine deutschen Staatsangehörigen. In wurden 13 Tatverdächtige registriert, die nicht aus Deutschland kamen. Insgesamt 28 Tatverdächtige wurden registriert. Das geht aus einer Antwort des Landtages auf eine Kleine Anfrage des AfD-Abgeordneten Thomas Jung hervor.