Potsdam : Kraftvoll schwebend

Lichtspiel-Tanztheater bei „Stadt für eine Nacht“ im T-Werk zu erleben

Astrid Priebs-Tröger
Spielt mit Licht. Laura Heinecke. F: A. Klaer
Spielt mit Licht. Laura Heinecke. F: A. Klaer

Keck steckt die Tänzerin ihre Nasenspitze durch den schwarzen Vorhang. Behutsam schiebt sie ihren geschmeidigen Körper hinterher, um dann neugierig die Schaukel auszuprobieren, die auf der dunklen Bühne hängt. Schon die ersten Momente der Aufführung des Lichtspiel-Tanztheaters „Das kleine Licht bin ich“ für Kinder ab drei Jahre im T-Werk zeigen, wohin die Reise geht.

Und auch, wem dabei die Hauptrollen zukommen: Licht und Schatten, Realität und Fantasie, Musik und Stille und natürlich dem nonverbalen Spiel mit alledem. Denn kaum hat die Tänzerin die Schaukel, die sich schnell als aufgerollte Projektionsfläche entpuppt, bewegt, taucht dahinter ein tennisballgroßes Licht auf. Und mit diesem – und seinen vielen Brechungen und Variationen – tritt die Tänzerin – die Potsdamer Choreografin Laura Heinecke – eine Dreiviertelstunde lang in entdeckungs- und bewegungsfreudigen Kontakt.

Zuerst hinter und dann auch immer wieder vor den insgesamt drei weißen Projektionsflächen, auf die sie anfangs bekannte kindliche Schattenspiele projiziert. Viele werden sich an die Kinderzimmerwand erinnert fühlen, wie dort aus einer lange Nase wilde Tiere wurden, Hasenohren, alte Weiber oder Krokodile. Schöner Schauer vor dem Schlafengehen. Auch Laura Heinecke zog damit die Drei- bis Neunjährigen am Freitagvormittag sofort in ihren und natürlich in den Bann des kleinen Lichtes.

Doch auch als erwachsener Zuschauer schaut man fasziniert zu. Denn dieses Licht (Live-Projektionen von Heide Schollähn) kann fast alles. Mal ist es wie ein roter Ballon oder ein reifer Apfel, dann wieder wie ein Himmelskörper, eine schwere, hochsommerlich untergehende Sonne. Die kleinen Zuschauer sehen in ihm sogar Ameisen und Schneeflocken. Und irgendwann tanzt es blutrot wie ein Feuerball in den Händen der jetzt schattenhaften übergroßen Frau und erinnert an ein Gemälde, das man schon mal gesehen zu haben glaubt. Und während man dieser stillen Sequenz träumerisch nachsinnt, bringen einen die lebhaften Kommentare der kleinen Zuschauer zurück in die Realität und die größeren Kinder denken auch gerade laut darüber nach, ob in der wunderbar schwebenden Inszenierung von Jens-Uwe Sprengel nur zwei oder doch noch mehr Beamer zum Einsatz kommen. Währenddessen wechselt der Pianist Nicolas Schulze zwischen weißem Klavier und Glockenspiel und dann wieder zum Kontrabass und imitiert wenig später mit kräftigen Blasgeräuschen aus seinem Mund einen handfesten Sturm. Jetzt wirbeln Tänzerin und Luftballon heftig durch die Gegend, um dann kurz darauf sanft durch stille Wasser zu gleiten.

Es ist ungemein anregend, sich ganz diesem kleinen Lichtspiel zu überlassen. Auch, weil die Inszenierung gekonnt mit Brüchen arbeitet und der Musiker und die Tänzerin, die hier zum ersten Mal live zusammenarbeiten, zum Beispiel mit der wild-jazzigen Basspercussion auch in tänzerischen Kontakt treten. Der Titel des Tanztheater-Lichtspiels erinnert lautmalerisch an den des bekannten Kinderbuchklassikers von Mira Lobe „Das kleine Ich bin ich“. Mit diesem verbindet ihn nicht nur die gleiche spielerische Leichtigkeit, sondern auch die philosophische Tiefe, die man mit Menschen ab drei Jahren sowohl im Spiel als auch im Gespräch sehr wohl hinkriegen kann. Die grafisch-klaren Bilder der Inszenierung klingen nach und setzen wahrscheinlich auch noch in ein paar Tagen ein Gespräch zwischen Jung und Alt in Gang – oder fort. Astrid Priebs-Tröger

Zum letzten Mal zu sehen ist „Das kleine Licht bin ich“ am heutigen Samstag bei „Stadt für eine Nacht“ um 15.30 Uhr im T-Werk, Schiffbauergasse