• Kolumne | PYAnissimo: So viel Schönes, so viel Leid, wie geht das zusammen?

Kolumne | PYAnissimo : So viel Schönes, so viel Leid, wie geht das zusammen?

Sonne, 14 Grad, Zitronenfalter – doch im Gegensatz zum erlösenden Frühlingstraum erleben wir einen Albtraum in der Politik. Unserer Kolumnistin fällt das Schreiben in diesen Zeiten schwer.

Während in Potsdam endlich der Frühling einkehrt, herrscht in der Ukraine bitterer Krieg.
Während in Potsdam endlich der Frühling einkehrt, herrscht in der Ukraine bitterer Krieg.Foto: Ottmar Winter PNN

Es gibt Zeiten, da finde ich Kolumne schreiben unendlich schwer: Wenn das Wetter so wunderbar ist, dass man nicht am Schreibtisch sitzen will. Oder wenn die Lage so miserabel ist, dass es einfach nichts gibt, worüber man ansatzweise humoristisch schreiben könnte.

Jetzt gibt es beides auf einmal. Endlich Frühling, Sonne, 14 Grad. Gestern flatterte direkt vor mir ein Zitronenfalter über den Bürgersteig. Das war früher mein Lieblingsschmetterling. Als Kind war das eine sehr wichtige Frage, welcher Schmetterling einem der liebste war. Um die anderen lebenswichtigen Dinge hatte sich die kluge und vernünftige Erwachsenenwelt zu kümmern.

Im Gegensatz zum erlösenden Frühlingstraum erleben wir jetzt einen Albtraum in der Politik. Was soll ich dazu noch schreiben? Empörung und Hilfsbereitschaft gibt es – Gott sei Dank – in Hülle und Fülle. Wenn die Katastrophe nur endlich aufhören würde, bevor wir uns daran gewöhnen! Erst sind es ein paar Tage, dann Wochen, dann vergessen wir das Datum, wann es angefangen hat.

Opas waren im Krieg, Papas nicht

Krieg: Als Kind kannte ich die Vokabel nur aus dem Geschichtsunterricht und von Opa. Opas waren im Krieg, Papas nicht. Alles Vergangenheit, alles weit weg. Bis 1981, Kriegsrecht im Nachbarland, da sagten die Eltern mit ungewohntem Ernst in der Stimme: Falls die DDR Soldaten nach Polen schickt, geht Vater lieber ins Gefängnis. Die kluge und vernünftige Erwachsenenwelt war plötzlich undurchsichtig und beängstigend geworden. 

Dann kamen Afghanistan, Irak, Jugoslawien. Demonstrationen am Potsdamer Denkmal für den unbekannten Deserteur. Das übrigens eine besondere Geschichte hat: Gebaut wurde es 1989 vom Bildhauer Mehmet Aksoy für den Friedensplatz in Bonn. 

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Dort wollte es die CDU-geführte Stadtpolitik nicht haben. Aber es war nun mal da, und gerichtlich wurde durchgesetzt, dass es für eine Stunde gezeigt werden durfte, auf einem LKW stehend. 1990 wurde es auf Initiative des Freundeskreises Wehrdiensttotalverweigerer nach Potsdam geholt.

Wenn es mehr Deserteure gäbe, gäbe es weniger Krieg, vermute ich. Aber im Augenblick kommt der Krieg von ganz oben. Nichts scheint mehr klar und einfach: gut oder böse, nützlich oder gefährlich, machen oder nicht machen. Ich will kein Politiker sein, ich beneide unseren Potsdamer Gewinnerkanzler nicht ein bisschen.

Was mich erfreut hat zuletzt: Dass Schüler endlich kostenlos die Potsdamer Gedenkstätte Lindenstraße, das Nazi- und Stasigefängnis, besuchen können. Das war vor wenigen Wochen eine kleine Randnotiz im Stadtgeschehen. 

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Solche Orte sind ein wichtiger Kontrast zu unserer sicheren, optimierten und bequemen Welt, in der wir uns höchstens Sorgen um Klopapier und Sonnenblumenöl machen. Und sie werden noch wichtiger, wenn die Menschen, die den Terror erlebten, nicht mehr authentisch berichten können, wie es sich ganz in echt anfühlt, wenn Diktatoren die Welt kaputtmachen.

Viel Schönes, viel Leid, wie geht das zusammen?

Am Montag ist Leon Schwarzbaum, einer der letzten Zeitzeugen des Holocaust, gestorben. 101 Jahre alt ist er geworden, er, den die Nazis umbringen wollten, weil er Jude war. Gegen alle Wahrscheinlichkeiten hat er die Hölle überlebt und weitergelebt, für die schönen Dinge der Welt.

Unsere Autorin Steffi Pyanoe ist freie Mitarbeiterin der PNN. Sie lebt in Babelsberg.
Unsere Autorin Steffi Pyanoe ist freie Mitarbeiterin der PNN. Sie lebt in Babelsberg.Sebastian Gabsch

Jetzt also und trotz allem Frühling, Zitronenfalter und alles. So viel Schönes, so viel Leid, wie geht das zusammen? Vielleicht ist es zurzeit wie im Flugzeug: Wenn es da brenzlig wird, muss man zuerst sich selbst die Sauerstoffmaske aufsetzen, um dann mit ganzer Kraft dem Nachbarn helfen zu können.

Dafür ist der Potsdamer Frühling gut geeignet.

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