• Kolumne | PYAnissimo: Himmelfahrt 2031. Ein Villenviertel in Potsdam

Kolumne | PYAnissimo : Himmelfahrt 2031. Ein Villenviertel in Potsdam

Jacuzzi auf dem Dach, Champagner zum Frühstück, Bollerwagen in der Einfahrt. Unsere Kolumnistin macht sich Gedanken zur Zukunft.

Es ist angerichtet (Symbolbild)
Es ist angerichtet (Symbolbild)Foto: Sandra Calvez

Stimme aus dem Off: „Wer hat denn den Bollerwagen in der Einfahrt stehn gelassen? Da wäre ich fast drüber geflogen.“ Heidi betritt den Wohnbereich, in der Hand eine Tüte Fahlandbrötchen. Sie klebt den Lieferschein mit einem Magnet an den Kühlschrank. „Kannst dich auch mal um die Rechnungen kümmern, Tom“, ruft sie, schüttet die Brötchen in einen Korb und stellt ihn auf den Tisch. Sie blickt auf die Uhr. „Dass der Günther nie pünktlich sein kann, so weit isses jetzt echt nicht“.

Tom kommt rein, er hat sich eine Brandenburgflagge um den nackten Oberkörper gelegt und trägt Adiletten. Er fläzt sich in einen Lehnstuhl, streckt dann demonstrativ einen Fuß in die Luft. „Guck mal, was ich in der einen Umzugskiste gefunden habe. Lustig, oder?“ Heidi schaut angewidert: „Lass dich so auf keinen Fall da draußen blicken, Leni kriegt ne Krise.“

„Ist das Bio?“

Draußen Schritte, knirschende Geräusche. Die Tür öffnet sich. „Ich hab das gehöhört, Tach Mami“, sie küsst Heidi rechts und links, nimmt im Vorbeigehen ein Mohnhörnchen aus dem Korb und beginnt, sich die Krümchen in den Mund zu stecken. „Ist das Bio?“ Tom: „Was anderes gibt es doch in Potsdam gar nicht mehr, seit damals, als die Grünen – war das nicht, als wir hierherzogen?“

Heidi brüht sich einen türkischen Kaffee auf: „Oh my God, echt, so lange wohnen wir in diesem – ja wie soll man das nennen?“ Es klopft. „Das wird Günti sein, der ist so süüüß, so höööflich!“ Heidi öffnet die Tür, hilft ihm über die Schwelle. „Sag nichts, ich weiß, barrierefrei ist anders. Aber du kennst ja unser Problem.“ Günther: „Ich habe dir was mitgebracht – Weingelee, von meiner Frau.“ „Toll, supi“, Heidi stellt das Glas vor Tom auf den Tisch. „Und weißt du, irgendwann ist hier auch ne Rampe, ich hab ja nun im September den Termin für die Knie-OP, bis dahin muss was passieren.“ Sie wirkt plötzlich gereizt.

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Günther setzt sich, macht ein unschuldiges Gesicht. Tom beugt sich zu ihm, flüstert: „Sie spricht nicht gern drüber.“ Lauter, zu Leni: „Oder, Leni? Mit Highheels ist märkischer Boden auch ein Abenteuer.“ Leni streckt ihm die Zunge raus, mit Mohnkrümeln.

Champagner vor der Bandprobe

„Also Kinder“, sagt Günther, und holt dabei langsam eine Flasche Champagner aus der Manteltasche, „mit dem Bauamt, das ist so eine Sache. Aaaahber“, er macht eine Pause und wirft einen Blick durch den kleinen Raum, „jahrelang im Bauwagen ist natürlich echt Bockmist. Das hätte meine Frau nicht mitgemacht.“

Steffi Pyanoe ist freie Mitarbeiterin der PNN. Sie lebt in Babelsberg.
Steffi Pyanoe ist freie Mitarbeiterin der PNN. Sie lebt in Babelsberg.Sebastian Gabsch

Heidi entkorkt den Champagner und bringt Gläser. „Aber Günther, ich kann doch wegen einer neuen Stellplatzsatzung nicht die ganze Nachbarschaft bei mir im Keller parken lassen!“ Tom steht auf, holt eine Gitarre und beginnt zu spielen. Es wird etwas laut. Heidi runzelt die Stirn. Tom zuckt mit den Schultern. „Sorry, hab gleich Bandprobe. Und als Coach dieser Superrentnercombo muss ich mich schließlich vorbereiten.“ Er spielt ein fetziges Riff. „Olaf sagt, er hat einen tollen Text geschrieben. Irgendwas mit – ach, habs vergessen.“ Günther setzt das Glas ab, unterdrückt einen kleinen Schampus-Rülps. „Der Olaf hat‘s richtig gemacht, raus aus der Vorstadt, rein ins Zentrum. Zentrum der Macht. Barberini um die Ecke, Physiotherapiepraxis, Uferweg, alles da. Und das beste, da kommste jetzt sogar runter, über die Rampe, der Lift war ja eine Katastrophe.“

Heidi seufzt. „Ob der Wasserdruck hier überhaupt für ein Jacuzzi auf der Dachterrasse reicht?“ Günther runzelt die Stirn. „Da ist was dran. Ich seh’s ja bei uns, der Pegel geht immer weiter runter. Steht heute sogar in den PNN“.

„Ach echt – gibt’s heute eine Zeitung?“ Heidi geht zum integrierten Wanddrucker. Sie gibt einen Code ein. Ein leises Summen beginnt, dann schieben sich mehrere große Blätter aus dem Schlitz. Heidi legt sie fachgerecht zusammen und faltet eine PNN. „Ich frage mich, was aus der Bild geworden ist, die hätten damals auch mit der Zeit gehen sollen.“ Dann knallt sie die Zeitung vor Tom auf den Tisch. „Jetzt räum endlich den blöden Bollerwagen vom Fußweg weg, bevor das Ordnungsamt kommt. Und dann mach mal Günthis Marmeladenglas auf, ich hab Hunger.“

Unsere Autorin ist freie Mitarbeiterin der PNN. Sie lebt in Babelsberg


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